Sonntag, 26. Juni 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Psychopathen in der Chefetage Zeitbomben mit Schlips

Narzissten und Psychopathen: Viele Probleme in der Wirtschaft gehen auf Menschen mit psychischen Problemen zurück

In vielen Chefetagen tummeln sich Psychopathen: Sie klettern die Karriereleiter hoch und kommen dennoch nie ans Ziel, denn ihre innere Leere bleibt. So fahren sie Unternehmen oft tatkräftig an die Wand.

Hamburg - Schon mal "Versagen im Vorstand und Aufsichtsrat" gegoogelt? Da gibt es viel zu lesen. Über die peinlichste Baustelle Europas zum Beispiel - den neuen Berliner Flughafen. Der wird und wird nicht fertig, doch der Aufsichtsrat weist jede Verantwortung von sich ("Handelsblatt"). Oder über den größten österreichischen Industriekonzern OMV Börsen-Chart zeigen, der mangels Entscheidungskompetenz im Aufsichtsrat fast ein Jahr lang von einem "General" geführt wird, den auch keiner recht ernst nimmt ("Die Presse"). Oder vom Nürburgring, wo das offensichtliche Misslingen eines "Zukunftskonzeptes" von allen Beteiligten ignoriert wurde ("Rhein-Zeitung"). Und das ist nur eine kleine Auswahl aus der jüngeren Vergangenheit.

Mein früherer Kollege Florian Schilling hat sich die Mühe gemacht und für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in tapferer Fleißarbeit zusammengetragen, was im Kontrollgremium eines Unternehmens so alles schief gehen kann. Da

  • mangelt es am guten Geschäftsverständnis,
  • werden schwache Vorsitzende herumgeschubst,
  • lassen starke Vorsitzende keinen Widerspruch zu,
  • verstehen Beiräte ihre Aufgabe nicht wirklich,
  • ist die Zusammensetzung zu homogen oder nicht homogen genug,
  • wird vor lauter Compliance die Governance vergessen,
  • verteilt der Vorstandsvorsitzende zu viel, zu wenig oder die falsche Information,
  • traut sich in einer Atmosphäre der Angst keiner, etwas vermeintlich Dummes zu sagen,
  • verlassen sich die Räte auf einen erfolgreichen CEO zu sehr und zu lange und vertrauen dabei ihrer Intuition mehr als den Fakten.

Die "erfolgreichen Psychopathen"

Das ist natürlich alles richtig, spart aber aus, was Bertelsmann-Urgestein Reinhard Mohn das "auffällig häufige menschliche Versagen aufgrund stark übertriebener Eitelkeit" nannte: Viele Probleme in der Wirtschaft gehen auf Menschen mit psychischen Problemen zurück, insbesondere auf Narzissten und Psychopathen. Beiden Typen ist gemeinsam, dass sie so mit dem eigenen Ich beschäftigt sind, dass sie die Befindlichkeiten anderer nicht wirklich berühren. Forscher sagen, in Chefetagen sei der Anteil der Psychopathen sechsmal höher als im Bevölkerungsdurchschnitt.

Das sind nun keine Folterer, Killer oder Kidnapper, sondern hoch funktionale Leute mit eindrucksvollen Positionen und Titeln. Die britische Wissenschaftlerin Belinda Bord nennt sie die "erfolgreichen Psychopathen". Sie stehen nicht im Fokus, weil sie eben nicht kriminell werden, so der Tübinger Neurobiologe Niels Birbaumer. "Sie sind nicht gewalttätig und deshalb kennen wir sie nicht. Der Schaden, den sie aber in unserer Gesellschaft anrichten, ist immens." Robert Hare, ein kanadischer Wissenschaftler, der das Instrumentarium entwickelt hat, mit dem Polizeidienste auf der ganzen Welt Psychopathen identifizieren, nennt sie "Sozialstraftäter".

Er hat 30 Jahre in Hochsicherheitsgefängnissen Datenmaterial über Psychopathen gesammelt und ist heute der Meinung, dass er an den Börsen dieser Welt vermutlich mehr über seine Lieblingsstudienobjekte gelernt hätte. "Attraktive, intelligente gebildete Psychopathen, die in einer wohlhabenden Familie großgeworden sind, rauben keine Bank aus, sie werden Bankenvorstand."

Seite 1 von 2
Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH