Dienstag, 24. Mai 2016

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Henning Kagermann "Die Million ist möglich - unter den richtigen Rahmenbedingungen"

Henning Kagermann: "Nebenbei werden viele Fahrer bemerken, dass für die meisten Strecken die Batterie ausreicht"

Eine Million Elektromobile bis 2020: Ex-SAP-Chef Henning Kagermann gehört zu den wenigen, die dieses Ziel noch für erreichbar halten. Im Interview nennt Kagermann die Gründe - und erklärt, was er sich von der chinesischen Regierung, von Plugin-Hybriden und den Modellen BMW i3 und VW up verspricht.

mm: Herr Kagermann, Bosch-Automobilchef Bernd Bohr hat die Elektromobilität als "die automobile Zukunft" bezeichnet. Es sei nur offen, wann diese Zukunft beginnen werde. Herr Kagermann, wie lange müssen wir noch warten?

Kagermann: Die Elektromobilität hat schon losgelegt - in Deutschland und weltweit. Die internationale Konferenz Elektromobilität der Bundesregierung Ende Mai hat das demonstriert.

mm: Die Schaufensterreden dort können es nicht gewesen sein ...

Kagermann: Sie hätten die Konferenz mit einer Probefahrt beginnen sollen, so wie viele Teilnehmer und Passanten. Wir wollten Elektromobilität erfahrbar machen im Wortsinn. Das ist eindrucksvoll gelungen. Doch es gab auch viele sehr interessante Vorträge. Ganz besonders ermutigt hat mich persönlich ein langes Gespräch mit dem chinesischen Forschungsminister Wan Gang. Vor zwei Jahren hatte ich ihn schon einmal bei der Acatech zu Gast. Jetzt wollte ich von ihm hören, was sich in China geändert hat und wie er die deutsche Entwicklung beurteilt - man traut Deutschland viel zu.

mm: Die chinesische Regierung scheint die Elektromobilität deutlich pessimistischer zu betrachten als damals.

Kagermann: Nicht im Ergebnis, auch wenn man in China vielleicht eine noch schnellere Entwicklung erwartet hatte. Der Minister war in seiner Kernbotschaft beeindruckend deutlich: Die Chinesen setzen voll auf Elektromobilität. Das wird ein großer Markt für Elektrofahrzeuge. Und Wan Gang steht nicht allein mit seiner klaren Einschätzung. Norman Baker, britischer Staatssekretär für Verkehr, und Koei Saga von Toyota Börsen-Chart zeigen waren ähnlich deutlich ...

mm: ... Saga hat unter anderem das Hybridmodell Prius entwickelt.

Kagermann: Seine zentralen Botschaften sollten manchem in Deutschland eine Lehre sein. Erstens: Für Elektro- und Hybridfahrzeuge benötigt man einen langen Atem. Zweitens: Man muss fast eine Dekade lang investieren, bevor man mit einer so neuen Technik auch Geld verdienen kann.

mm: Die für die nächsten Jahre angekündigten Elektromobile sind überwiegend Plugin-Hybride. Sie kombinieren einen Elektroantrieb mit durchschnittlich 30 bis 70 Kilometer Batteriereichweite mit einem Verbrennungsmotor, erzielen so eine Gesamtreichweite ähnlich normalen Dieselfahrzeugen oder Benzinern. Hat der reine Elektroantrieb überhaupt eine Zukunft?

Kagermann: Künftig wird es unterschiedliche Lösungen für bestimmte Anwendungsfälle geben. Dabei sind reine batterieelektrische Fahrzeuge vorerst für Kurz- und Mittelstrecken gut geeignet. Modelle wie der BMW i3 werden den Beweis antreten. Aber auch Plugin-Hybride bringen die Elektromobilität nach vorn. Sie nehmen den Kunden die Sorge vor mangelnder Reichweite und führen sie behutsam an die Elektromobilität heran. Das reduziert die Hemmschwelle, bringt schneller hohe Stückzahlen für elektrifizierte Komponenten und hilft so, die Kosten zu senken. Nebenbei werden viele Fahrer bemerken, dass für die meisten Strecken die Batterie ausreicht.

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