Dienstag, 20. November 2018

Direkter Dialog statt Kuschen vor Saudi-Arabien Joe, flieg nach Riad

Joe Kaeser
Getty Images for Fortune
Joe Kaeser

Sicher, das gäbe ein eigenartiges Bild ab: Siemens-Chef Joe Kaeser im Dialog mit Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman, fast als einziger Wirtschaftspromi aus dem Ausland, der noch Salmans ganz große Bühne zum "Davos in der Wüste" betreten mag - abgesehen von Ex-Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, dem als Berater des Kronprinzen aber auch nicht viel anderes übrig bleibt.

Der Fall Jamal Khashoggi hat den bisher als mutigen Reformer gefeierten Herrscher in Verruf gebracht. Wenn die Geschichte der türkischen Behörden vom saudi-arabischen Killerkommando im Istanbuler Konsulat stimmt - und Riad hat sich auch zwei Wochen danach noch nicht einmal um eine überzeugende Ausrede bemüht -, ist die Empörung berechtigt.

Dieses Regime missachtet nicht nur das Lebens- und Rederecht seiner Bürger, es schert sich auch nicht um seine vorgeblichen Partnerstaaten. Wie soll da eine berechenbare Kooperation möglich sein, geschweige denn gepflegtes Parlieren über den gemeinsamen Aufbruch in eine bessere Welt?

Trotzdem sind die reihenweisen Absagen der CEOs zum Wüstengipfel scheinheilig: Abgesehen davon, dass ein verschwundener Journalist mit US-Wohnsitz jetzt mehr Wirbel auslöst als die Zehntausenden Opfer von Salmans Jemenkrieg, die hunderten Enthaupteten auf saudischen Plätzen, die Unterdrückung der schiitischen Minderheit, das Mobbing gegen souveräne Staaten von Libanon bis Katar oder auch die Multi-Milliarden-Enteignung von Salmans eigenen Verwandten.

Die meisten Absagen ans "Davos in der Wüste" sind scheinheilig

Die meisten der verhinderten Wüsten-Davos-Gäste sehen im traditionell absolutistisch, fundamental-religiös und frauenverachtend regierten Königreich vor allem eine Gelegenheit zum guten Geschäft - Khashoggi hin oder her. Statt des Konzernchefs werden Manager der zweiten Reihe geschickt, um große Deals wenigstens vorzubereiten.

Zu den ehrlicheren Absagen neben mehreren ohne Begründung oder mit vorgeschobenen Terminproblemen zählt noch die von Blackrock-Chef Larry Fink: Selbstverständlich wolle man die Tür zu den Saudis nicht schließen, nur sei der Zeitpunkt für einen solchen Glamour-Gipfel unpassend, während der Nachrichtenzyklus zu Khashoggi mit immer neuen grausigen Enthüllungen läuft. Kapital mit Moral ist vielleicht zu viel verlangt, aber das ist doch nur eine andere Form des Kuschens.

Fast schon wohltuend hebt sich Joe Kaeser ab, der sich auf offener Bühne in Kanada geradezu unprofessionell um eine Entscheidung wand, damit aber auch Einblick in legitime Gewissensbisse gab: Khashoggi ignorieren geht nicht, andererseits steht neben Milliardenaufträgen aber auch das Schicksal tausender Beschäftigter von Siemens im Land auf dem Spiel. Und leider gehöre das Geschäft mit Diktatoren zu Siemens' gewohnter Realität: "Wenn ich nirgendwo mehr hin dürfte, wo Menschen verschwinden, könnte ich gleich zu Hause bleiben."

So unopportun das nun scheint: Kaeser hat Recht, wenn er auf Dialog setzt. Mit einer wirtschaftlichen Isolation des Kronprinzen wäre vermutlich keinem Opfer des Regimes geholfen (ebenso wenig übrigens wie mit der laufenden Isolation des saudi-arabischen Erzrivalen Iran). Waffenexporte oder militärische Kooperation stoppen? Sofort. Kraftwerke, Bahnlinien oder nachhaltiger Städtebau? Her damit. Mohammed bin Salmans "Vision 2030" für ein Saudi-Arabien nach dem Ölzeitalter ist vom Größenwahn gezeichnet, aber sie enthält sinnvolle Ansätze.

Vielleicht hilft es, den Allmachtanspruch des Kronprinzen zu begrenzen, wenn viele Mächtige und Wichtige seiner Ego-Show fernbleiben. Aber vielleicht braucht es auch jemanden, der ihm gleichzeitig die Hand reicht und deutlich die Meinung sagt. Herr Kaeser, fliegen Sie nach Riad - und vor allem: Finden Sie dort klare Worte.

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