Donnerstag, 25. August 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Fachkräftemangel Deutschlands Mittelständler hoffen auf die Flüchtlinge

Aus Somalia geflüchteter Schweißer bei Mittelständler Reuther STC in Fürstenwalde: "Bereitschaft und Potenzial sind groß"

Der Mittelstand sucht händeringend Arbeitskräfte - und würde gerne Flüchtlinge einstellen. Doch so einfach wird das leider nicht.

Manchmal ist ein Problem die Lösung für ein anderes Problem. Der deutsche Mittelstand etwa klagt über einen erheblichen Fachkräftemangel, wie das aktuelle Mittelstandsbarometer der Wirtschaftsberatung Ernst & Young (EY)belegt: 62 Prozent der Betriebe können freie Stellen nicht besetzen, 49 Prozent müssen deshalb gar Aufträge ablehnen. Hochgerechnet gehen dem Mittelstand dadurch fast 46 Milliarden Euro an Umsatz im Jahr verloren, insgesamt fehlen ihm 326.000 Arbeitskräfte.

Gleichzeitig dürfte der Zuzug von Flüchtlingen in diesem Jahr für 380.000 zusätzliche potenzielle Arbeitskräftesorgen, schätzt die Bundesagentur für Arbeit (BA) - also etwas mehr, als dem Mittelstand fehlen. Kann der Mittelstand sein Fachkräfteproblem also mit den Flüchtlingen lösen - und finden umgekehrt Flüchtlinge in mittelständischen Betrieben den ersehnten Arbeitsplatz?

Zumindest bemüht sich der Mittelstand sichtlich um geeignete Bewerber. Die Verbände - ob Handwerks-oder Industrie- und Handelskammern - haben zahlreiche Projekte angeschoben, um Flüchtlinge zu qualifizieren. Sie beschließen Aktionsprogramme, informieren Mitgliedsbetriebeund fordern von der Politik die passenden Rahmenbedingungen.

"Im Mittelstand sind das Potenzial und die Bereitschaft enorm, Flüchtlinge einzustellen", sagt Peter Englisch, Partner bei EY und verantwortlich für das Barometer, für das rund 3000 Betriebe mit 30 bis 2000 Mitarbeitern befragt wurden. 85 Prozent von ihnen bekunden ihre Bereitschaft, Flüchtlingen Arbeit zu geben. Und der Mittelstand ist durchaus hoffnungsfroh: 55 Prozent der Unternehmen rechnen damit, dass der Flüchtlingszustrom den Fachkräftemangel mildern kann.

Das große Potenzial des Mittelstands bei der Integration von Flüchtlingen auf den Arbeitsmarkt lässt sich mit Zahlen belegen: Mehr als die Hälfte der rund 30,8 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland arbeitet in einem Betrieb mit 20 bis 499 Mitarbeitern.

Die Bedeutung des Mittelstands als größter Arbeitgeber hat sich in den vergangenen zehn Jahren sogar noch gesteigert. Er hat überdurchschnittlich zum Anstieg der Beschäftigung in Deutschland beigetragen. Und die weiter hohe Nachfrage nach Fachkräften bestätigen Umfragen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopersund der staatlichen Förderbank KfW.

Auch die Berufsausbildung findet zu großen Teilen im Mittelstand statt. Das ist deshalb wichtig, weil über die Hälfte der Flüchtlinge jünger als 25 Jahre sein dürfte. Mehr als 80 Prozent der Ausbildungsplätze finden sich dem Institut für Mittelstandsforschung Bonn zufolge in Betrieben mit weniger als 500 Mitarbeitern - hier sind allerdings auch Kleinbetriebe mit weniger als 20 Mitarbeitern berücksichtigt.

Die Voraussetzungen sind also gut. Dennoch warnt EY-Mittelstandsexperte Englisch vor übertriebenen Hoffnungen: Oft fehle es noch an den erforderlichen Sprach- und Fachkenntnissen. Erst nach rund einem Jahr sprächen mögliche Bewerber ausreichend Deutsch, um den Einstieg in Betriebe zu schaffen. Danach brauche die fachliche Aus- oder Weiterbildung Zeit, denn Zahlen aus dem Jahr 2014 deuten darauf hin, dass die meisten Flüchtlinge noch nicht genügend qualifiziert sind. "Es wird drei bis vier Jahre dauern, bis der Mittelstand das Potenzial der Flüchtlinge ausschöpfen kann", resümiert Englisch.

Seite 1 von 2
Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH