Dienstag, 26. Juli 2016

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Führungswechsel beim Start-up CEO Diemer geht - eine gute Nachricht für Kreditech

Chefwechsel bei Kreditech: Alexander Graubner-Müller ersetzt Sebastian Diemer als CEO

Am vergangenen Freitagabend zeigte Sebastian Diemer noch einmal, wo sein Problem liegt. Von einer "komplett frei erfundenen Story" und einem "unfassbaren Fall von Trash Journalismus", schrieb er in einem öffentlichen Post auf seiner Facebook-Seite.

Der Grund für seine Wut: Das Onlineportal deutsche-startups.de hatte es gewagt, über Diemers baldigen Abgang als CEO von Kreditech zu berichten. Die Investoren des von ihm mit gegründeten Kredit-Start-ups, hieß es in dem Text, sollen darauf bestanden haben.

Frei erfundener Trash-Journalismus? Heute, also nur drei Tage später, bestätigte Kreditech offiziell, dass Diemer durch seinen Freund und Co-Gründer Alexander Graubner-Müller ersetzt wird, der bislang als Technikchef wirkte. Der Führungswechsel, betont das Unternehmen in einer Mitteilung, sei jedoch freiwillig und unabhängig von der jüngsten Finanzierungsrunde erfolgt.

Wie auch immer es nun genau ablief, für Kreditech ist Diemers Abgang eine gute Nachricht. Wahrscheinlich auch für den Gründer selbst, der sich in einem Interview bereits auf "neue Herausforderungen" freute. Zu lange schon litt das Start-up unter Diemers fragwürdigem Führungsstil, er schien der Aufgabe nicht mehr gewachsen.

Diemers Reaktion auf den Bericht von Freitag ist nur das jüngste Beispiel einer Reihe von Ausfällen, die sich ein CEO eines an die Börse strebenden Unternehmens besser verkneifen sollte. Negative Presse muss man in so einer Position wegstecken oder souverän parieren können, sonst macht man es meist nur schlimmer. Kritik an Medien gehört selbstverständlich dazu, aber gerade Führungskräfte dürfen dabei nicht die Kontrolle verlieren. Das gilt trotz aller Gründerfolklore auch für Start-ups.

Umstrittenes Geschäftsmodell

Es kommt nur selten vor, dass aus einem Unternehmen derart viele beunruhigende Geschichten über erratische Führung dringen, wie es bei Kreditech lange der Fall war. Die Anekdoten von Schimpfwörtern und anderen Zoten des Managements, die es wirklich in die Medien schafften, waren dabei noch die harmloseren.

Vielen Mitarbeitern wurde es zu viel: Sie verließen das Unternehmen. Ein Grund mehr, das eigene Handeln zu reflektieren, anstatt gegen die Medien zu poltern. In einer Firma, in der alles in Ordnung ist, laufen die eigenen Leute nicht reihenweise zu Journalisten, um ihnen Interna zu stecken.

Dabei ist die Aufbauleistung der Kreditech-Gründer beachtlich. Diemer (28) und Graubner-Müller (27) haben in nur drei Jahren eines der wenigen deutschen Start-ups abseits von Rocket Internet hochgezogen, das international überhaupt wahrgenommen wird. Ende September verkündete Kreditech, im Rahmen der noch laufenden, dritten Finanzierungsrunde bislang 82,5 Millionen Euro eingesammelt zu haben.

Ein Erfolg - auch wenn es abermals eine unübliche und daher etwas verzweifelt klingende Wasserstandsmeldung war. Normalerweise verkünden Start-ups solche Details erst nach dem endgültigen Abschluss einer Finanzierungsrunde. Ein Grund für den PR-Schachzug dürften die sich häufenden Meldungen über lahmendes Wachstum und Finanzierungsprobleme gewesen sein.

Kreditechs Geschäftsmodell ist umstritten. Es basierte neben einer innovativen Scoring-Technologie bislang vor allem auf den Einnahmen aus kurz laufenden Mikrokrediten (payday-loans), für die das Start-up bis zu 35 Prozent Zinsen im Monat berechnete.

Sollte sich der neue CEO Graubner-Müller von dieser Abhängigkeit befreien und die Einnahmebasis verbreitern, stehen die Chancen gut, dass Kreditech wieder ordentlich wächst und eines Tages vielleicht wirklich an die Börse gehen kann.

Das wäre auch für den Co-Gründer eine gute Nachricht. Sebastian Diemer, heißt es in der Mitteilung des Unternehmens, werde Kreditech als Boardmitglied und "signifikanter Anteilseigner" erhalten bleiben.

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