28.09.2018

Umfrage zur politischen Haltung von Konzernen

Sollen CEOs politisch Flagge zeigen? So sehen es die Deutschen

Von Judith Henke

AP

Als einer der wenigen deutschen CEOs kritisierte Siemens-Chef Joe Kaeser deutlich die AfD.

Deutsche Unternehmen sollten öffentlich zu politischen Themen Haltung beziehen, findet ein Drittel der Deutschen. Rund 60 Prozent und damit die Mehrheit der Konsumenten sieht es jedoch kritisch, wenn Unternehmen keine politische Neutralität bewahren. Das hat die Kommunikationsagentur JP Kom in einer Umfrage ermittelt. Über 5.000 Befragte nahmen Mitte September an der Erhebung teil.

Knapp jeder zweite Wähler der SPD, Grünen oder der Linkspartei fordert von Unternehmen eine stärkere politische Positionierung, während mehr als 60 Prozent der CDU- und FDP-Wähler ein solches Engagement negativ bewerten. Unter Befragten, die die AfD wählen würden, sind politische Äußerungen von Firmen noch unbeliebter: Fast 80 Prozent wünschen sich hier Neutralität.

Das ist wenig überraschend. Denn wenn sich ein CEO eines deutschen Unternehmens politisch äußerte, was selten vorkam, war es eine klare Stellungnahme gegen rechts. Im Mai dieses Jahres griff Siemens-Chef Joe Kaeser die AfD-Fraktionsvorsitzende auf Twitter an. "Lieber Kopftuch-Mädel als Bund Deutscher Mädel. Frau Weidel schadet mit ihrem Nationalismus dem Ansehen unseres Landes in der Welt", tweetete er. Weidel hatte zuvor im Bundestag Migranten als "Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner" diffamiert. Der Bund Deutscher Mädel war eine Organisation für Mädchen im Nationalsozialismus.

Siemens erwirtschaftet 92 Prozent seines Umsatzes außerhalb von Deutschland. Laut Kaeser wäre es für die deutsche Wirtschaft verheerend, wenn Rassismus salonfähig würde. Deutschland lebe vom Exportgeschäft. Innerhalb seines Konzerns erhielt Kaeser viel Zuspruch, die Solidarisierung anderer Konzernchefs blieb aus. Kaeser kritisierte das, zeigte aber auch Verständnis: Andere Unternehmen hätten einen direkteren Bezug zum Konsumentengeschäft und würden nicht wie Siemens beispielsweise Turbinen verkaufen. Der Chef eines Autokonzerns etwa habe mit Blick auf die Wahlergebnisse der AfD zu bedenken gegeben, dass dann "womöglich 19 Prozent meine Autos nicht mehr kaufen." Einen Namen nannte Kaeser nicht.

Immerhin knapp 60 Prozent der befragten Deutschen können auch nachvollziehen, dass sich Unternehmen nicht politisch äußern, weil sie sich vor einem Boykott der Konsumenten fürchten. Mehr als zwei Drittel der Umfrageteilnehmer haben bereits ein Produkt aus politischen Gründen nicht gekauft. Besonders Konsumenten mit sehr hoher Kaufkraft lassen sich von politischen Haltungen der Unternehmen beeinflussen, wenn sie eine Kaufentscheidung treffen (mehr als 40 Prozent). Rund 40 Prozent der Personen mit niedriger Kaufkraft kümmern sich nicht darum, welche politische Position eine Marke hat.

Susanne Marell, Geschäftsführerin von JP Kom, erkennt das Risiko hinter politischen Statements von Konzernchefs. "Fast jeder dritte Deutsche wünscht sich von Unternehmen eine politische Haltung. Das sind umgerechnet mehr als 20 Millionen potenzielle Kunden." Doch wie sich Unternehmen öffentlich positionieren, sei ein wirtschaftlicher und kommunikativer Drahtseilakt.

Das musste Daimler Anfang des Jahres am eigenen Leib erfahren. Der Autokonzern hatte auf Instagram ein Dalai-Lama-Zitat veröffentlicht und damit den Zorn vieler Chinesen auf sich gezogen. Die chinesische Regierung wirft dem Oberhaupt der Tibeter vor, das Land spalten zu wollen. Daimler hatte den Post rasch gelöscht - was wiederum von Menschenrechtlern kritisiert wurde.

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