Mittwoch, 1. Juni 2016

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Exklusiv-Befragung von Aufsichtsräten Männliche Aufseher sind vom Sinn der Frauenquote nicht überzeugt

Schulterschluss bei der Frauenquote? Die Optik täuscht, männliche Aufsichtsratsmitglieder in Dax-Konzernen sind davon nicht

Jetzt ist es so weit: Ab 2016 gilt für Neubesetzungen von Aufsichtsräten in börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen eine verbindliche Geschlechterquote von 30 Prozent. Die Hoffnungen waren groß: Die Frauenquote, sagte Familienministerin Manuela Schwesig im vergangenen Jahr, werde "Leistungsfähigkeit und Unternehmenserfolg" von Firmen fördern.

Mit Hochdruck haben viele Unternehmen in den vergangenen Monaten mehr weibliche Führungskräfte in ihre Aufsichtsgremien berufen, schon jetzt haben sich Arbeitsstil und Kultur der Aufseher verändert. Wie stark, das haben die Kanzlei Hengeler Mueller und der Frankfurter Personalberater Heiner Thorborg, zusammen mit dem Deutschen Kundeninstitut in Düsseldorf in ihrer großen Studie "Aufsichtsräte in Deutschland 2015" untersucht.

"Entstanden ist ein authentisches Stimmungsbild, eine Momentaufnahme zu Beginn der bevorstehenden Anpassung an die Quote", wie Headhunter Thorborg sagt, der die Studie regelmäßig wiederholen will. Befragt wurden die Aufsichtsräte der Kapitalseite in den 160 Unternehmen in Dax, MDax, SDax und TecDax, insgesamt 117 Frauen und Männer antworteten - eine Rücklaufquote von rund 12 Prozent. Die Ergebnisse veröffentlicht manager-magazin.de exklusiv.

Heiner Thorborg: "Männliche Aufsichtsräte sind vom Sinn der Quote nicht überzeugt. Aber die Mehrheit möchte Frauenförderung aktiv unterstützen."
Nach den Querelen um die Quote und dem Chor der Unkenrufe, die über angeblich zu wenige qualifizierte Kandidatinnen für die Top-Position klagten, gestaltet sich die reale Zusammenarbeit zwischen Frauen und Männern erfreulich reibungslos: 97 Prozent der weiblichen Aufsichtsräte fühlen sich "voll und ganz" oder "überwiegend" akzeptiert; mehr als jede zweite Frau betrachtet ihren Aufseherposten als Karrieresprung.

Auch in den Ausschüssen sind die Frauen gut repräsentiert: Im Prüfungs- oder im Investitionsausschuss etwa sind sie gleich stark wie die Männer vertreten; lediglich im - allerdings sehr wichtigen - Personalausschuss, der über Vorstandsangelegenheiten entscheidet, sind sie deutlich seltener anzutreffen (gut 21 Prozent der befragten Frauen gegenüber fast 52 Prozent der befragten Männer).

Unabhängig vom Geschlecht geben sich die Aufseher selbst gute Noten, vor allem was Branchen-Knowhow und betriebswirtschaftliche Kenntnisse angeht. "Bei rechtlichen Kenntnissen und der Diskussionskultur sehen die Befragten allerdings noch Nachholbedarf", sagt Thorborg.

Trotz allgemein guten Klimas zeigen sich in der Bewertung der Quote und ihrer Folgen deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern: So erwarten 87 Prozent der befragten Frauen, dass ein mit mindestens 30 Prozent Frauen besetzter Aufsichtsrat besser arbeiten wird - während das nur jeder vierte Mann glaubt.

Ein Drittel der Befragten hält die Geschlechterquote für überflüssig; unter den weiblichen Aufsehern dagegen überwiegt die Zustimmung: 42 Prozent sehen in ihr einen notwendigen und überfälligen Schritt, mehr als zwei Drittel erhoffen sich von ihr mehr Vor- als Nachteile.

Eine Benachteiligung von Männern befürchtet mehr als jeder vierte befragte Mann - jedoch nur 8 Prozent der Frauen. "Männliche Aufsichtsräte sind vom Sinn der Quote nicht überzeugt. Aber die Mehrheit möchte Frauenförderung aktiv unterstützen", sagt Thorborg. Entsprechend stimmen 61 Prozent der Befragten der Auffassung zu, in ihrem jeweiligen Unternehmen sei eine stärkere Frauenförderung notwendig. Allerdings: Gut jeder vierte männliche Aufsichtsrat lehnt diese ab.

Dass die Quote in Zeiten zunehmender geschäftlicher und juristischer Risiken die Suche nach Top-Kandidaten für das Aufsichtsgremium nicht eben erleichtert, gilt unter den befragten Managern als gesetzt: 60 Prozent gehen davon aus, dass die Suche schwieriger wird. Unter den befragten Männern sehen das sogar 77 Prozent so. "Sicher ist: Die Suche wird sich verändern", sagt Thorborg. "Netzwerke werden aufgebrochen, es wird mehr über Berater angesprochen werden. Und statt weiblicher Alibi-Besetzungen werden klare Profile gesucht."

Schon jetzt zeigen sich Unterschiede: Während bei den männlichen Aufsehern die Ansprache über den Aufsichtsratsvorsitzenden dominiert (48 Prozent), haben weibliche Aufsichtsräte ihr Mandat häufig über einen Berater bekommen (45 Prozent). Dabei spielen Inhalte offenbar eine größere Rolle als Netzwerke, wie Personalberater Thorborg sagt: "Frauen treten ihr Mandat bewusster an, sie haben meist eine klarere Motivationslage als Männer."

Ein erstaunlich hohes Maß an Zufriedenheit zeigt sich im Finanziellen: Fast zwei Drittel der befragten Aufsichtsräte halten ihre Bezüge für angemessen. Entgegen dem gängigen Vorurteil allerdings schauen die weiblichen Aufseher etwas mehr auf den Euro: "Nur" 58 Prozent von ihnen halten die Aufsichtsratsvergütung für angemessen - aber 68 Prozent der Männer.


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