Donnerstag, 1. September 2016

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Streit um Vorruhestand Lufthansa-Streik droht, Umstieg auf Bahn gefährdet

Streik "ab sofort möglich": Im Tarifkonflikt der Lufthansa geht es um höhere Gehälter, vor allem aber um die Übergangsrenten für die 5400 Piloten bei Lufthansa, Germanwings und Lufthansa Cargo

Drei Tage lähmten Lufthansa -Piloten im April den Konzern. Tausende Flüge fielen aus, Hunderttausende Passagiere waren betroffen. Jetzt droht ein neuer Arbeitskampf. Für die Kunden könnte es diesmal richtig dicke kommen.

Frankfurt am Main - Um die derzeitigen Regelungen zum Vorruhestand zu retten, macht die mächtige Pilotenvereinigung Cockpit (VC) Druck. Nicht nur für die Passagiere, auch für den neuen Lufthansa-Chef Carsten Spohr kommt die Machtprobe zur Unzeit. Es geht nicht allein um Geld, sondern auch um die Ausrichtung des umsatzstärksten Luftverkehrskonzerns Europas.

"Ab sofort" müsse mit Streiks gerechnet werden, teilte Cockpit mit. Die Pilotenvereinigung hatte die Verhandlungen am späten Freitagabend für gescheitert erklärt und den Ausstand angekündigt. Die Vorwarnzeit für die neuen Streiks könnte laut VC kürzer ausfallen als bei der massiven Streikwelle im April. Seinerzeit waren es 72 Stunden.

Ab wann genau die Piloten ihre Arbeit niederlegen, sagte die Gewerkschaft am Wochenende nicht. Nur so viel: "Es wird kein Passagier erst am Flughafen erfahren, dass sein Flug nicht stattfindet. Er wird ausreichend Zeit haben, auf anderem Weg an sein Ziel zu kommen", versicherte Cockpit-Vorstandsmitglied Markus Wahl.

Die Streik-Ankündigung trifft die Lufthansa in einer schwierigen Zeit. Die größte deutsche Fluggesellschaft steht unter Kostendruck. Unter der Führung Spohrs, seit Mai im Amt, sucht die Lufthansa neue Wege, um wieder mehr Geld zu verdienen. Billigangebote sollen ebenso kommen wie Premium-Dienstleistungen.

Der Markt wird härter für den umsatzstarken aber vergleichsweise renditeschwachen Konzern. Billigflieger wie Easyjet und Ryanair oder staatlich gestützte Angreifer-Airlines wie Turkish oder Emirates drücken die Margen und machen der "Kranich-Linie" das Leben schwer.

Spohr setzt auf Crews außerhalb der Lufthansa-Tarife

Die Lufthansa will Kostennachteile gegenüber Wettbewerbern verringern, dabei sollen die Piloten ein Teil des Konzepts sein. Denn Spohr setzt auf Crews außerhalb der bestehenden Lufthansa-Tarife und auf einen strengen Sparkurs.

Das Personal ist nach dem Kerosin der wichtigste Kostenblock der Airline. Beim jüngsten Tarifstreit im April bezifferte Lufthansa ihre steigenden Pensionsverpflichtungen zum Jahresende 2012 im Inland auf gut elf Milliarden Euro. Etwa 40 Prozent sind davon für die Piloten reserviert, die aber nur 10 Prozent der Belegschaft ausmachen.

Im Schnitt gehen die Lufthansa-Kapitäne derzeit mit knapp 59 Jahren in den Vorruhestand. Sie bekommen bis zum Renteneintritt eine Übergangsversorgung von bis zu 60 Prozent ihres letzten Bruttogehalts. In der obersten Kapitänsstufe beträgt das Grundgehalt 193.000 Euro, inklusive Zulagen können mehr als 255.000 Euro brutto im Jahr erreicht werden.

Streitpunkt Vorruhestand, Umstieg auf Bahn gefährdet

Die Lufthansa will das Eintrittsalter in den Vorruhestand wegen der hohen Kosten und der auf 65 Jahre hochgesetzten Altersgrenze für Verkehrspiloten merklich erhöhen. Dagegen wendet sich die Gewerkschaft. "Man kann einen Piloten nicht ins Cockpit zwingen, der sich nicht fit fühlt", hatte sich der VC-Präsident Ilja Schulz beim dreitägigen Streik im Frühjahr verteidigt. Die Belastungen im Alter seien hoch, Mitarbeiter müssten vorzeitig ausscheiden können und trotzdem eine gesicherte Altersversorgung haben.

Dagegen betonte die Lufthansa mit Blick auf die erneute Streikandrohung der Piloten, es gehe darum, die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns "gemeinsam in einem enorm schwierigen Marktumfeld" zu sichern. Es gebe keinen Grund, die Gespräche nun zu beenden. "Diese Entscheidung ist in keiner Art und Weise nachvollziehbar."

Dennoch drohen nun Streiks, Flugausfälle und ein Imageschaden für die Lufthansa.

Und als wäre das nicht genug: Sollte es zum erneuten Ausstand kommen, könnte das Umsteigen auf die Bahn dieses Mal zum Problem werden. Auch die Lokführergewerkschaft GDL steckt in einem Tarifkonflikt. Am kommenden Mittwoch (27. August) haben die Lokführer in Fulda zunächst zu einer Protestversammlung aufgerufen.

Experte rechnet mit weiteren Arbeitskämpfen bei der Lufthansa

Ein Streik der Piloten-Gewerkschaft Cockpit bei der Lufthansa wäre nach Ansicht des Luftfahrt-Experten Heinrich Großbongardt nur der Auftakt einer Reihe von Tarifkonflikten und Arbeitskämpfen. "Es geht derzeit bei der Lufthansa um grundlegende und tiefgreifende Veränderungen in der Struktur, um wettbewerbsfähig zu bleiben", sagte Großbongardt. "Deshalb wird Cockpit nur den Anfang machen, von den anderen Gewerkschaften wird auch etwas kommen." Sie warteten nur ab, wie sich der Konflikt entwickele und wie die Pläne der Airline im Detail aussähen.

rei/dpa

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