Mittwoch, 15. August 2018

Grammer, Hastor und die Folgen So wappnen Sie sich gegen aktivistische Aktionäre

Grammer-Beschäftigte protestierten Anfang 2017 gegen die Übernahmepläne der Investorenfamilie Hastor.

Die Auseinandersetzung des Automobilzulieferers Grammer mit der Investorenfamilie Hastor steht exemplarisch für den Einzug einer besonders aggressiven Form des Shareholder Aktivismus. Deutsche Unternehmen müssen sich auf solche Auseinandersetzungen mit ihren Investoren vorbereiten - ob sie wollen oder nicht.

2017 war kein einfaches Jahr für den Automobilzulieferer Grammer. Das Unternehmen wehrte nur knapp einen "Angriff" der bosnischen Investorenfamilie Hastor ab, die bereits 20 Prozent der Anteile an dem SDAX-Konzern erworben hatte - genug, um auf einer der bis dahin notorisch schlecht besuchten Hauptversammlungen (2014 bis 2016 waren im Schnitt nur etwa 43 Prozent der stimmberechtigten Aktien vertreten) empfindlich Einfluss zu nehmen. Die Ziele der Aktivisten waren schnell klar: Kontrolle gewinnen, Profitabilität steigern. Drei der sechs Aktionärsvertreter im Aufsichtsrat wollte Hastor austauschen und durch Vertraute ersetzen. Außerdem sollte CEO Hartmut Müller seinen Posten räumen.

Henning Zülch
  • Copyright: Michael Bader
    Michael Bader
    Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs "Investors' Darling", mit welchem die Qualität der Finanzkommunikation der 160 Unternehmen des HDax und SDax bewertet wird.

Nur knapp gelang es, die Übernahme abzuwehren: Um sich zu schützen, hatte man das chinesische Unternehmen Ningbo Jifeng überzeugt, als "weißer Ritter" aufzutreten und seinerseits Grammer-Aktien zu erwerben. Inzwischen hält Jifeng knapp 25 Prozent der Anteile, Hastor weiterhin knapp 20 Prozent.

Doch die daraus entstandene Pattsituation könnte sich als Pyrrhussieg erweisen: Vieles spricht dafür, dass der ungeliebte Investor gegen verlorene Entscheidungen auf der Hauptversammlung ausdauernd prozessieren wird. Lediglich der Schaden bei Grammer ist jetzt schon sicher: Seit dem Auftritt von Hastor verzeichnet das Unternehmen einen deutlich gesunkenen Auftragseingang, 2017 ging der Nettogewinn im Vergleich zum Vorjahr um ganze 28 Prozent zurück. Hilfreich könnte die jetzt angekündigte Übernahme von Grammer durch die Chinesen sein, die ihr Aktienpaket auf bis zu 50 Prozent aufstocken wollen.

Die Aktivisten kommen

Der Fall Grammer sollte für alle deutschen Unternehmen ein Weckruf sein: Eine aggressive Form des Shareholder-Aktivismus hält Einzug bei uns. Zwar bleibt die "Fallzahl" von Unternehmen, die von Aktivisten ins Visier genommen wurden, mit 19 bekannten Fällen 2017 im Vergleich zu anderen Ländern bisher gering. Indes ist seit 2015 ein Aufwärtstrend zu beobachten.

Die Beweggründe der einzelnen Investoren reichen von ethisch-moralischen Motiven, wie etwa der Ausrichtung von Unternehmen auf ein nachhaltiges Geschäftsmodell, bis zu rein monetären Absichten wie der Abschöpfung hoher Dividendenzahlungen. Ebenso breit ist das Spektrum der Methoden, mit denen Aktivisten Unternehmen auf einen anderen Kurs zu bringen versuchen: Dominierten in der Vergangenheit indirekte Maßnahmen, wie die Neubesetzung wichtiger Governance-Organe, versuchen vor allem renditegetriebene Aktionäre heute zunehmend auch, Druck aufzubauen, um unmittelbaren Einfluss auf die Entscheidungen des Managements zu nehmen.

Vorstände müssen sich vorbereiten

Vieles spricht also dafür, dass die Herausforderungen für deutsche Vorstandsetagen mittelfristig steigen werden. Dies kann aber auch eine Chance sein: So muss sich längst nicht jeder Fall von Shareholder-Aktivismus brachial und verlustreich entwickeln wie bei Grammer. Die Vielfalt der Anreize, die Investoren dazu bewegen, sich einzumischen, kann auch der Ursprung für längst überfällige Debatten innerhalb der Wirtschaft sein und somit notwendige Veränderungen initiieren.

So kann Shareholder-Aktivismus auf Manager disziplinierend wirken - etwa, indem Anteilseigner sich gegen allzu exzessive Managementvergütungen stemmen. Gerade in der für die deutsche Wirtschaft so wichtigen Automobilindustrie, die sich in den vergangenen Jahren zunehmend mit Vorwürfen der Inflexibilität und unverhältnismäßigen Nähe zur Politik konfrontiert sieht, können streitlustige Anteilseigner als Impulsgeber und Korrektiv fungieren. Es gibt also ebenso gute Gründe, die Ankunft der Unbequemen zu begrüßen.

Wirtschaftlicher Erfolg schützt nicht

Unternehmen, die die negativen Auswirkungen möglicher Auseinandersetzungen glätten wollen, müssen sich vorbereiten. Hierzu gehört zunächst eine Bestandsaufnahme: Ist das eigene Unternehmen aufgrund interner oder externer Bedingungen attraktiv für Aktivisten? Die Beantwortung dieser Frage wird jedoch durch die unterschiedlichen Ansätze verschiedener Investoren erschwert. Allen ist letztlich nur gemein, dass sie nach ungehobenem Potential Ausschau halten. Was sie hierunter verstehen, kann indes zwischen verschiedenen Investorengruppen variieren. Vorstände müssen also lernen, die eigene Sicht auf das Unternehmen kritisch zu hinterfragen und zwischen den Zeilen zu lesen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, worauf sie sich einstellen müssen.

Dies beginnt schon bei der Frage, welchen Typus von Unternehmen Aktivisten ins Visier nehmen. So ist wirtschaftlicher Erfolg keinesfalls ein Garant dafür, von Shareholder-Aktivisten verschont zu bleiben. Zwar bestätigen verschiedene Untersuchungen, dass Investoren vor allem auf Unternehmen Einfluss zu nehmen versuchen, die sowohl im operativen Geschäft als auch am Kapitalmarkt hinter den Erwartungen zurück bleiben; allerdings scheint vor allem die Verwendung erzielter Gewinne von Bedeutung zu sein: Unternehmen mit hohen Reserven an liquiden Mitteln und solche, die trotz guter operativer Performance nur verhältnismäßig geringe Dividenden ausschütten, werden häufig Ziel von Shareholder-Aktivisten.

Relativ gut geschützt scheinen nur Unternehmen zu sein, in denen Management und Anteilseigner stark miteinander verknüpft sind - etwa weil die Unternehmensleitung selbst wesentliche Aktienpakete hält und somit in der Auseinandersetzung mit Aktivisten kraftvoller agieren kann.

Schutzstrategien entwickeln

Bleibt die Frage, wie Manager auf Shareholder-Aktivisten angemessen reagieren sollten. Das Beispiel Grammer zeigt, dass die Absicherung durch einen wohlmeinenden Ankerinvestor schwer fallen kann - und längst nicht alle Probleme dauerhaft löst. Ein solcher Weg kann in der Folge sogar neue Probleme entstehen lassen. Dies unterstreicht die Bedeutung alternativer Strategien, die das Unternehmen unabhängiger von der Protektion durch externe Dritte unternehmen muss. Eine solche Strategie kann etwa die Besinnung auf Methoden und Möglichkeiten der Unternehmenskommunikation sein. Ziel sollte es dabei sein, einen wirksamen Aktionsplan für den Umgang mit Aktivisten zu entwickeln. Dieser sollte zumindest die folgenden vier Aspekte umfassen:

  • ein kontinuierliches Investorenmonitoring,
  • eine transparente Berichterstattung,
  • die Erstellung eines strategischen Kommunikationsplans sowie
  • Background Checking und offene Kommunikation.

Diese Strategien gehen weit über das bisher übliche Maß an Investor Relations Arbeit hinaus. Sie erfordern vielmehr deren Ausweitung auf einen wirksamen Investor Research. Ein solcher kann die Unternehmensleitung dabei unterstützen, Initiativen von Shareholder-Aktivisten zu antizipieren und diesen konstruktiv und auf Augenhöhe zu begegnen.

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der renommierten HHL Leipzig Graduate School of Management und ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH