Sonntag, 22. April 2018

Wachstum in Zeiten des Protektionismus Die Globalisierung ist nicht zu Ende

Schuhproduktion bei Adidas: Speedfactory ab 2020 mit 3-D-Druck
Adidas / DPA
Schuhproduktion bei Adidas: Speedfactory ab 2020 mit 3-D-Druck

Brexit, America First, nationale Alleingänge innerhalb der EU: Mit Sorge beobachten wir einen zunehmenden geopolitischen Nationalismus und Protektionismus. Immer mehr G20-Staaten schotten sich durch Handelsbarrieren und bilaterale Abkommen ab. Zudem entwickelt sich die Weltwirtschaft zunehmend multipolar: Es sind nicht mehr wenige, sondern viele Länder, die zum globalen Wachstum beitragen. Gleichzeitig entwickeln sich aber die Schwellen- und Ölländer längst nicht mehr so dynamisch.

Judith Wallenstein
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    Judith Wallenstein gehört dem Partnerkreis der Strategieberatung Boston Consulting Group in Deutschland an und ist Expertin auf dem Gebiet der Sharing Economy.

Dennoch gibt es für Unternehmen auch in dieser sich wandelnden Welt durchaus Chancen zu wachsen. Digitale Plattformen, die exponentiell zunehmende Datenkonnektivität oder Industrie-4.0-Technologien eröffnen neue Geschäftsmodelle und machen Firmen unabhängiger von einzelnen Standorten.

Mehr als 3,6 Milliarden Menschen - fast die Hälfte der Weltbevölkerung - sind über das Internet erreichbar. Allein darin liegt ein enormes Potenzial. So ist Uber mit seiner Personenbeförderungsplattform nur sechs Jahre nach der Unternehmensgründung in mehr als 81 Ländern der Welt vertreten. Pokemon Go, das Onlinespiel des Jahres 2016, führte nur einen Monat nach seinem Erscheinen in mehr als 70 Ländern gleichzeitig die Hitlisten der Downloadspiele an.

Die "neue" Globalisierung

Unser Verständnis von Globalisierung muss sich verändern, weil die Welt um uns herum sich ändert. Jahrzehntelang wirkten einige wenige Volkswirtschaften - allen voran Westeuropa, die USA und Japan - als Motor der Globalisierung. Vor allem der Warenhandel trieb die Wachstumsraten in den Schwellenländern nach oben.

Das vorherrschende Geschäftsmodell basierte vor allem auf Arbeitsteilung. Multinationale Konzerne produzierten in Billiglohnländern Produktteile, die dann an anderer Stelle zum Endprodukt zusammengesetzt wurden. Der Freihandelskonsens in den maßgeblichen G7-Staaten machte es möglich. Um heute weiter wachsen zu können, müssen sich Unternehmen den neuen Rahmenbedingungen anpassen.

Doch auf welchen Märkten können Unternehmen in der neuen globalen Welt wachsen - und mit welchen? Für globales Wachstum braucht es vier wesentliche Voraussetzungen:

1. Neue Hotspots identifizieren

Mit makroökonomischen Kennzahlen wie Bruttoinlandsprodukt oder Pro-Kopf-Einkommen allein lassen sich Marktchancen in Zukunft nicht mehr erkennen. Denn auch in Ländern mit verhaltenem Wachstum gibt es viele Chancen für unterschiedliche Waren und Dienstleistungen, vorausgesetzt das Geschäftsmodell stimmt. Die US-Drogeriemarktkette CVS Pharmacy ist beispielsweise in Brasilien enorm gewachsen - trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen des Landes.

Der Grund: CVS hat die Nachfrage der Konsumenten nach modernen Ladenkonzepten bedient. Ein ähnliches Phänomen beflügelt gerade Starbucks in China: Das traditionelle Teeland hat den Kaffee für sich entdeckt. Obwohl Chinas Bruttoinlandsprodukt seit Längerem nur noch moderat steigt, hat der neue Kaffeekonsum Starbucks Börsen-Chart zeigen einen enormen Schub beschert. Die neuen Hot Spots können auch Länder mit tiefen strukturellen Veränderungen sein. Vielleicht nicht als Nachfrager von Industriegütern, aber beispielsweise von Dienstleistungen oder Konsumgütern.

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