Mittwoch, 27. Juli 2016

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Sieger in der Kategorie Challenger: EOS Nur noch kurz die Welt drucken

Game Changer 2015: Sieger in der Kategorie Challenger: EOS
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Euphorika für manager magazin

Seit 25 Jahren entwickelt Hans Langer 3-D-Drucker. Heute schreibt seine Firma Eos die Gesetze von Produktion und Logistik um.

Vor einigen Jahren, im ICE nach Dortmund, saß Hans Langer (63) neben einem älteren Herrn. Der Mann, weißes Haar, skeptischer Blick, kam Langer vage bekannt vor, aber erst kurz vor Köln fiel ihm sein Name ein: Nicolaas Bloembergen, 1981 mit dem Physik- Nobelpreis für seine Beiträge in der Laserspektroskopie geehrt. Viele Jahre zuvor hatte Langer, der promovierte Physiker, mit dem Gedanken gespielt, bei ihm als Post-Doc zu arbeiten; nun sprach er ihn an.

"Was machen Sie jetzt so?", fragte Bloembergen.

"Additive Fertigung."

"Langweilig."

"Ich glaube, Sie täuschen sich", entgegnete Langer. "Wir arbeiten mit Lasern an Phasenübergängen in mikroskopischen Strukturen." Bloembergens Gesicht hellte sich auf: "Das klingt spannend."

Sieger in der Kategorie "Challenger": Eos-Chef Hans Langer
www.grossaufnahmen.de
Sieger in der Kategorie "Challenger": Eos-Chef Hans Langer
An hochgezogene Augenbrauen, wenn er von seiner Firma erzählte, war Langer gewöhnt. "Aber ich wusste schon bei der Gründung 1989, dass das Ganze eines Tages richtig groß werden könnte." Heute ist Langers Unternehmen Eos Weltmarktführer mit Maschinen für industriellen 3-D-Druck. Konzerne wie General Electric, Siemens oder BMW zahlen bereitwillig hohe sechsstellige Summen - für eine davon. Fast alle Dax-Konzerne sind Kunden. Seit 2009 ist Eos im Schnitt mit 23 Prozent im Jahr gewachsen, 2014 waren es 36 Prozent. Zuletzt erwirtschafteten 740 Mitarbeiter weltweit rund 260 Millionen Euro.

Schön. Langer aber, jetzt kommt's, rechnet mit einer Verzehnfachung in den nächsten zehn Jahren. Denn das Potenzial ist gigantisch - auf 100 Milliarden Dollar könnte der Markt für industriellen 3-D-Druck in den kommenden Jahren wachsen.

"Eos als First Mover hat die richtigen Patente, die Technologieführerschaft und einen Marktanteil von rund 50 Prozent", sagt Klaus Neuhaus, Partner bei Bain & Company. Die Beratung hat Eos zusammen mit manager magazin zum Game Changer in der Kategorie Challenger gekürt.

"Das Disruptionspotenzial mit starken Wirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft ist bei Eos enorm", sagt SAP-Mitgründer und Jurymitglied Henning Kagermann. US-Präsident Barack Obama nannte die Drucktechnik die "nächste industrielle Revolution".

Dabei ist Langer, jetzt wo alles von der magischen Welt des 3-D-Drucks schwärmt, vor allem damit beschäftigt, Missverständnisse auszuräumen. "Wir bauen keine Maschinen, wo man oben einen Datensatz reinwirft, und unten kommt ein Auto oder eine Pizza heraus." Der 3-D-Druck, der die Fantasie der Massen beflügelt, bewegt sich eher im Niedrigkostenbereich für Endkonsumenten; zuletzt erhielten die hochfliegenden Erwartungen hier einen deutlichen Dämpfer, die Aktienkurse von Anbietern wie Stratasys oder 3D Systems fielen.

Neue Helden gesucht: Idee und Methode des "Game Changer Award"
Disruptive Geschäftsmodelle
verändern ganze Industrien. Der "Game Changer Award" von Bain & Company und manager magazin will beispielhaft Leuchtturmunternehmen würdigen, die die Spielregeln für ihre Branche neu definieren.
2015 werden drei Firmen zu Siegern in den Kategorien "Incumbents" (Groß - unternehmen), "Focused Players" (etablierte Unternehmen, Branchen - führer) und "Challengers" (kleinere Unternehmen mit innovativem Digital-Business-Charakter) gekürt.
Die Auswahl der Finalisten
folgte einer strukturierten, vierstufigen Methodik: Zunächst wurde eine Longlist auf Basis der Grundgesamtheit aller Unternehmen in Deutschland erstellt, nach Kriterien wie Umsatz, Venture Capital und Innovationspotenzial. Die Liste umfasste 100 Incumbents, 150 Focused Players sowie 78 Challengers. Da auch der finanzielle Erfolg ein wesentliches Preiskriterium ist, wurden im zweiten Schritt die Finanzdaten der Firmen untersucht. Bei den Challengers wurden zusätzlich – oder alternativ – Nennungen in den Medien als Kenngröße für wirtschaftlichen Erfolg herangezogen.
Anschließend bewerteten die Bain-Berater und externe, internationale Experten die "digitale Relevanz" der Kandidaten, wobei einzelne Branchen wie etwa Energieversorgung heraus - fielen. Wichtige Aspekte bei der Bewertung waren unter anderem die Anpassung von Produkten, Vertriebskanälen oder der Geschäftsstruktur an die Digitalisierung. Für die Challengers wurde zudem analysiert, inwiefern das Geschäftsmodell tatsächlich disruptiv ist – also neu, einzigartig und mit großem Einfluss auf Kunden und Wettbewerber.
Am Ende standen pro Kategorie fünf Finalisten. Diese Unternehmen wurden einer erneuten detaillierten Prüfung unterzogen: Wie erfolgreich fiel ihre Reaktion auf die Digitalisierung aus, und wie stark beeinflussen sie ihre Industrie und ihre Wettbewerber? Sowie, bei den Challengers: Welchen Mehrwert für den Kunden bieten sie wirklich? Wie nachhaltig und profitabel ist ihr Wachstum?
Auf Basis dieser due Diligence
wählte die Jury nach intensiver Diskussion die Sieger in den drei Kategorien. Die Preisverleihung fand am 19. November auf einer Gala im Gasometer in Berlin statt.
Eos-Produkte dagegen sind auf den ersten Blick unauffällig wie die Unternehmenszentrale in Krailling bei München. Ehemaliges Militärübungsgelände, heute Teil der "Kraillinger Innovations Meile" (KIM), direkt am Landschaftsschutzgebiet und nur wenige Kilometer von Langers Wohnhaus. Ein silbern schimmernder Flachbau mit optischem 3-D-Effekt, nachhaltige Materialien; gegenüber wird mal wieder gebaut, weil die Firma in den vergangenen Jahren regelmäßig aus den Nähten platzt. In den Fluren Kaffee umsonst, die Kantinenspeisekarte auf Englisch und hinter der Glasfront im Erdgeschoss das Herzstück: Forschung und Entwicklung. Maschinen, die wie deutlich überdimensionierte Kühlschränke wirken, surren und brummen. Hinter dem Sichtfenster eine Arbeitsplatte. Darauf wird in dünnen Schichten von 20 bis 150 Mikrometern Pulver aus Metall oder Kunststoff aufgetragen - ein menschliches Haar hat einen Durchmesser von rund 100 Mikrometern.

Immer wenn eine Schicht fertig ist, wird sie mit der vorhergehenden per Laser verschmolzen - gesteuert von einer Software, die dem Lichtblitz sagt, welche Form am Ende gewünscht ist. "Im Grunde ist dieses Laser-Sintern dreidimensionales Schweißen, mit Tausenden aufeinanderfolgenden Schweißnähten", sagt Langer. Sieht, vom zuckenden Laserstrahl abgesehen, etwas unspektakulär aus - doch wenn das Werkstück nach einigen Stunden oder Tagen aus dem überschüssigen Pulver geschält wird, sind die Möglichkeiten offensichtlich: Hohlräume, bionische Bauteile, Turbinenelemente aus einem Stück - wo einst für Fertigungsingenieure die Welt des Machbaren endete, da fangen Laser und Pulver erst an.

Eine Blutzentrifuge lässt sich plötzlich aus 3 statt 32 Teilen zusammensetzen; Scharniere, die früher mühsam zusammengefrickelt werden mussten, kommen in einem Guss heraus. Das Ziel: schneller, leichter, günstiger.

Spannend ist das weniger für Endverbraucher, die im Wohnzimmer ein lebensechtes Modell der Liebsten ausdrucken wollen. Sondern für Konzerne, die heute viele Millionen in die Entwicklung von Hightech-Teilen stecken - und mittels additiver Fertigung morgen gern einige Hundert davon einsparen würden. "Die Reduzierung von Gewicht oder Fertigungskomplexität birgt nicht nur großes Sparpotenzial, sondern ebnet den Weg für ganz neue Teile und Produkte", sagt Bain-Industrieexperte Neuhaus.

In einer Vitrine im ersten Stock der Firmenzentrale liegen beigefarbene Kunststoffteile und dunkel glänzende Metall stücke - eine dreidimensionale Show bisheriger Firmenerfolge. Eos baut 3-D-Drucker, die Drohnen in einem Stück herstellen oder Maschinen, mit denen Tempo und Präzision in der Zahnprothesenfertigung potenziert werden. Nebenbei wirft die Firma das ein oder andere "Geht nicht" der Goldschmiede über Bord oder entwickelte für Siemens eine Lösung, um Gasturbinen schneller und günstiger zu warten.

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