Sonntag, 26. Juni 2016

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Game-Changer-Wettbewerb 2015 Neues Welt-Bild

Axel Springer - Sieger in der Kategorie Focused Player: Neues Welt-Bild
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Euphorika für manager magazin

Das Rubrikengeschäft im Netz liefert satte Gewinne. Aber Axel Springer will nun beweisen, dass auch digitaler Journalismus Geld bringt.

Nein, einen Pyjama Friday gibt es bei Axel Springer noch nicht. Aber es fehlt nicht mehr viel. Der einst streng gegelte Herr Diekmann hat die Haare jetzt wuscheliger, zwei Tattoos und die Ärmel hochgekrempelt; außerdem ist er nicht mehr Herr Diekmann, sondern "der Kai". CEO Mathias Döpfner (52) begnügt sich mit einem elf Quadratmeter kleinen Glasbüro, wo er die Vision für den Verlag in einer nonchalanten Mischung aus Valley-Sound und Bildungsbürgervokabular erläutert. Und wehe, ein Redakteur sagt, er arbeite bei der "Bild"- Zeitung. Denn das heißt jetzt: "bei Bild".

Wenn sich Unternehmen einen Kulturwandel verordnen, ist das oft nur ein anderes Wort für Stellenabbau; im angenehmsten Szenario werden ein paar Workshops angesetzt und neue Topfpflanzen ins Foyer gestellt. Nicht so bei Axel Springer Börsen-Chart zeigen.

Kein deutsches Medienhaus, kaum ein Unternehmen aus anderen Branchen, hat sich, sein Geschäft, seine Mitarbeiter und sein Image in den vergangenen zehn Jahren so radikal verändert wie der Verlag, der einst nahezu mythenhaftes Symbol war für Konservativismus und Engstirnigkeit.

Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner: Der Springer-Verlag gewann in der Kategorie "Focused Players"
Traditionsblätter wie "Hörzu" und "Hamburger Abendblatt" - weg. Das Rubrikengeschäft - nahezu komplett online. Die große "Bild" - im strategischen Gefüge nach hinten durchgereicht, im Coolness- Ranking abgeschlagen hinter akquirierten, im Web gewachsenen Perlen wie Business Insider, Ozy und der News- Plattform Mic.com. "Eine beeindruckende Transformation", sagt der Gründer und Valley-Milliardär Andreas von Bechtolsheim. "Die haben ihr eigenes Geschäftsmodell aus den Angeln gehoben", staunt die Wirtschaftsprofessorin Ann- Kristin Achleitner.

Von Bechtolsheim und Achleitner gehören der Jury an, die Axel Springer in der Kategorie Focused Players mit dem Game-Changer-Preis von Bain & Company und manager magazin ehrte. "Springer hat ,digital' extrem schnell gelernt, ist dynamisch und risikobereit", sagt Imeyen Ebong, Partner bei Bain. "Gemessen am Veränderungsgrad, ist der Verlag eine Art Role Model für die Idee des Game Changer Award."

Private-Equity-Holding mit angeschlossenem Verlagsteil?

Wer Regeln bricht, erntet nicht nur Begeisterung. Spötter sprechen von Springer als Private-Equity-Holding mit angeschlossenem Verlagsteil, Traditionalisten sehen in Döpfner mit seinen integrierten Redaktionen, Paid-Modellen und seinem Digitalaktionismus den Totengräber der Zunft.

Die Aktionäre jedoch freuen sich über den Börsenkurs, der sich seit Anfang 2010 nahezu verdoppelt hat; Berater loben die Financials: Die Ebit-Marge liegt bei rund 13 Prozent, Tendenz steigend. Zwar kommen noch immer 38 Prozent der Erlöse aus Print - aber nur noch 23 Prozent des Ebitda. Die Früchte der Transformation fallen im Netz an: 2012 steuerten die Digitalaktivitäten erst knapp 40 Prozent zum Ebitda bei, inzwischen sind es drei Viertel.

Die Frage ist: Wie hat Springer das gemacht? Und kann das zum Vorbild für die gebeutelte Verlagsbranche werden?

Spätestens seit dem Jahrtausendwechsel sind die Verleger weltweit konfrontiert mit einem bemerkenswerten Phänomen: Der technologische Wandel schuf "eine Internetumgebung voller freier Inhalte und gekappter Verbindungen zwischen denen, die Inhalte herstellen, und denen, die für Produkte und Dienste Geld bekommen", schreiben Autoren der Stanford Business School in einer Fallstudie - über Axel Springer. Heute wird dem Verlag von der Eliteuni "strategische Führung" in der digitalen Medientransformation attestiert, und das liegt an Timing und Radikalität.

Döpfner und sein Team erkannten früh, dass Veränderungskosmetik nicht lange ausreichen würde, denn "irgendwann kommt der Strömungsabriss", wie "Bild"-Chef Kai Diekmann sagt: "Das ist wie eine dicke Schneeschicht auf dem Dach, die von der Frühlingssonne weggeschmolzen wird."

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