Freitag, 25. Mai 2018

Künstliche Intelligenz wälzt Arbeitsleben um Die neue Fürsorgepflicht der Vorgesetzten

Chance und Risiko: Artificial Intelligence zieht in die Arbeitswelt ein

Mittels künstlicher Intelligenz können Arbeitgeber ihre Mitarbeiter durchschauen. Das wirft auch für Führungskräfte jede Menge neuer Fragen auf.

Facebooks Datenskandal war nur der Anfang. Wir echauffieren uns über die Frage, was ein soziales Netzwerk mit den Daten seiner Nutzer tun darf, dabei wird der eigentliche Kampf um die Privatsphäre künftig im Büro ausgetragen. Mark Zuckerbergs Vernehmung vor dem US-Kongress war nur eine Art Bö, die den eigentlichen Sturm ankündigt, den die Frage auslösen wird, was Arbeitgeber mit den Daten ihrer Mitarbeiter anfangen dürfen.

Heiner Thorborg
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    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co KGaA (Frankfurt), die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Schon wahr: Dank Internet, Smartphones und Cloud können Unternehmen bereits seit längerem feststellen, wer ein Dokument gesehen oder bearbeitet hat, was Mitarbeiter an ihrem Dienstcomputer tun und wer der Konkurrenz wichtige Daten geschickt hat. Doch jetzt zieht Artificial Intelligence (AI) in die Arbeitswelt ein und produziert persönliche Daten über die Belegschaft von einer Intimität, die bislang undenkbar war.

So hat sich Amazon im Januar zum Beispiel ein Armband patentieren lassen, das die Handbewegungen seiner Mitarbeiter aufzeichnet. So kann der Onlinehändler feststellen, wie produktiv und akkurat gearbeitet wird. Humanyse, ein Unternehmen aus dem Silicon Valley, das nach eigenen Angaben bereits mehrere Fortune-500-Konzerne zu seinen Kunden zählt, hat eine elektronische Dienstmarke von der Größe einer Kreditkarte entwickelt, die aufzeichnet, wohin Mitarbeiter sich bewegen und mit wem sie sprechen. Diese Information wird mit Emailkonten, Social Media Accounts, Telefonen und Kalendern verknüpft - und die Firma weiß plötzlich mehr über einen Mitarbeiter als seine eigene Verwandtschaft.

Das Unternehmen Workday wirbt mit "you gain complete visibility into your global workforce" und will mittels AI vorhersagen können, welche Mitarbeiter bald kündigen wollen. Veriato verweist darauf, dass 60 Prozent aller Cyberattacken von Firmeninsidern gestartet werden und will mit AI herausfinden, wie sehr verpflichtet sich die Angestellte gegenüber ihrem Arbeitgeber fühlen. Slack nutzt AI, um messbar zu machen, wie schnell Angestellte ihnen übertragene Aufgaben erledigen, steht der Firmenname doch als Kürzel für "Searchable Log of All Conversation and Knowledge". Der britische Economist, der dem Thema Künstliche Intelligenz gerade eine ganze Artikelserie gewidmet hat, schreibt: "Angestellte haben künftig nur noch die Wahl, sich von einem Roboter ersetzen zu lassen oder wie einer behandelt zu werden."

Das klingt bitter, doch es ist durchaus möglich, dass AI den Arbeitsplatz für viele fairer macht, wird doch dank AI ganz klar, wer wann was leistet. Nicht zuletzt könnte diese Transparenz zu gerechterer Bezahlung führen. Auch mag es jede Menge Mitarbeiter geben, die ein Feedback begrüßen würden, das ihnen hilft, die eigene Effizienz zu stärken. Auch Angebote wie das von Textio, die Stellenbeschreibungen mittels AI so modifizieren, dass sich die gewünschte Zielgruppe auch angesprochen fühlt, sind hilfreich. Und wenn AI Johnson & Johnson dabei unterstützt, die 1,2 Millionen Bewerbungen im Jahr zu sortieren, die das Unternehmen erreichen, ist auch das erfreulich. Dennoch wirft diese Technologie im Moment mehr Fragen für die Unternehmensführung auf als sie beantworten kann.

Philosophische, rechtliche und technische Fragen, denen sich vor allem das Topmanagement jetzt stellen muss.

Da ist zunächst die ethische Ebene. Wollen wir überhaupt ein Unternehmen werden, das so viel über seine Mitarbeiter weiß? Oder ist Vertrauen bei uns ein wichtiges Gut, das wir nicht mit Schnüffelsoftware gefährden wollen? Bringt es wirklich so viel, wenn wir wissen, dass Herr Meier 45 Minuten Mittagspause macht statt der vorgesehen 30 Minuten? Hilft es, wenn wir erfahren, dass Frau Müller langsamer agiert als Frau Huber? Stellen wir wirklich nur noch Menschen ein, die ein Algorithmus ausgesucht hat? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass uns so wertvolle Mitarbeiter durch die Lappen gehen, die in irgendeinem Feld nicht ins System passen, aber vielleicht gerade deswegen Ideen und Ansichten mitbringen, die wir brauchen?

Dann stellt sich die Frage nach der Rechtmäßigkeit. Hat die Belegschaft wirklich in diese Datensammelwut eingewilligt als sie die Arbeitsverträge unterschrieben hat? Wer hat Zugang zu all den Informationen? Welche Daten dürfen die Mitarbeiter einsehen, welche Details behält sich das Unternehmen vor? Wie transparent machen wir die Evaluierung der Belegschaft? Passen wir die Vergütungssysteme an unsere neuen Erkenntnisse an? Und vor allem: Was wird der Betriebsrat zu all dem sagen?

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Schließlich bleiben die Fragen nach der Praktikabilität: Wo lagern wir all die Daten? Wie sichern wir sie vor unrechtmäßigem Zugriff? Wer soll sie auswerten? Wie viele Mitarbeiter müssen wir einstellen, um diese Datenflut sinnvoll einzusetzen? Wie stellen wir fest, ob die Kosten, die so entstehen, wirklich aufgewogen werden durch das Plus an Produktivität, das wir so zu erzielen versuchen?

Laut McKinsey Global Institute ist der versprochene Zuwachs an Effizienz enorm. Daher habe es seit 2012 auch schon über 250 Übernahmen privater Unternehmen mit Kompetenz im Sektor Künstliche Intelligenz gegeben, sagen die Berater.

AI bewegt sich also unaufhaltsam aus den Labors hinaus und hinein in die Arbeitswelt. Die Consultants meinen daher: "Es ist an der Zeit, auf AI zu reagieren." Ist es auch, vor allem für die Unternehmer, die nicht eines Tages wie Mark Zuckerberg vor einem Komitee enden wollen, das ihnen unangenehme Fragen stellt, was sie mit den ihnen anvertrauten Daten angestellt haben.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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