Sonntag, 28. August 2016

Versicherungsgeschäfte Die ganz spezielle Kooperation zwischen der Ergo und dem Bund der Steuerzahler

Kooperation: Ergo-Versicherung wirbt für den Bund der Steuerzahler Neu-Mitglieder

Die Ergo-Versicherung wirbt für den Bund der Steuerzahler Neu-Mitglieder. Nur bei ausdrücklicher Zustimmung sollen die Versicherungsvertreter danach auch Policen verkaufen dürfen. Nun gibt es Hinweise, dass die Trennung nicht immer so sauber verläuft.

Wenn es ums Geld der deutschen Steuerbürger geht, duldet Reiner Holznagel kein Wackeln und kein Weichen. Was dieser Republik fehlt, weiß er genau: "Solide Finanzpolitik".

Für seinen eigenen Verein kann der Präsident des Bundes der Steuerzahler (BdSt) das allerdings nach Informationen von manager-magazin.de auch nicht immer gewährleisten. Angelegt ist das in der komplexen, zum Teil paradoxen Kooperation mit der Ergo-Versicherung, über die Holznagel einen Teil seiner Mitglieder anwerben lässt. Derzeit hat er nach eigenen Angaben 250 000 hinter sich.

Ergo beschäftigt für die Mitgliederwerbung im Auftrag des Steuerzahlerbundes 180 Menschen - Selbstständige und Angestellte. Als "BdSt-Beauftragte" sollen sie Mitglieder für die Steuerzahler-Lobby verpflichten. Im Gegenzug bekommt Ergo Geld. Wie viel genau, wollen die Partner nicht sagen.

Die Logik des Deals ist allerdings auch ohne dieses Detail überschaubar, weil er in Reinform für Ergo nur schwerlich renditestark sein kann. Der Jahresbeitrag für den BdSt wird von den Landesverbänden festgelegt und beträgt für Berufstätige meist 72 Euro. Viel Geld kann daher an die Ergo nicht zurückfließen. Nachvollziehbar also, dass Ergo-Chef Torsten Oletzky bislang die Mitgliederwerbung für Dritte nicht in das Kerngeschäft seines Konzerns aufgenommen hat.

Im Versicherungsgeschäft geht es um Kontakte und Gesprächsminuten - die man dann in den Verkauf von Policen münden lässt. Genau dieses renditestärkere Hauptgeschäft der Ergo soll bei der Kooperation aber höchstens Nebensache sein. Die BdSt-Beauftragten dürften, so Holznagel, lediglich "im Anschluss an die Mitgliederwerbung einen Beratungstermin in Versicherungs- und Versorgungsfragen anbieten. Dafür muss die ausdrückliche Zustimmung des Kunden vorliegen."

Ein Ergo-Sprecher schreibt: "Die strikte Trennung von Mitgliederwerbung und Versicherungsverkauf wird regelmäßig überprüft und sichergestellt." Diese offizielle Version ist für beide Partner wichtig: Würden Mitgliederwerbung und Versicherungsverkauf munter vermischt, wäre eventuell das Recht auf informationelle Selbstbestimmung der Privatpersonen verletzt. Und für den Bund der Steuerzahler könnte möglicherweise der Vereinsstatus gefährdet sein, wenn er wirtschaftlich zu aktiv wird.

Bei der "regelmäßigen Prüfung und Sicherstellung" sollten Holznagel und Oletzky deswegen lieber noch mal nacharbeiten. Denn in mehreren Fällen entwickelte sich zuletzt zumindest in einer deutschen Großstadt die Arbeit eines BdSt-Beauftragten zu einer ziemlich unverhohlenen Versicherungsvermittlung. So hatte sich Philip K.* etwa bei dem Unternehmer Frieder B.* am Telefon als Mitarbeiter des Bundes der Steuerzahler ausgegeben und für ein Gespräch über Sinn und Unsinn des deutschen Steuersystems und die Arbeit des BdSt. geworben.

In der Terminabsprache via Mail kündigte er an: "Der Unternehmerservice vom BdSt. kommt Sie gern besuchen". Auch der zuständige Landesverband des Bundes der Steuerzahler bestätigte Frieder B., dass Philip K. "für uns im Außendienst tätig" ist.

Zum vereinbarten Termin kam dann aber nicht K., sondern Marlene R. von der Ergo-Versicherung. Die kam dann immerhin gleich zu ihrer Sache: Die Ergo arbeite ja eng mit dem Bund der Steuerzahler zusammen und sie sei heute gekommen, um über Versicherungen zu sprechen, unter anderem Haftpflichtversicherung und Rentenversicherung. Unternehmer B. hatte daran eher kein Interesse und bat sie zur Tür, wofür Marlene R. laut B. sogar Verständnis zeigte.

Ein Ergo-Sprecher ordnet die Praxis als Einzelfall ein. "Die von Ihnen geschilderte Vorgehensweise entspricht nicht dem vereinbarten und geschulten Vorgehen. Unsere Beauftragten haben sich grundsätzlich als Mitarbeiter der Ergo Beratung und Vertrieb AG vorzustellen. Ein Erstkontakt findet durch einen persönlichen Besuch beim Selbstständigen vor Ort statt, es dürfen keine telefonischen Terminabsprachen erfolgen." Als Beleg stellt Ergo den Lesern von manager-magazin.de den sechsseitigen Gesprächsleitfaden für ihre BdSt-Beauftragten zur Verfügung.

BdSt-Präsident Holznagel, der Kämpfer für Transparenz und Solidität, ist da verschlossener. Ob Ergo tatsächlich eine nennenswerte Zahl an Mitgliedern für den Steuerzahlerbund anwerbe, dazu könne er nichts sagen. Aber er freue sich, dass Ergo im vergangenen Jahr acht halbseitige Anzeigen in der Vereinszeitschrift "Der Steuerzahler" geschaltet habe - zu den für Dauerkunden üblichen Konditionen.

Original-Dokument als PDF-Download: Aufnahmegespräch mit Terminvereinbarung der Ergo-Versicherung im Auftrag des Bundes der Steuerzahler

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

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