Sonntag, 26. Juni 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Müllers Memo Der Kapitalismus enttäuscht seine Jünger

US-Börse in New York: Die große kapitalistische Umwälzpumpe läuft leer

Wie kann das sein? Weltweit stürzen die Börsen ab, obwohl die Notenbanken immer noch Billionen in die Märkte pumpen. Übliche Erklärungsmuster greifen zu kurz.

Zur Person
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Eigentlich ist Kapitalismus eine tolle Sache. Eines seiner Grundprinzipien lautet: Das Geld der Sparer, die für die Zukunft Geld zurück legen, wird Unternehmen zur Verfügung gestellt, die damit in Geschäfte mit Zukunft investieren. Zwischen Sparern und Unternehmen wiederum stehen Banken und Börsen: Dort wird das Geld gebündelt, neu verpackt und dann verliehen. Eine große finanzielle Umwälzpumpe, die Wohlstandszuwächse ermöglicht wie kein anderes real existierendes Wirtschaftssystem.

Leider scheint dieses Modell so nicht mehr zu funktionieren: Die Unternehmen investieren immer weniger in neue Anlagen und Produkte. Statt dessen schütten sie große Teile ihrer Gewinne an die Aktionäre aus. Wohlstandszuwächse für die große Mehrheit der Bürger gibt es kaum noch. Die große kapitalistische Umwälzpumpe läuft leer.

Wundert es vor diesem Hintergrund irgendjemanden, dass die Börsen weltweit einbrechen? Von Shanghai bis New York fallen die Aktienkurse: Allein in der abgelaufenen Woche verlor der Shanghai SE Composite mehr als 11 Prozent, der Dax fast 8 Prozent, der Dow fast 6 Prozent, der Nikkei mehr als 5 Prozent.

Die übliche Begründung für den Sinkflug lautet: Durch die allgemeine Schwächephase der Schwellenländer, insbesondere Chinas, trübten sich die Absatzerwartungen für die Unternehmen weltweit ein. Außerdem dürfte die amerikanische Notenbank Fed wohl noch diesen Herbst den Leitzins anheben, erstmals seit 2007. Deshalb zögen sich Anleger aus dem Aktienmarkt zurück, parkten ihr Geld anderswo, notfalls in Cash.

Eine ganz normale Korrektur also? Womöglich sogar eine Überreaktion?

Immerhin: Nach gängigen Bewertungsmaßstäben sind amerikanische und europäische Aktien keineswegs haltlos überteuert. Die im Dax zusammengefassten deutschen Konzerne kosteten am Freitag im Schnitt das 15-Fache ihres Jahresgewinns, weniger als im Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre, als das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 19 lag. Ähnlich in den USA: Die Firmen im Dow-Jones-Index kosten das 16-Fache des Jahresgewinns, der 30-Jahre-Schnitt liegt beim 25-Fachen.

Die komplexeren Analysen des Börsenblasen-Gurus Robert Shiller, Nobelpreisträger von der Yale-Universität und Erfinder des Ausdrucks "irrationaler Überschwang", zeigen zwar, dass Aktien im historischen Vergleich nicht gerade billig sind. Von wahnwitzigen Übertreibungen - wie sie Japan Ende 80er, der Westen Ende der 90er Jahre und China erst kürzlich erlebten - sind die derzeitigen Niveaus jedoch weit entfernt.

Und dann sind da noch die Notenbanken: Die Leitzinsen liegen nach wie vor fast überall im Westen bei Null. Die EZB und die Bank von Japan schütten immer noch Billionen aus. Die Inflation ist extrem niedrig (neue Zahlen für Deutschland gibt es Freitag). Öl und andere Rohstoffe werden immer billiger.

All das spricht für eine weiterhin ordentliche Aktienentwicklung - falls das System noch funktionieren würde wie einst.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH