Mittwoch, 19. September 2018

KI und die Folgen Künstliche Intelligenz - lasst euch keine Angst machen

KI und Machine Learning: Gerade in der Transformation sind Fachkräfte wichtiger denn je
Getty Images/iStockphoto
KI und Machine Learning: Gerade in der Transformation sind Fachkräfte wichtiger denn je

Künstliche Intelligenz (KI) gilt als die Zukunftstechnologie schlechthin - aber bei vielen auch als Vernichter von Millionen von Arbeitsplätzen. Doch die Schreckensszenarien fußen auf dürftigen Annahmen. Zeit für ein positives Umdenken.

Sie soll Deutschland zu einem attraktiveren Forschungsstandort machen, neue Wertschöpfungspotenziale erschließen und uns Menschen die Arbeit erleichtern: künstliche Intelligenz. So sieht es ein jüngst veröffentlichtes Papier der Bundesregierung mit Eckpunkten für eine "Strategie Künstliche Intelligenz" in Deutschland.

Michaela Peisger
  • Copyright: Die Hoffotografen
    Die Hoffotografen
    Michaela Peisger ist Chief Financial Officer bei KPMG Deutschland. Sie verantwortet unter anderem die digitale Transformation der Finanzabteilung. Das von ihr entwickelte Zukunftskonzept "Finance 2020" wird im Oktober 2018 eingeführt.

Ich begrüße diesen Vorstoß aus Berlin sehr und halte ihn auch für dringend notwendig. Denn KI und Machine Learning werden unsere Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern - vor allem unser Arbeitsleben wird einen noch nie dagewesenen Transformationsprozess durchlaufen.

Wichtig und richtig erscheint mir in diesem Zusammenhang die Aussage von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der betont, dass beim Thema KI vor allem der Mensch im Fokus stehen sollte. Genau deshalb ist es wichtig bei der Ausarbeitung einer Strategie schnell ein positives Zukunftsbild für das Thema künstliche Intelligenz zu entwerfen.

Wenn ich mir die bisherige Berichterstattung rund um künstliche Intelligenz anschaue, dann ist häufig von signifikanten Rationalisierungsprozessen die Rede. Walter Sinn, Deutschlandchef von Bain & Company, sagte vor wenigen Wochen an dieser Stelle etwas zugespitzt eine "Erosion der Mittelschicht" voraus, weil Digitalisierung und KI den Fachkräftemangel überkompensierten.

Dabei gibt es zur Frage, wie viele Arbeitsplätze durch die Digitalisierung tatsächlich bedroht sind und wie viele parallel neu entstehen könnten, offenbar gar keine gesicherten Erkenntnisse. Es werden Schreckensszenarien von leer gefegten Großraumbüros entworfen und von Menschen, die nicht mehr gebraucht werden, weil sie durch Maschinen ersetzt wurden, die sogar in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen. Diese negativen Bilder verursachen bei den Menschen Zukunftssorgen und lösen zu Recht vielschichtige ethische Diskussionen in unserer Gesellschaft aus.

Negative Einflüsse werden überbewertet

Aktuelle Umfragen zeigen jedoch, dass die Beschäftigungseffekte der Digitalisierung tendenziell eher überschätzt werden und dass die Möglichkeit, einen Beruf prinzipiell zu automatisieren, nur einen kleinen Einfluss darauf hat, ob dies tatsächlich auch geschieht. Nicht nur deshalb plädiere ich dafür, endlich mehr über das enorme Potenzial zu sprechen, das KI sowohl für unsere Wirtschaft als auch unsere Gesellschaft mit sich bringt - auch um damit den Menschen die Angst vor einer automatisierten digitalisierten Arbeitswelt oder einer Zukunft ohne Arbeitsplätze zu nehmen.

In den vergangenen Jahren ist es gelungen, eine so genannte "narrow artificial intelligence" zu entwickeln, eine auf singuläre Probleme zugeschnittene künstliche Intelligenz, die diese besser löst, als es der Mensch je tun könnte. Diese Technologie ist für Unternehmen natürlich interessant, um einfache, wiederkehrende Prozesse noch effizienter und effektiver zu machen.

Die überwiegende Mehrheit der Prozesse in Unternehmen ist jedoch durch starke Komplexität und eine Vielfalt an bestehenden IT Systemen gekennzeichnet. Dass KI derart komplexe Aufgaben in der Praxis vollumfänglich übernehmen könnte, sehe ich derzeit nicht. Von der Entwicklung von Maschinen mit der Fähigkeit menschlicher Gehirne sind wir meines Erachtens noch Lichtjahre entfernt. Natürlich kommt KI heute schon zum Einsatz. Auf der digitalen Agenda der Unternehmen stehen allerdings eher Themen wie der Einsatz von RPA, also Robotic Process Automation, oder die Modernisierung der Legacy-Systeme. Umso wichtiger ist es, zum jetzigen Zeitpunkt zu erkennen, in welchen Bereichen künstliche Intelligenz Sinn ergibt und wo eher nicht. Es gilt, die richtigen Einsatzfelder zu identifizieren, KI anzulernen und in bestehende Prozesse einzubauen. Insofern dürften durch KI sogar erst einmal zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.

Fachkräfte werden wichtiger denn je

Ich selbst habe in den vergangenen zweieinhalb Jahren die digitale Transformation eines kompletten Unternehmensbereichs geleitet und durchlebt. Dabei habe ich keinen einzigen Prozess künstlicher Intelligenz überlassen. Im Gegenteil: Gerade in der Transformation sind erfahrene und gut ausgebildete Fachkräfte wichtiger denn je. Wir brauchen Mitarbeiter mit einem tiefen Verständnis für die Geschäftsprozesse, denn sie sind in meinen Augen der wichtigste Erfolgsfaktor für jede Transformation.

Um dieses Potenzial heben zu können, müssen wir die Menschen für eine bessere Zukunft mit KI begeistern und ihnen klar machen, dass Roboter und Maschinen uns künftig vor allem die Arbeit abnehmen können, auf die wir nur allzu gerne verzichten würden. Letztlich sind Menschen keine guten Maschinen und maschinelle Tätigkeiten, die von Menschen ausgeübt werden, schaffen selten das Gefühl einer sinnvollen Aufgabe. Wir können uns stattdessen auf die Fähigkeiten konzentrieren, in denen wir Menschen besonders gut sind - auf Kreativität, Intuition und zwischenmenschliche Interaktion. Uns diesen Freiraum zu schaffen, darin liegt das ganz große Potential von künstlicher Intelligenz und Machine Learning.

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH