Samstag, 21. Oktober 2017

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Merck-CFO Marcus Kuhnert Warum Merck die derzeit heißeste Wette in der Pharmaindustrie ist

Die Merck-Zentrale im Norden von Darmstadt ist groß wie ein Stadtteil. Am Rande des mehr als 100 Jahre alten Industriekomplexes steht ein großer Altbau: das 1920 errichtet Verwaltungsgebäude, in dessen 2. Stock Finanzvorstand Marcus Kuhnert sein Büro hat. Wenn der in den vergangenen Monaten den Merck-Aktienkurs Börsen-Chart zeigen auf den Monitor holte, hatte er keinen Grund zur Freude: Der Kurs war seit Mai zeitweise um mehr als 20 Prozent gefallen.

Dabei ist Merck im Vorjahr so schnell gewachsen wie selten zuvor: 2016 war der Umsatz nach den geprüften Zahlen des Geschäftsberichts um 16 Prozent explodiert, vor allem dank der Übernahme des US-Laborausrüsters Sigma Aldrich. Organisch wuchs das Geschäft allerdings nur um 3,2 Prozent.

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Im Mai folgte eine Nachricht, die viele Investoren Kuhnert krummnahmen: Er hatte im Bericht zum zweiten Quartal die Erwartungen an die dritte Sparte, das Geschäft mit Flüssigkristallen für Bildschirme, gedämpft, wegen der großen Konkurrenz in China. "Im zweiten Quartal haben wir die Erwartungen für die Sparte Performance Materials angepasst, wir sehen eine Normalisierung der Marktanteile bei Flüssigkristallen auf langfristig 50 bis 60 Prozent", sagt Kuhnert im Interview mit manager magazin, und fügt hinzu: "Wir sind weiterhin Technologieführer."

Das Echo auf den Quartalsbericht war negativ. Die Zahlen zeigten Stagnation, urteilte das "Handelsblatt".

"Stagnation ist doch etwas anderes"

"Stagnation ist doch etwas anderes", kontert der CFO. "Auch organisch wächst der Konzern im einstelligen Prozentbereich." Offenbar kann Kuhnert immer mehr Anleger von seiner Sicht überzeugen: In den vergangenen 30 Tagen gehörte Merck zu den stärksten 10 Titeln im Dax, ein Plus von 6,5 Prozent. Vom August-Tief bei 90 Euro hat sich der Kurs auf mehr als 96 Euro erhöht. Bis zum Mai-Hoch von 114,40 Euro ist noch viel Luft.

Lohnt es sich, in die Kurserholung der Merck-Aktie einzusteigen? Oder überwiegen immer noch die Risiken?

CFO Kuhnert ist überzeugt, dass Investoren den Wert der Medikamentenkandidaten in der Forschungsabteilung des Konzerns zu niedrig ansetzen. Das Darmstädter Unternehmen hatte jahrzehntelang kein vollständig eigenes umsatzstarkes Arzneimittel entwickelt, der frühere Pharma-Vorstand und aktuelle CEO Stefan Oschmann soll den Turnaround der Sparte schaffen. Dabei setzt er auf Immuntherapien gegen Krebs (Immunonkologie), so wie viele große Pharmakonzerne derzeit.

"Lernen aus den Misserfolgen der Konkurrenz"

Marcus Kuhnert: "Auch organisch wächst der Konzern"

"In den vergangenen Monaten hatten wir so viele positive Nachrichten aus unserer Medikamenten-Pipeline wie seit vielen Jahren nicht mehr", sagt Kuhnert. "Das zeigt, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind." Zuerst hat Merck Anträge für Wirkstoffe auf kleinere Indikationen eingereicht, so wie es Standard ist in der Branche, weil die Studien für diese kleineren Krankheitsbilder leichter zu bewältigen sind. Ergebnisse bei der Zulassung für die großen, potenziell sehr umsatzstarken Indikationen sind erst ab Ende 2018 zu erwarten. Die Frage ist, ob Investoren schon vorher Zutrauen fassen, dass Merck die Trendwende in der Arzneimittelforschung geschafft hat.

Kuhnert ist zuversichtlich, dass Merck trotz der großen Konkurrenz einen Teil des Immunonkologie-Markts für sich gewinnen kann. "Wir erwarten nicht, dass es einen einzigen dominanten Anbieter für Immunonkologie geben wird", sagt er. Denn auch wenn ein Wirkstoff bei einer Indikation erfolgreich ist, lasse sich auf diesem Gebiet kaum prognostizieren, wie der Erfolg bei anderen Indikationen sein werde. Kuhnert sieht es positiv: "Das gibt uns die Chance, aus Misserfolgen von Konkurrenten zu lernen."

Sigma-Aldrich-Übernahme gibt Geschäft mit Laborausrüstung einen Schub

Am besten läuft derzeit die dritte Sparte von Merck neben den Flüssigkristallen für Bildschirme und den Medikamenten: Das Geschäft mit Laborausrüstung, das durch die Übernahme von Sigma-Aldrich einen starken (wenn auch teuren) Schub bekam. Auch weil das US-Unternehmen über eine exzellente Online-Plattform verfügt, die Merck nun auch für den Verkauf der seit längerem im Katalog befindlichen Produkte nutzt.

Investor's Darling: Viele Dax-Konzerne tricksen bei ihren Wachstumszahlen

"Die E-Commerce-Plattform ist eines der wichtigsten Assets, die wir mit Sigma-Aldrich erworben haben", sagt Kuhnert. "Es hätte uns 5 bis 10 Jahre gekostet, etwas Vergleichbares zu entwickeln." Die Plattform sei eine wichtige Triebfeder dafür gewesen, dass Merck die Prognose für die Synergieeffekte schon 2016 um 20 Millionen Euro auf 280 Millionen Euro erhöhen konnte.

40 Milliarden Euro für Übernahmen

Weitere große Übernahmen kann Kuhnert aktuell nicht bezahlen. Seit 2002 hat Merck rund 40 Milliarden Euro an M&A-Volumen gestemmt, der größte Teil davon waren Akquisitionen. "Nach Übernahmen entschulden wir den Konzern in der Regel binnen weniger Jahre." Auch nach der Sigma-Aldrich-Übernahme stehe nun die Entschuldung ganz oben auf der Prioritätenliste, sagt Kuhnert: "Ab 2019 haben wir wieder höhere Flexibilität für Übernahmen, dann auch von Unternehmen mit mehr als einer halben Milliarde Bewertung."

Bei der Entschuldung würde ein Verkauf des eher kleinen Geschäfts mit rezeptfreien Medikamenten ("Consumer Health") helfen. Am 5. September teilte Merck mit, den Verkauf zu prüfen, und gab dem Aktienkurs damit Auftrieb.

Es gibt - neben dem steigenden Aktienkurs - weitere Anzeichen dafür, dass die Stimmung gerade dreht, zu Mercks Gunsten. Am 12. September stuften die Analysten der Hamburger Investmentbank Berenberg die Aktie herauf auf "Kaufen": Sie sei "fundamental unterbewertet", die Arzneimittelpipeline "unterschätzt". Als Kursziel gab die Bank 116 Euro aus.

Vielleicht erlebt die Merck-Aktie ja noch in diesem Herbst einen zweiten Frühling.

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