Samstag, 18. November 2017

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Martin Winterkorn vor Untersuchungsausschuss Der Mann, der viel wusste - aber nur wenig sagte

VW-Abgasskandal: Winterkorns großer Tag vor dem Untersuchungsausschuss
Fotos
AFP

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit über einem Jahr hatte Martin Winterkorn eine delikate Mission: Er sollte sich und seinen ehemaligen Arbeitgeber rechtfertigen, ohne sich dabei selbst zu belasten. Der 69-jährige musste Rede und Antwort stehen, ohne dabei etwas zu sagen, was Staatsanwälte oder Ermittler später gegen ihn verwenden könnten. Es war also ein schmaler Grat, auf dem Winterkorn wandeln musste - und er war auf seinen Auftritt augenscheinlich gut vorbereitet.

Ein wenig war es wie früher, als er im anthrazitfarbenen Anzug den Saal betrat. Er schritt ans Podium, im Stakkato erleuchtet von den Blitzen der Fotografen. Ein, zwei Minuten lang stand der lange Zeit mächtigste und bestbezahlte Manager der Bundesrepublik ruhig da, ohne die Miene zu verziehen. Aber auch ohne die Zuversicht und Machtfülle früherer Auftritte auszustrahlen.

Was der jähe und beispiellose Fall vom Autohimmel mit Winterkorn gemacht hat, es ließ sich nur in Bruchstücken erahnen. Etwa in seinem Eingangsstatement vor der Befragung. Da erklärte e nicht nur, dass er es nie für möglich gehalten hätte, dass bei Volkswagen Millionen Kunden getäuscht worden seien. Er sagte dabei auch den schönen Satz: "Anders als von Medien behauptet herrschte bei Volkswagen kein Schreckensregime" - und im Übrigen sei er ein Mensch, der "ein offenes Wort schätzt".

Im Video: Ausschuss mit Winterkorn-Aussagen unzufrieden

"Nicht zu verstehen, dass ich nicht früh informiert wurde"

Nicht zu verstehen sei es, dass er nicht frühzeitig über die Messprobleme informiert worden sei, erklärte Winterkorn gleich zu Anfang. Auffällig oft sprach er von seinem Team, stellte sich selbst als Manager dar, der stundenlang um Lösungen für die bestmögliche Verarbeitung rang.

So weit, so bekannt. Doch an den entscheidenden Stellen, da, wo ein so detailverliebter Mensch wie Winterkorn eigentlich Widersprüche bemerken hätte müssen: Da will Winterkorn dann eben nicht involviert gewesen sein. Stattdessen verweist er dann lieber auf Mitarbeiter, die ihn nicht informiert hätten.

Zu konkreten Zeitpunkten, wann er wovon informiert war - auch dazu will Winterkorn nichts Detailliertes sagen. Da ist er wohl gut von seinen Rechtsanwälten beraten worden, und an deren Grenzen hält er sich eisern. "Dazu sage ich wegen laufender Ermittlungen nichts", "da muss ich sie wieder nach Braunschweig verweisen" - diese Antworten verwendet Winterkorn, wenn er auf allzu direkte Fragen nach bestimmten Tagen oder bestimmten Informationsständen antwortet.

Jedes falsche Wort kann Winterkorn Millionen kosten

Verwunderlich ist es nicht, dass sich Winterkorn so vorsichtig äußert. Wenn er sich hier in aller Öffentlichkeit auf bestimmte Tage festlegen würde, könnte das richtig teuer werden. In Braunschweig laufen Anlegerklagen gegen den Volkswagen-Konzern unter anderem wegen des Vorwurfs, dass VW die Märkte zu spät informiert habe. Da kann jedes falsche Wort Millionen kosten.

Deshalb sieht man Winterkorn bei seiner Aussage vor dem Untersuchungsausschuss als demütigen Manager, der sich entschuldigt, ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Der sich rechtfertigt, ohne je das Wort "Schuld" in den Mund zu nehmen. Und der auch keine klare Erklärung dafür parat hat, wie so etwas passieren konnte bei dem Konzern, für den er über drei Jahrzehnte tätig war.

Dem Ausschussvorsitzenden Herbert Behrens von der Linken geht es nach eigenen Worten nicht um die Frage der persönlichen Schuld, sondern darum, strukturelle Defizite aufzudecken. "Wir als Gesetzgeber müssen in der Lage sein zu erkennen, was möglich ist und was nicht", fasst Behrens das politische Ziel des Untersuchungsausschusses einmal zusammen.

Kritik am Kraftfahrt-Bundesamt

Ob diese Sitzung dazu allzu viel Erhellendes beigetragen hat, das darf allerdings bezweifelt werden. Denn allzu viele kritische Fragen stellen die Untersuchungsausschuss-Mitglieder nicht zum Verhältnis des Volkswagen-Konzerns zu staatlichen Prüf- und Zulassungsbehörden wie dem Kraftfahrt-Bundesamt.

KBA-Chef Ekhard Zinke habe er vor dem September 2015 nicht persönlich getroffen, sagte Winterkorn an einer Stelle beschwörend. Mit den Verkehrsministern Peter Ramsauer und Alexander Dobrindt habe er hingegen regelmäßig gesprochen, doch vor allem über Infrastrukturfragen.

Das KBA, so lässt Behrens später durchblicken, habe sich als Prüfungsbehörde ohnedies komplett diskreditiert. Da müsste es künftig unabhängige, wohl europaweit vernetzte Prüfstellen geben, die Emissionen auch im Alltags-Straßenverkehr messen und nicht nur auf dem Prüfstand.

Doch die unabhängige Prüfung von Motorensoftware auf etwaige Abgasschummeleien dürfte nicht ganz einfach werden, wie man aus Winterkorns Antworten ableiten konnte. Motorensteuerung sei ein sehr komplexer Vorgang, betonte Winterkorn mehrfach. Dafür gebe es bei jedem Autohersteller speziell ausgebildete Ingenieure. Allein der Ausdruck eines Anforderungskatalogs an einen neuen Motor umfasst wohl hunderte Seiten.

Und es dürfte nicht so viele Ingenieure in Deutschland oder in Europa geben, die diese Daten kritisch prüfen können - und nicht längst eine gutdotierte Stelle in der Automobilindustrie haben. Die Lektionen aus der Abgasaffäre dürften also nicht nur Volkswagen und Martin Winterkorn noch länger beschäftigen. Auch die Politik muss einen Weg finden, wie sie solches Spezialwissen künftig überprüfen kann. Und das wird wohl nicht ganz einfach - für alle Seiten.

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