Montag, 24. September 2018

Was die Wirtschaft vom Fußball lernen kann Wer die Bodenhaftung verliert, hat schon verloren

Waren sie sich zu sicher? Das Entsetzen auf dem Platz nach dem Spiel gegen Südkorea ist groß

Das schlechteste Ergebnis seit Fußballgedenken. Das Aus in der Vorrunde. Und das gegen einen Gegner, den wir nicht wirklich auf der Agenda hatten. Die deutsche Fußballnation ist tief erschüttert. In den Medien ist die Rede vom Weltmeister im Konjunktiv. Gemeint sind, vor dem 27. Juni 2018 unvorstellbar, wir. Fest steht: Der 27. Juni 2018 wird wie das "Wunder von Bern" Fußball-Geschichte schreiben. Sobald wir aufgehört haben, uns darüber zu ärgern, dass wir viel zu früh ausgeschieden sind, könnten wir anfangen, aus diesem Erlebnis zu lernen.

Irina Kummert
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    Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels unter Leitung von Julian Nida-Rümelin sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search in Berlin.

Seit der Partie gegen Mexico wurde der deutschen Mannschaft vielfach Hybris unterstellt. Möglicherweise ist das ein nicht unwesentlicher Teil der Wahrheit. Einer Wahrheit, die in unseren Wirtschaftsetagen längst angekommen ist. Die jüngsten Fälle wie der von Rupert Stadler lassen vermuten, dass Selbstüberschätzung bei Topmanagern, und dazu zählt auch der Bundestrainer, kein Einzelfall ist.

Wir sehen uns selbst gerne besser als wir sind

Der amerikanische Biologe Robert Trivers kommt in seiner Studie mit dem Titel Betrug und Selbstbetrug zu dem Ergebnis, dass wir insbesondere dann dazu neigen, uns selbst zu überschätzen, wenn wir glauben, einen Expertenstatus erreicht zu haben. Wir sind Weltmeister und damit sind wir das Maß aller Dinge. Konsequenterweise haben wir keine wirklich ernst zu nehmenden Gegner. Für Trivers sind "die beiden großen Triebkräfte der Selbsttäuschung: übermäßiges Selbstvertrauen und die aktive Vermeidung aller Kenntnisse über die potentiellen Nachteile der eigenen Entscheidungen".

Wir sind überzeugt davon, dass unsere Strategie die richtige ist, geben uns, wie Trivers sagt, "der Illusion hin alles unter Kontrolle zu haben" und wundern uns, wenn wir scheitern. Trivers hält uns in Form eines Experiments einen Spiegel vor: "Zeigt man Menschen eine ganze Reihe von Fotos ihrer selbst, die von 50 Prozent höherer bis zu 50 Prozent geringerer Attraktivität reicht, nennen sie das um 20 Prozent geschönte Foto als ihre Lieblingsaufnahme, die ihnen nach eigener Einschätzung am stärksten ähnelt." Die gute Nachricht ist: "Selbsttäuschung hat ihre Grenzen - ein um 30 Prozent verbessertes Aussehen ist nicht mehr glaubwürdig."

Auch in unseren Wirtschaftsetagen fehlt gelegentlich die Bodenhaftung

Auch in unseren Wirtschaftsetagen gibt es Geschichten von Selbstüberschätzung, die zum Scheitern geführt haben, Geschichten, die etwas damit zu tun haben könnten, dass an irgendeinem Punkt die Bodenhaftung verloren gegangen ist. Es sind Geschichten von Aufstieg und Fall, Geschichten, die wie in einem schlechten Film vorführen, wie der hochdekorierte Topmanager auf der Anklagebank landet.

Ein Thomas Middelhoff mutiert unter den Augen der Öffentlichkeit vom Ausnahmetalent zum Betrüger, gegen den einflussreichen VW-Vorstand Martin Winterkorn wurde ein Haftbefehl erlassen und der als unantastbar geltende Audi-Chef Rupert Stadler sitzt in Untersuchungshaft. Vermutlich hätte keine der genannten Personen eine solche Entwicklung im Entferntesten für möglich gehalten. Dasselbe gilt sicher, wenn auch in anderem Kontext, für Jogi Löw und das Ausscheiden der deutschen Mannschaft in der Vorrunde.

Jetzt erst recht oder Rücktritt?

Wie damit umzugehen sei, dass der schlimmste Fall eingetreten ist, darüber herrscht deutschlandweit Uneinigkeit: Die Meinungen reichen von "Jetzt erst recht" bis "Rücktritt". Spätestens dann, wenn die Ergebnisse nicht mehr stimmen, wenn der Auftrag, der uns erteilt worden ist, die Mission, für die wir angetreten sind, nicht mehr erfüllt werden kann oder nicht erfüllt wurde, könnte es an der Zeit sein, Platz zu machen. Platz zu machen für eine vielleicht bessere, auf jeden Fall aber eine Zukunft. Das hat nicht zuletzt Vorteile für die Person, die diese Entscheidung zu treffen hat. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard bringt es auf den Punkt: "Das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein."

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und schreibt als Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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