Freitag, 20. Juli 2018

Der Fall Generali Verrat an der deutschen Lebensversicherung

Die Generali geht voran und verkauft Millionen Policen an einen Abwickler. Damit entledigt sich ein erster großer Lebensversicherer seiner Verantwortung

Die Politik hat den Lebensversicherern in Deutschland über viele Jahre etliche Privilegien eingeräumt und sie zugleich Stück für Stück aus ihrer Verantwortung entlassen. Genau das fällt jetzt im Fall Generali Millionen Kunden auf die Füße.

Es gab einmal einen Versicherer, der sehr eng mit Gewerkschaften zusammenarbeitete. Die Genossinnen und Genossen waren begeistert von der Idee, dass über eine Versicherung und dessen Kollektiv alle füreinander einstehen. Altersvorsorge würde auf diese Weise über das Vehikel der Lebensversicherung zu einer Sozialveranstaltung im politisch besten Sinne. Die deutsche Lebensversicherung war durchdrungen von der Idee und Philosophie einer gemeinschaftlichen Vorsorge.

Axel Kleinlein
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    Axel Kleinlein ist Versicherungsmathematiker. Bevor er sich dem Verbraucherschutz zuwandte, arbeitete Kleinlein in dieser Funktion auch für die Allianz. Der gefürchtete Kritiker der Assekuranz führt seit 2011 (mit kurzer Unterbrechung) den Bund der Versicherten (BdV) an. Die größte Verbraucherschutzorganisation für Versicherte in Deutschland. Vor allem mit seinen Studien zur Riester-Rente wurde er einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Erste Ernüchterung setzte ein, als die Auszahlungen immer schlechter wurden. Eine weitere Ernüchterung folgte, als dieses Versicherungsunternehmen vom italienischen Löwen geschluckt wurde - von der Generali. Und spätestens ab diesem Moment war von dem Selbstverständnis des "Genossenversicherers" nichts mehr zu spüren.

Lebensversicherer sind integraler Bestandteil der deutschen Altersvorsorge

Was man nicht vergessen darf: Die Genossinnen und Genossen haben zusammen mit vielen Verantwortlichen aus der Politik über viele Jahrzehnte dafür gesorgt, dass das System der deutschen Lebensversicherung von staatlicher Seite stark unterstützt wurde und wird. Da geht es zum Beispiel um steuerliche Vergünstigungen, und im Bereich der betrieblichen Altersvorsorge können auch Sozialversicherungsbeiträge eingespart werden.

Viele Verträge dieser über 90 Millionen Lebensversicherungsverträge gäbe es nicht, wenn sich nicht die Politik dafür stark gemacht hätte, dass Steuerzahlende und Sozialversicherungssysteme die Lebensversicherungsindustrie unterstützen. Die Begründung war stets die gleiche: Die deutschen Lebensversicherer sind integraler Bestandteil der deutschen Altersvorsorge. Und weil diese Unternehmen mit großer Verantwortung diese Altersvorsorge organisieren, ist es politisch opportun dieser Branche diese Privilegien zu gewähren.

Die deutschen Lebensversicherer haben über viele Jahrzehnte diese Privilegien genossen. Und jetzt käme es darauf an, dass diese Unternehmen im Gegenzug selbst Verantwortung übernehmen - besonders für einen Versicherer der in der Nachfolge des "Genossenversicherers" steht. Jetzt käme es auch darauf an, dass die Entscheider aus der Politik, die vormals diese Privilegien gewährten, mit breitem Kreuz diese Verantwortung einfordern.

Was man aber vonseiten dieser Politikerinnen und Politiker hört, ist - Nichts.

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