Montag, 24. Juli 2017

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Rebellen übernehmen Macht in Handelskammer Eine friedliche Revolution, mitten in Wirtschafts-Deutschland

Die neuen Machthaber in der Handelskammer Hamburg: Der Sprecherrat vom Bündnis "Die Kammer sind wir!" mit Sprecher Tobias Bergmann (3. v. l.).

Die Demokratie wird gerade einem historischen Leistungstest unterzogen. Ihr größtes Versprechen ist bekanntlich: Änderungswünsche zivil zu verhandeln; sofern sich dafür eine Mehrheit findet, den Machtwechsel friedlich zu organisieren; danach effektiv weiterzumachen.

In einigen der wichtigsten Demokratien vollzieht sich ein solcher Prozess gerade oder bahnt sich an: Großbritannien und Brexit, USA undDonald Trump, Frankreich und die Frage, wie es die Franzosen mit Marine Le Pen halten. Ob oder wie diese jeweils großen Demokratien den Leistungstest bestehen werden, ist nicht ausgemacht.

Merkel-Deutschland stand bislang am Rande: als Hort der Stabilität oder als Heim der politisch Eingeschläferten - je nach Sichtweise.

Seit dem Wochenende ist das nicht mehr so. Das liegt an einer Wahl, die klein wirkt, tatsächlich aber eine große Interpretation verdient. In Hamburg war ein Bündnis zivilisiert wütender Unternehmer zur Wahl des Handelskammer-Parlaments angetreten. Ihre Hauptversprechen: Abschaffung der Zwangsbeiträge, Kunden-Orientierung, Meinungs-Pluralismus, Transparenz. Ihr populistischstes Versprechen: Reduzierung des Jahresgehalts des Hauptgeschäftsführers von heute rund 500 000 Euro auf 150 000 Euro, das Niveau des Wirtschaftssenators.

Sie traten an gegen das, was man neudeutsch als Establishment bezeichnet: Kandidaten, die von den einschlägigen Verbänden wie der Dehoga unterstützt wurden und Konzerne wie Airbus, Siemens, Vattenfall, den Flughafen oder die Privatbank M.M. Warburg repräsentieren.

Das Ergebnis der Wahl, zu der alle in der Kammer organisierten 160.000 Hamburger Unternehmen aufgerufen waren: Die zivilisiert wütenden Unternehmer bekamen 55 von 58 Sitzen. Bis auf die Hamburger Sparkasse (Haspa) durch deren Chef Harald Vogelsang ist kein Konzern mehr vertreten. Hamburgs Wirtschaft wird durch kleine Mittelständler regiert.

Das Ergebnis sollten sämtliche Verbände in Deutschland genau studieren und mit der Frage verbinden, wie es wohl ihnen erginge, würden sie an irgendeiner Stelle mal zur Wahl stehen. Zuvorderst für den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und den Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) etwa könnte das sehr heilsam sein.

Das Ergebnis ist auch für die Establishment- und Eliten-Debatte wertvoll. Zwar wurde in Hamburg natürlich das Establishment abgewählt, allerdings nicht mit einer Anti-Eliten-Argumentation. Die Wahlgewinner argumentierten im Grunde sogar sehr elitär: mehr Leistung für das Geld; das bessere Argument möge künftig die Entscheidungen der Handelskammer leiten; die Hamburger Wirtschaft müsse wieder exzellenter werden. Im Grunde hat eine neue, energische Elite die alte, selbstzufriedene abgelöst.

So weit, so romantisch. Nun müssen die neuen Herrscher der Handelskammer ihre überwältigende Macht klug einsetzen und bessere Antworten finden, beispielsweise die auf die Finanzierung der vielfältigen Kammer-Aufgaben ohne Zwangsbeiträge. Zu dem klugen Umgang mit Macht gehört etwa, vor allen wesentlichen Entscheidungen die Sichtweise der Großkonzerne einzuholen. Die sind zwar abgewählt, aber deswegen nicht unwichtig. Und dazu gehört auch, sich jegliche Triumph-Attitüde ab sofort zu verkneifen, damit sich die Verletzungen der Gegenseite nicht zu Systemopposition auswachsen.

Wenn das alles gelingt, wäre der Fall Hamburg immer noch klein. Aber ein großes Beispiel für das Verantwortungsbewusstsein von Unternehmern und die Leistungsfähigkeit demokratischer Gesellschaften.

Offenlegung: Der Autor ist mit Tobias Bergmann, dem Sprecher des siegreichen Wahlbündnisses "Die Kammer sind wir", seit mehr als 15 Jahren befreundet, also schon deutlich vor dessen politischen Engagement. Die Redaktion von manager-magazin.de hielt es für vertretbar, dass der Autor einen Kommentar mit dieser Offenlegung schreibt.

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