Montag, 21. August 2017

Kapitalturbo statt Klüngelverein Wir brauchen eine neue Deutschland AG

Wirtschaftswunder: Start-ups brauchen die Verflechtung mit Kapitalgebern und etablierten Unternehmen

Sie war ein eng verflochtenes Netzwerk von zweifelhaftem Ruf: die Deutschland AG. Bis in die späten 1990er Jahre hielten Finanzunternehmen wie die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen und die Allianz Börsen-Chart zeigen große Beteiligungen an anderen Dax-Konzernen wie Daimler Börsen-Chart zeigen, Linde Börsen-Chart zeigen oder Siemens Börsen-Chart zeigen. Ein jahrzehntelang gepflegtes System wechselseitiger Kapitalbeteiligungen, das zu einem feinmaschigen Netz finanzieller Abhängigkeiten und gegenseitiger Einflussnahme durch die Besetzung von Vorstands- und Aufsichtsratsposten führte.

Die Deutschland AG war ein Klüngelverein - aber auch ein wichtiger Erfolgsgarant für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Ersteres sollte sich niemand zurück wünschen. Letzteres braucht unser Land dringender denn je.

Florian Nöll
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    Felix Mueller
    Florian Nöll (floriannoell.de) hat seit seiner Schulzeit mehrere Unternehmen in der Digitalen Wirtschaft gegründet. Als Vorsitzender im Bundesverband Deutsche Startups e.V. (deutschestartups.org), stv. Vorsitzender des European Startup Network, des Beirats "Junge Digitale Wirtschaft" beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Vorstand des cnetz "Verein für Netzpolitik e.V." (c-netz.de) engagiert er sich für einen Dialog zwischen Startups und der Politik.

Es ist höchste Zeit für eine Neuauflage der Deutschland AG - im positiven Sinne. Es geht um die Zukunft der deutschen Wirtschaft.

Die Zusammenarbeit von etablierten Unternehmen und Start-ups wird für die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft erfolgskritisch sein. Eben um dieses Ziel zu erreichen bedarf es eines neuen Schulterschlusses: einer Verflechtung von Start-ups und Venture-Capital-Investoren auf der einen und Mittelstand, Familienunternehmen und Konzernen auf der anderen Seite.

Eine Kooperation in Form von Kapitalbeteiligungen und gegenseitigen Aufsichtsratsmandaten führt zu Vertrauensverhältnissen, einem besseren gegenseitigen Verständnis und zu mehr Zusammenarbeit. Start-ups brauchen die etablierten Unternehmen als Partner, Kunden, Investoren und Übernehmer. Start-ups profitieren von den gewachsenen Netzwerken der etablierten Akteure.

Natürliche Partner

Doch diese Kooperationen sind keine Einbahnstraßen. Etablierte Unternehmen haben durch die Zusammenarbeit mit Start-ups die Möglichkeit technologische Entwicklungen und Innovationen zu antizipieren, zu beobachten und zu gestalten. Dies stärkt den Wirtschaftsstandort Deutschland und verhilft allen Beteiligten zum Vorteil. Wenn aktuell jedes zweite Start-up im Falle eines Exits ins Ausland verkauft wird, ist dies Ausdruck von mangelnder Vernetzung der Akteure in Deutschland.

In den allermeisten Fällen kennen sich Käufer und Verkäufer im Rahmen einer Unternehmensübernahme schon vorher gut. Eine enge Verflechtung zwischen Start-ups, Venture-Capital-Investoren, Mittelstand, Familienunternehmen und Konzernen stärkt die deutsche Wirtschaft und beschleunigt die Digitalisierung. Sie erhöht Investitions- und Akquisitionstätigkeiten der etablierten Unternehmen. Denn selbst der bewährte Mittelstand als Rückgrat der deutschen Wirtschaft muss sich für Herausforderungen der Digitalisierung öffnen, um gegenüber der innovativen Konkurrenz aus dem Ausland weiterhin bestehen zu können.

Die von Generation zu Generation vererbten Eigenkapitalmassen der Familienunternehmen gilt es sinnvoll und mehrwertbringend für alle Beteiligten in Innovation zu investieren. In den USA ist es der Normalfall, dass Konzernchefs in den Aufsichtsgremien von Start-ups und erfolgreiche Gründer und Investoren in den Aufsichtsräten der Konzerne sitzen. Das muss auch in Deutschland gelebte Realität werden. Gründer sind Familienunternehmer der ersten Generation und damit der natürliche Partner der etablierten Industrie. Um solche Beteiligungen anzustoßen müssen staatliche Anreize geschaffen werden.

Verflechtung statt Entflechtung

Der Gesetzgeber, der zur Jahrtausendwende die Entflechtung der alten Deutschland AG steuerlich gefördert hat, ist jetzt gefordert das Gegenteil zu tun. Beteiligungen und Investitionen von Mittelstand und Konzernen in Start-ups müssen attraktiv gestaltet werden. So wie es mit vergleichsweise kleinen Business-Angel-Investitionen bereits der Fall ist, muss auch Corporate Venture Capital gefördert werden. Gleichzeitig ist es überfällig unsere Kapitalsammelstellen - Versicherungs- und Pensionsfonds - in die Lage zu versetzen, in Venture Capital zu investieren. Wenn wir bei der Finanzkraft zu unseren Wettbewerbern in den USA und China aufschließen wollen, ist dies der entscheidende Hebel.

Wie sich dieses angesparte Kapital für Investitionen in Technologieunternehmen mobilisieren lässt, ohne die Altersvorsorge durch zu riskante Anlagen aufs Spiel zu setzen, zeigt bereits seit einigen Jahren Dänemark mit einer intelligenten staatlich besicherten Dachfonds-Konstruktion. Etablierte Unternehmen und Start-ups werden durch eine enge Verflechtung in die Lage versetzt ihr volles Potential auszuschöpfen. Die deutsche Wirtschaft von heute und Start-ups bilden gemeinsam die deutsche Wirtschaft von morgen.

Florian Nöll ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Seine Meinung gibt nicht zwingend die Meinung der gesamten Redaktion wieder.

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