Samstag, 25. März 2017

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Arbeitswelt im digitalen Wandel Wer Karriere macht - und wer um seinen Job bangen muss

Kollege Roboter: Welche Jobs werden wegdigitalisiert? Wer macht noch Karriere? Und wozu braucht man Führungskräfte, wenn agile Teams sich selbst organisieren sollen?
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Kollege Roboter: Welche Jobs werden wegdigitalisiert? Wer macht noch Karriere? Und wozu braucht man Führungskräfte, wenn agile Teams sich selbst organisieren sollen?

3. Teil: Jobverlust: Digitalisierung lässt binnen 20 Jahren jeden zweiten Job verschwinden

mm: Für viele Arbeitnehmer werden sich jedoch nicht nur die Rollen verändern. Die Universität von Oxford hat prognostiziert, dass 47 Prozent aller Jobs in den nächsten 20 Jahren verschwinden werden. Halten Sie das für eine realistische Prognose?

Penning: Das muss man differenziert sehen. Zum einen lässt sich nicht jeder Aspekt einer Tätigkeit automatisieren und durch eine Maschine oder eine IT-Lösung ersetzen. Zum anderen sehe ich es sogar positiv, wenn sich Menschen nicht mehr mit Aufgaben befassen müssen, die auf einfache Weise zu digitalisieren sind. Erkenntnisse aus der Motivationspsychologie und Hirnforschung belegen: Menschen entfalten erst dann ihr Potenzial und sind wirklich motiviert, wenn sie eine intellektuelle Herausforderung haben, etwas erschaffen, den Sinn erleben und selbstgesteuert handeln können. Viele der Tätigkeiten, die zukünftig digitalisiert erledigt werden, entsprechen diesen Kriterien nicht. Insofern schaffen wir durch die Automatisierung Freiräume, die zum Beispiel für einen verbesserten Kundenservice und kreative Tätigkeiten genutzt werden können.

mm: Das ist ein schwacher Trost für denjenigen, der seinen Job durch die Digitalisierung verliert.

Penning: Es werden aber auch neue Jobs geschaffen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Hatten Sie vor nur zehn Jahren eine Vorstellung davon, dass Berufsbilder wie Social Media Manager oder SEO Spezialist existieren könnten? Nicht alle diese neuen Berufsbilder werden Kennern von Algorithmen vorbehalten sein.

mm: Wahrscheinlich nicht. Doch die Qualifikationen für diese neuen Tätigkeiten kommen nicht von allein. Auch heute klagen schon viele Unternehmen über den Fachkräftemangel, während es gleichzeitig rund 4 Millionen Arbeitslose oder "unterbeschäftigte" Menschen in Deutschland gibt. Was muss passieren?

Penning: In der Tat können wir nicht einfach neue Jobs gegen wegfallende Berufe rechnen. Insbesondere auch deshalb, weil sich die Tätigkeiten immer schneller wandeln werden. Heutige insbesondere jüngere Arbeitnehmer müssen sich darauf einstellen, dass 'lebenslanges Lernen' nichtmehr nur ein Schlagwort ist, sondern faktische Anwendung finden wird, weil es Anwendung finden muss. Dazu müssen Unternehmen die notwendigen Lernarchitekturen aufbauen.

mm: Wie soll das funktionieren?

Penning: Hier nur auf die "Trainings-Industrie" zurückzugreifen und den Mitarbeiter auf Seminare zu schicken, wäre zu kurz gedacht. Wir sprechen statt dessen vom 70-20-10 Modell. 70 Prozent des Lernens geschieht durch die praktischen Erfahrungen während der Arbeit, 20 Prozent durch Mentoring und Coaching und nur zehn Prozent in klassischen Seminaren. Das Design solch neuer Lernarchitekturen muss in enger Zusammenarbeit zwischen den fachlich Verantwortlichen und der Personalabteilung geschehen - soweit so bekannt. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass der HR Bereich beim Thema Digitalisierung und Agilität von Anfang an eine Vorreiterrolle einnehmen muss. Anstatt klare fachliche Entwicklungswege vorzugeben, muss die Lernarchitektur auf eine interdisziplinäre Ausrichtung des Kompetenzprofils von Mitarbeitern ausgerichtet werden. Auf diese Weise bleibt der Mitarbeiter beschäftigungsfähig, auch wenn einzelne Aspekte seiner Tätigkeit in der Zukunft automatisiert werden. Das liegt im Interesse des Unternehmens, da es nicht aufwändig neue Kräfte auf dem externen Arbeitsmarkt rekrutieren und qualifizieren muss.

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