Samstag, 25. Juni 2016

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Erste US-Vorwahl Die Schlacht um Iowa

Donald Trump in Sioux City, Iowa: Historische Entscheidungen

Im US-Wahlkampf findet in der Nacht zu Dienstag die erste Vorwahl statt - im Bauernstaat Iowa. Damit nimmt das Rennen um die Präsidentschaft Fahrt auf.

Das sind die wichtigsten Kandidaten:

  • Donald Trump (Republikaner)
  • Ted Cruz (Republikaner)
  • Hillary Clinton (Demokraten)
  • Bernie Sanders (Demokraten)

Wie machen diese Favoriten Wahlkampf, wie motivieren sie ihre Unterstützer - was ist ihre Botschaft? Lesen Sie hier die Reportage über die Schlacht um Iowa:

Der Flughafen von Dubuque ist ein regionaler Landeplatz im Osten Iowas. Normalerweise verkehren hier kleine Propellermaschinen. Für Donald Trump aber ist der Airport ein optimaler Wahlkampfschauplatz: Je kleiner der Flughafen, desto größer wirkt sein eigenes Flugzeug.

Und so schwebt der Republikaner mit seiner privaten Boeing 757 ein, dreht eine Schleife vor dem Publikum und landet schließlich direkt hinter dem Rednerpult. Secret-Service-Beamte in schwarzen Anzügen und dunklen Sonnenbrillen sichern das Gelände. Trump schreitet die Treppe hinab und klettert aufs Podium. "Jetzt ist crunch time", ruft er.

Politik wie im Hollywoodfilm. Man muss sich kneifen, damit man's glaubt. Willkommen in Iowa.

Trump in Dubuque: Politik wie im Hollywoodfilm
Selten war der Auftakt der US-Vorwahlen so umkämpft. Die letzten Stunden, bevor die Wähler am Montagabend ihre Präferenz für einen Präsidentschaftskandidaten bekunden, werden zur Jagd kreuz und quer durch den verschneiten Midwest-Staat Iowa.

Denn beide Parteien steuern auf historische Entscheidungen zu. Bei den Republikanern liegen der Milliardär Donald Trump und der Tea-Party-Senator Ted Cruz Kopf an Kopf. Bei den Demokraten liegt der Sozialist Bernie Sanders nur äußerst knapp hinter der ehemaligen First Lady und Außenministerin Hillary Clinton, die eigentlich als natürliche Kandidatin der Partei galt.

Das Verbindende: Auf beiden Seiten erheben sich Outsider gegen das Establishment, angefeuert von der Wut vieler Wähler, die sich vergessen und verraten fühlen von Washington, von ihren Volksvertretern, von den Mächtigen. Im Schlussspurt wird da mancher Kandidat zu einem wahren Revolutionär.

Donald Trump, Dubuque, Flughafen

Trump am Flughafen Dubuque: "Ich überlege, eine Farm zu kaufen"
Es ist kalt, und Trump verspätet sich. Ein paar Hundert Menschen harren im Flughafenhangar aus. Plakate werden verteilt: "Trump!" "Ich nehme gleich zwei", ruft ein junger Mann. "Eins klebe ich Bernie Sanders über den Mund. Der will kostenlose Universitäten! Hallo? In Amerika wächst das Geld auf den Bäumen!" Die Stimmung ist bestens.

Auftritt Trump. Vor sich seine Fans, hinter sich seine Boeing. Eine surreale Inszenierung, eine show of force, die zeigen soll, wie groß, wie mächtig und stark Trumps Kampagne ist. Er will, so kurz vor den Vorwahlen, Bilder erzeugen, die wirken, als wäre er bereits Präsident.

"Ist hier jemand mit kleinen Kindern?", ruft Trump. "Ihr könnt gerne im Flugzeug spielen." Ungläubiges Gemurmel unter seinen Anhängern.

Trump legt einen abenteuerlichen Auftritt hin. Eine inhaltliche Linie gibt es nicht. Er schimpft über den Präsidenten, Hillary Clinton, Jeb Bush und die Republikaner. "Ich bin das Schlimmste, was dem Partei-Establishment passieren konnte", ruft er. Amerika sei "in der Hölle". Er bläst zur Trumpschen Revolution: "Wir werden dieses Land stärker und reicher machen, als es jemals war."

Dann knöpft er sich Ted Cruz vor, seinen ärgsten Rivalen. "Ted hat ein echtes Problem. Er ist in Kanada geboren. Er kann nicht kandidieren!" Ovationen. Trump will Cruz nicht besiegen. Er will ihn zerstören.

Aber Trump weiß: Die Wähler in Iowa sind unberechenbar. "Ich sage euch ganz ehrlich: Wenn ich nicht gewinne, sehe ich das alles hier als riesige Zeitverschwendung an", ruft er. "Geht zum Caucus am Montag. Und wenn ihr dafür eure Frau verlassen müsst!" Und der angebliche Schneesturm, der kommen soll? "Dann geht ihr eben durch ein bisschen Schnee. Ihr seid aus Iowa! Habt Ihr etwa Angst vor Schnee?"

Abgang. Die Menschen strömen zum Ausgang. Doch der Secret Service lässt keinen raus. 40 Minuten müssen die Gäste warten, bis der große Meister davongefahren ist. Unruhe macht sich breit. "Für den gehe ich nicht zum Caucus", brüllt ein Mann. Dann öffnet sich endlich die Tür.

Ted Cruz, Ames, Gateway Hotel

Evangelikalen-Liebling Cruz: "Betet bis zum Wahltag!"
Brunch in Ames, einem College-Städtchen im Herzen Iowas. Am Büfett des Gateway Hotels gibt's Donuts, Waffeln und frische Omeletts. Doch die Leute, die auf dem langen Flur Schlange stehen, interessieren sich nicht für kulinarische Offerten - sie suchen eine religiöse Erweckung.

"Er ist mein politischer Hohepriester", sagt Jane Meehan, die extra zwei Stunden mit dem Auto angereist ist. "Er kämpft für Gott und die Verfassung, das sind die wichtigsten Eigenschaften eines Kandidaten."

Dieser Kandidat, der seine eigene Revolution anführt, ist Tea-Party-Senator Ted Cruz. Draußen verteilen sie US-Verfassungen im Taschenformat und grelle Poster: "Choose Cruz."

Vorredner peitschen die ausschließlich weiße Menge ein. "Dieses Land hungert nach moralischer Wiederauferstehung", ruft Bob Vander Plaats, ein christlich-konservativer Lobbyist. Cruz-Gattin Heidi wird persönlich: "Ich will, dass ihr euch in Ted verliebt, so wie ich es tat."

Schließlich kommt er, hemdsärmelig und mit dem bebenden Bariton eines Wanderpredigers. Cruz braucht die Evangelikalen, die die Hälfte der republikanischen Caucus-Wähler bestreiten. Also gibt er ihnen, was sie hören wollen - er will die Abtreibung illegal machen, die "Verfolgung der Christen" stoppen, Obamacare widerrufen, das Militär stärken, die Waffengesetze schwächen und die Terrormiliz IS "gänzlich zerstören".

All das präsentiert er in Endzeit-Rhetorik: Spricht von einer "Erweckung, die die Nation ergreift", zitiert immer wieder die Bibel. "Betet", fordert er: "Betet bis zum Wahltag, auf dass Gott diese Erweckung fortsetzt und wir vom Abgrund zurückweichen."

Hillary Clinton, Davenport, The Col Ballroom

Hillary Clinton holt sich Unterstützung: Mit dem Ehemann für den Sieg
Von der Decke hängen Gardinen aus den Fünfzigern, an den Wänden die Bilder von alten Jazzgrößen. Durch den Col Ballroom in Davenport weht ein Hauch von Nostalgie. Das passt gut, denn um Nostalgie geht es auch bei der Kandidatur von Hillary Clinton. Ein bisschen jedenfalls.

Clinton ist in Schwierigkeiten. Bernie Sanders macht ihr erstaunlich viele Probleme. Die Wahl am Montag ist auch ein erstes Votum darüber, ob sich die Amerikaner nach dem Clinton-Zeitalter zurücksehnen oder nicht. In Davenport setzt die Kandidatin auf alte Zeiten: Ehemann Bill ist gekommen, um die Menschen in Stimmung zu bringen. Aber es klappt nur bedingt. "Sie ist eine erwiesene Kämpferin für den Wandel", sagt er über Hillary. Artiges Klatschen.

Hillary Clinton ist entschlossener. Muss sie auch sein, sie ist ja die Kandidatin, nicht ihr Ehemann. Sie spricht über wirtschaftliches Wachstum und den Sinkflug in der Arbeitslosenquote. Es läuft gut ihrer Meinung nach. Trotzdem will auch sie ein bisschen Revolution, der Status quo ist dieser Tage nicht sehr angesagt in Amerika. Also: Mindestlohn rauf, bezahlte Elternzeit, Luxussteuer für Reiche - und, ach ja: grüne Energie. "Eines Tages wird es eine Supermacht der grünen Energie geben", sagt sie. "Entweder wird es China. Oder Deutschland. Oder wir. Ich will, dass wir das werden", ruft sie. Groß. größer, USA. Clinton kann das auch.

Doch erst mal muss noch Iowa gewonnen werden. Und deshalb geht es jetzt nicht gegen Chinas Präsidenten oder die deutsche Kanzlerin, sondern gegen Bernie Sanders. Der will an der Gesundheitsreform herumschrauben und Clinton hält das für überhaupt keine gute Idee. "Wir haben Jahrzehnte dafür gekämpft. Wir müssen verteidigen, was wir errungen haben", ruft sie und schiebt hinterher: "Ich kenne mich da ein bisschen aus. Bevor die Gesundheitsreform Obamacare hieß, hieß sie Hillarycare." Jubel, Abschied. Auf zum nächsten Termin. Es sind noch ein paar Stunden bis zur Wahl.

Bernie Sanders, Cedar Rapids, Double Tree Convention Center

Held der linken Basis: Bernie Sanders kämpft gegen das Großkapital
Der Saal ist voll, etwa 1500 Menschen haben sich versammelt, um Bernie Sanders zu sehen, den Held der linken Basis. Die "Kinder für Bernie" sind da, die "Behinderten für Bernie" ebenfalls, und vorne steht eine Gebärdendolmetscherin, die den ganzen Abend für die Gehörlosen übersetzt. Auch den Jubel. "Wen wollt ihr sehen?" brüllt ein Sanders-Fan. "Bernie!", schreit das Publikum. Die Dolmetscherin macht ein paar ausdrucksstarke Bewegungen.

Vor Sanders tritt Cornel West ans Mikrofon, schwarzer Professor aus Princeton, ein Held in der Bürgerrechtsbewegung. West ist kein normaler Hochschullehrer, er ist einer dieser begnadeten Exzentriker, die keine zwei Minuten brauchen, um einen Saal in Stimmung zu bringen. "Wir sind Teil einer spirituellen Bewegung", ruft West. "Bernies Kampagne ist ein Zug der Liebe. Steigt auf diesen Zug!" Das Publikum ist aus dem Häuschen. "Wir lieben dich", schreit eine junge Frau.

Auftritt Sanders. Er kann eigentlich schon gar nicht mehr, es ist sein dritter Termin an diesem Tag. Sanders ist 74, aber politisch erlebt er gerade seinen zweiten Frühling. Mit Hillary Clinton liegt er Kopf an Kopf, es ist auch ein Kampf um die Frage der Kultur in der Politik. Sanders, der Mann der kleinen Spenden gegen Clinton, die Frau des großen Geldes. Würde er siegen, wäre das ein spektakulärer Auftakt in die demokratischen Vorwahlen. Sanders ist eine Art Sozialdemokrat, aber jetzt, in den entscheidenden Stunden, klingt er wie ein zweiter Fidel Castro. "Es geht darum, ob Iowa unsere Nation in eine politische Revolution führt, die das Land umkrempelt", krächzt Sanders. "Wir werden Geschichte schreiben am Montagabend!"

Allenfalls rudimentär streift er sein Programm, es geht im Schlussspurt nicht mehr um Einzelheiten, es geht um die große Botschaft und darum, die eigenen Anhänger zu begeistern. Sanders spricht von der Schere zwischen Arm und Reich, von gerechteren Steuern und der Macht des Großkapitals in der Politik, die alles nur noch schlimmer mache. "Wir machen etwas sehr Radikales", ruft er: "Wir erzählen die Wahrheit." Die Fans springen auf. "Es ist nicht unamerikanisch zu sagen, wer 40 Stunden arbeitet, muss davon auch leben können. Das ist amerikanisch wie apple pie!" Sprechchöre rauschen durch die Halle.

Nach einer Stunde strömen die Menschen nach draußen. Ein Trump-Anhänger steht in der Lobby. "Will hier mal jemand einen Trump-Fan umarmen?", ruft er. Konflikte gibt es nicht. Bernie hat seine Fans beseelt.

Donald Trump, Davenport, Adler Theater

Trump im Schlussspurt: Den IS "mach' ich kaputt"
Trumps Tagestour durch Iowa endet in Davenport, aber eher gediegen - im Adler Theater, einem historischen Art-déco-Auditorium. 2400 Menschen warten stundenlang, um ihn zu sehen - doch ihre aufgekratzte Revoluzzerlaune erstickt in den schweren Plüschsitzen.

Zwei Sessel stehen auf der Bühne. Trump lässt sich von Jerry Falwell "interviewen", im Talkshow-Stil. Der prominente Stichwortgeber ist der Sohn des TV-Predigers Jerry Falwell Sr., er leitet die Liberty University, die größte christliche US-Universität. Seine Unterstützung ist für Trump ein Trumpf im Kampf um die "religiöse Stimme".

Trump wirkt müde, unkonzentriert, wie auf Autopilot. Der lange Tag hat seine Spuren hinterlassen. Die Parolen purzeln ihm aus dem Mund, in wahlloser Abfolge, ohne Satzstruktur. Der Iran-Deal ("erbärmlich"), China ("schlägt uns"), der IS ("mach ich kaputt"), Arbeitslosigkeit ("beende ich"), Apple ("muss seine Maschinen hier bauen"). Und natürlich seine legendäre Grenzmauer gegen die bösen Einwanderer. "Wer wird die bezahlen?", ruft Trump. "MEXIKO!!!", grölen sie zurück.

Zum Schluss zerren sie ein paar Einheimische auf die Bühne: Vertreter der Puppy Jake Foundation, einer Stiftung, die Veteranen mit Hunden versorgt. Denen überreicht Trump 100.000 Dollar - die erste Spende seines Charity-Events, mit dem er die TV-Debatte boykottierte. Auf dem symbolischen Pappscheck ist nur ein Name groß lesbar: TRUMP.

Anschließend verlieren sich die Menschen in den dunklen, verlassenen Straßen Davenports. "Das war ja bizarr", murmelt eine Frau in einem feinen Abendkostüm. "Ich glaube, ich bleibe am Montag zuhause."


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