Sonntag, 24. Juni 2018

Report "Internet Trends" von Mary Meeker Was Deutschlands Digitalfirmen verstehen müssen

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Die Internetanalystin Mary Meeker genießt seit Langem Kultstatus in der Branche. Seit einigen Jahren veröffentlicht die Partnerin des Venture-Investoren Kleiner Perkins den Report "Internet Trends", der sich zu einer echten Institution entwickelt hat. Wenn Sie sich vorgenommen haben, in diesem Jahr nur einen Expertenbericht zu lesen, dann sollte es dieser hier sein.

Luis Hanemann
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    Gesine Born
    Luis Hanemann ist Partner beim Berliner Wagnisfinanzierer e.ventures. Zuvor war er unter anderem Marketingchef bei Rocket Internet.

Mary Meekers Analysen und Prophezeiungen sind legendär und jeder, der sich Gedanken über die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft macht und aufkommende Trends rechtzeitig vorbereitet sein möchte, sollte sie beachten - egal ob Konzernvorstand, Unternehmer, Investor, Arbeitnehmer oder Verbraucher.

Die große Anziehungskraft des Reports basiert darauf, dass die relevantesten Entwicklungen in einer prägnanten Präsentation zusammengefasst sind. Trends werden auf den Punkt gebracht und mit vielen Zahlen, Daten und Fakten hinterlegt. Und natürlich ist es auch die Absendermarke Kleiner Perkins, die für Qualität steht. Das Unternehmen ist einer der erfolgreichsten Investoren in Internetunternehmen weltweit und hat an die Visionen von Firmen wie Google und Amazon geglaubt, als diese noch sehr klein waren.

Die Liste der Investments liest sich wie das Who is Who des Internets: Snapchat, Airbnb, Uber, Twitter und viele mehr. Jemand, der so einen guten Riecher hatte, dem traut man auch zu, die Zukunft klarer zu sehen.

Und Mary Meeker enttäuscht auch in diesem Jahr nicht. Hier die vier wichtigsten Gründe, diesen Report zu lesen:

1. Die "Uberisierung der Arbeit".

Weltweit profitiert der Arbeitsmarkt von der Flexibilität, die das Internet ermöglicht, und es entstehen Millionen neuer Jobs. Doch die Art der Arbeit sowie das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer verändern sich rasch. Das höchste Wachstum gibt bei den sogenannten "On-Demand-Jobs" - Aufträge, die quasi per App angeboten werden, sich allein nach der Nachfrage richten, streng befristet sind und kaum langfristige Sicherheit bieten.

Allein in den USA ist die Zahl dieser Jobs in nur einem Jahr um 23 Prozent auf jetzt 6,8 Millionen gestiegen. Die größten Anbieter sind die Plattformen Uber, DoorDash, Etsy oder AirbnB. Doch die vor allem in Deutschland verbreitete Annahme, dass die Mehrheit der "App-Worker" sich über ihre Jobs beklagt, wird als Irrtum entlarvt: 91 Prozent der Uber-Fahrer etwa freuen sich über ein "Extra Income", 85 Prozent über eine bessere Work-Life-Balance und 74 Prozent über die Stabilisierung ihres Einkommens.

Spannend ist auch zu sehen, dass die Organisation allein über die Algorithmen stattfindet. Es gibt keine offiziellen Arbeitszeiten oder Arbeitspläne. Jeder Fahrer entscheidet selbst, ob und wieviel er an welchem Tag arbeiten möchte.

2. Die Dominanz der Techkonzerne

Der rapide Wandel von der Industriegesellschaft zum Datenkapitalismus ist im gesamten Report ein zentrales Element. Von den zehn größten Konzernen weltweit sind bereits sieben Technologiefirmen. Die regionale Verteilung der Champions ist allerdings bedenklich und eine Ohrfeige für das alte Europa: Von den 20 weltweit führenden Internetkonzernen kommen elf aus den USA und neun aus China.

Europa? Indien? Russland? Fehlanzeige! Die wachsende Macht von Amazon, Tencent, Netflix oder Baidu konzentriert sich auf nur zwei Nationen - der Rest der Welt hat den Anschluss verloren. Ein Armutszeugnis.

3. Zukunft des Einkaufens

E-Commerce ist weiterhin ein extremer Wachstumsmarkt. Amazons Dominanz ist nicht zu stoppen, der Onlinehändler wächst und wächst. In den USA hat Amazon bereits einen Anteil von 28 Prozent am gesamten Handelsumsatz - vor fünf Jahren waren es noch 20 Prozent. Vor allem in China entstehen neue, kreative Möglichkeiten des Einkaufens.

Stationäre Geschäfts gelten vorwiegend als "Showrooms": Nutzer können ihre Handys an die jeweiligen QR-Codes halten und so die Waren nach Hause ordern. Sehr beliebt sind auch Restaurants, bei denen vorher mobil geordert wird und im Moment des Betretens der Location das Essen sofort serviert wird. Interessant ist auch die Feststellung, dass im Onlinehandel die Preise in den vergangenen Jahren gefallen sind - absolut und relativ zu den traditionellen Messformen der Inflation.

4. Die positiven Effekte von Immigration

Eines der letzten Charts der Präsentation ist eine faktenreiche Antwort auf die restriktive Einwanderungspolitik von Donald Trump: 56 Prozent der am höchsten bewerteten Techfirmen der USA wurden demnach von Einwanderern (erst seit einer oder zwei Generationen Amerikaner) gegründet, etwa Apple Börsen-Chart zeigen (Steve Jobs Familie kommt aus Syrien), Amazon Börsen-Chart zeigen (Jeff Bezos, Cuba), Google Börsen-Chart zeigen (Sergey Brin, Russland) oder Netflix Börsen-Chart zeigen (Jensen Huang, Taiwan). Sie alle haben Millionen neuer Jobs in den USA geschaffen und sind, so Meeker, enorm wichtig für den technologischen Fortschritt der USA. Eine solche Bilanz täte Deutschland auch mal gut.

Die Lehren für Deutschland

Ist der Siegeszug des Internets überhaupt noch zu stoppen? Rund die Hälfte aller Weltbürger sind inzwischen online. Doch der Zuwachs der Internetverbreitung schwächt sich ab, das Wachstum der neu ausgelieferten Smartphones ist nahezu null. Rund sechs Stunden pro Tag sind die Menschen im Schnitt online, davon 3,3 Stunden per mobilem Netz.

Mary Meekers Report sollte Deutschland aufrütteln. Wenn unsere Unternehmen im digitalen Wettbewerb punkten wollen, dann muss mehr kommen, viel mehr. Auch wenn wir keine Googles oder Facebooks haben: Wir sollten die Digitalwirtschaft und insbesondere die Start-ups finanziell und strategisch stärker unterstützen. Sie treiben die digitale Transformation voran und sind hilfreich für den gesamten Mittelstand. Digitalfirmen mögen für den einen oder anderen bedrohlich wirken, aber ihr volkswirtschaftlicher Nutzen ist enorm: Sie sorgen für effizientere Märkte mit höherer Transparenz und niedrigeren Kosten. Das ist doch was!

Der Autor ist Mitglied der SPD.

Luis Hanemann ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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