Donnerstag, 8. Dezember 2016

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Rohstoffriese in Not Gazprom - der spektakuläre Absturz des russischen Giganten

Galerie zum Gruseln: Das sind Gazproms Problemfelder
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AFP

Gazprom wollte seinen Marktwert als erster Konzern auf mehr als eine Billion Dollar steigern. Stattdessen bricht die Förderung ein, und es mehren sich Forderungen, den Gasriesen zu zerschlagen. Die Geschichte eines spektakulären Niedergangs.

Als der Marktwert des russischen Gazprom-Konzerns im Jahr 2007 die Marke von 290 Milliarden Dollar überschritt - und damit auch den Wert des Bruttosozialprodukts von 165 der 192 in der Uno vertretenen Nationen - widmete der SPIEGEL dem Staatsunternehmen eine Titelgeschichte. Rund 400.000 Mitarbeiter hatte der "Konzern des Zaren" da- und wähnte sich doch erst am Anfang des Aufstiegs. Als Ziel gab das Top-Management eine Marktkapitalisierung von einer Billion Dollar aus, Gazprom wollte die Schallmauer als erstes Unternehmen weltweit durchbrechen.

Heute ist der Konzern davon weiter entfernt als je. Zuletzt lag der Marktwert bei etwas mehr als 50 Milliarden Dollar. Den Platz unter den Top Ten der Welt hat das Unternehmen verloren, in der Liste der "Financial Times" rangiert es auf Platz 170, knapp vor der Kanadischen Eisenbahn.

Vordergründig ist Gazprom im Sog der fallenden Ölpreise unter Druck geraten. Der Konzern setzt traditionell auf die - zeitlich verzögerte - Kopplung der Gaspreise an die Entwicklung am Ölmarkt. Das rächt sich nun. Kosteten 1000 Kubikmeter 2014 noch 351 Dollar, sind es nun 237 Dollar. Für 2016 liegt die Prognose sogar bei nur noch 162 Dollar.

Die Probleme aber gehen tiefer. Den Konzern plagen gleich eine ganze Reihe Probleme:

Die Ausfuhren ins Ausland sind 2014 um mehr als zehn Prozent eingebrochen, vor allem wegen des Konflikts in der Ukraine. Früher lagen die Lieferungen an das Nachbarland noch bei bis zu 40 Milliarden Kubikmetern pro Jahr. Doch die Ukraine hat wegen Krieg und Krise den Verbrauch stark gedrosselt. Zwischenzeitlich kaufte Kiew gar nicht direkt bei den Russen, für 2015 sind Gasexporte von nicht mehr als zehn Milliarden Kubikmeter in die Ukraine geplant.

Auch insgesamt stagnieren die Exporte. Vor Ausbruch der Ukrainekrise verkaufte Gazprom rund 230 Milliarden Kubikmeter. Das war gerade das Niveau von 2013. Vor allem Katar, Norwegen und die USA machen den Russen auf dem Weltmarkt verstärkt Konkurrenz.

In Europa setzt Gazprom der Dauerkonflikt mit der EU-Kommission zu. Brüssel hat im April mit einer Milliardenstrafe gedroht und Gazproms South Stream Pipeline nach Bulgarien verhindert. Der Moskauer Energieanalyst Alexej Griwatsch hält das zwar für einen Fehler der Europäer. Gasfragen würden "zu stark politisiert", was unnötige Risiken für die Energieversorgung schaffe. Aktuell aber gibt es für die Russen wenig Grund zur Annahme, dass sich an der Haltung der EU etwas ändert.

Und selbst in Russland sinkt die Nachfrage nach Gazprom-Gas. Und das gleich "katastrophal", sagt Grigory Vygon, Gründer der Moskauer Energieberatungsfirma Vygon Consulting. Der Absatz auf dem Heimatmarkt ist um 30 Prozent eingebrochen: von 307 Milliarden Kubikmeter 2005 auf 217 Milliarden im vergangenen Jahr. Zwei große Widersacher machen Gazprom das Leben schwer: Novatek, Nummer zwei im Markt und in privater Hand, und der staatliche Ölriese Rosneft, der gerade aggressiv expandiert.

Die Konkurrenten suchen bevorzugt die besonders zahlungskräftigen Kunden in der Industrie. Die Versorgung von Privatverbrauchern auch im ländlichen Raum dagegen muss Gazprom gewährleisten. Und das zu teils wenig attraktiven Konditionen: Gazproms Preise in Russland werden vom Staat reguliert, sagt Vygon: "Der Konzern darf sein Gas nicht günstiger verkaufen, als die Untergrenze festlegt - die anderen schon".

Anfang Oktober wurde bekannt, dass Gazprom einen besonders lukrativen Kunden an die Konkurrenz verlieren wird. Die NLMK-Werke, einer der größten Stahlproduzenten Russlands, beziehen Gas ab 2016 von Novatek. Die Rede ist von 2,8 Milliarden Kubikmetern Gas pro Jahr.

Die Folgen von schwachem Export und schlechtem Russlandgeschäft sind weitreichend: Die Regierung rechnet mit einem neuen Minusrekord bei der Förderung. Gazprom werde 2015 wohl nur 414 Milliarden Kubikmeter Gas produzieren, so wenig, wie noch nie seit der Gründung des Unternehmens. Die Kapazitäten liegen zwischen 550 und 600 Milliarden Kubikmeter.

Die Konkurrenten setzen Gazprom auch politisch zu. Sie wollen beim lukrativen Export mitmischen. So rief die Vize-Chefin des Rivalen Rosneft die Regierung im Juli per Brief auf, Gazproms Exportmonopol aufzuheben - und den Gasriesen zu zerschlagen. Es gehe um "die Schaffung eines neuen Modells, das Russland erlaubt, seine Anteile am Weltmarkt zu erhöhen", heißt es in dem Schreiben.

Langfristig führe tatsächlich kein Weg an einer Entflechtung Gazproms in mehrere Unternehmen vorbei, glaubt auch Energieexperte Vygon. Förderung und Transport würden voneinander getrennt: "Viele Länder sind diesen Weg gegangen". Der russische Staat würde den Gassektor dennoch unter Kontrolle behalten. "Die Welt hat sich geändert", sagt Vygon. "Jetzt muss sich auch Gazprom verändern."

Der "Konzern des Zaren" aber wäre endgültig Vergangenheit.

 

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