Dienstag, 23. Januar 2018

Fragwürdiger Fitnessstudio-Boom "Mindestens die Hälfte sind Karteileichen"

Mann in einem Fitnessstudio

Fitnessstudios haben inzwischen deutlich mehr Mitglieder als Fußball-, Tennis oder Turnvereine. Doch trainieren die Deutschen wirklich so fleißig? Daran gibt es erhebliche Zweifel.

Ob Schwitzen im exklusiven "Boutique-Studio" oder Strampeln beim "Wasser-Workout": Fitnessstudios können sich derzeit über mehr Mitglieder freuen. Nach Angaben der Branche sind erstmals mehr als zehn Millionen Menschen in einem Studio angemeldet. Die knapp 8700 deutschen Fitnessanlagen konnten damit im vergangenen Jahr wieder ein sattes Plus um 6,6 Prozent bei den zahlenden Kunden verbuchen.

Bis zum Jahr 2020 peilt die Branche mehr als zwölf Millionen Mitglieder an. Vorgestellt werden die neuen Fitnesstrends bis Sonntag bei der Fitnessmesse Fibo in Köln. Gewinner des Booms waren im vergangenen Jahr vor allem Studios aus dem Discount-Bereich. Insbesondere die großen "Top-Player" der Branche seien überproportional im Vergleich zum Rest des Marktes gewachsen, berichtet Karsten Hollasch von dem Beratungsunternehmen Deloitte.

Die Monatspreise für Mitglieder schwanken dabei laut einer Branchenstudie je nach Betriebsform: Während die Kunden in Kettenbetrieben im vergangenen Jahr im Durchschnitt 34,47 Euro zahlen mussten, wurden Mitglieder in Einzelbetrieben mit 52,45 Euro zur Kasse gebeten.

Am teuersten waren die durchschnittlichen Kosten in kleinen sogenannten Mikrobetrieben mit 65,80 Euro. Rund 90 Prozent des Gesamtumsatzes de Branche von 5,05 Milliarden Euro wurden dabei durch Mitgliedsbeiträge erwirtschaftet.

"Mitgliedschaft im Fitnessstudio gehört zum guten Ton"

Damit konnte die Fitnessbranche sich im vergangenen Jahr als mitgliederstärkste Trainingsform in Deutschland feiern und die Konkurrenz aus Fußball, Turnen und Tennis deutlich hinter sich lassen. Doch allein mit der Unterschrift unter den Fitnessvertrag ist nach Ansicht von Sportwissenschaftlern noch keine Karriere als regelmäßiger Sportler besiegelt: "Die Mitgliedschaft im Fitnessstudio gehört mittlerweile zum guten Ton, wie früher Golf oder Tennis", sagt Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Denn nach der Anmeldung im Studio folge oft nach etwa acht bis zwölf Wochen ein Motivationstief, aus dem viele nicht mehr herausfänden, so Froböse. Würden alle zehn Millionen Mitglieder tatsächlich in die Fitnessstudios gehen, ginge das gar nicht, meinte der Experte. "Leider sind die Deutschen nicht sportlicher geworden", stellte er fest. "Mindestens die Hälfte sind Karteileichen", lautet sein Fazit.

Beim Fitnessverband DSSV verweist man dagegen auf eine vergleichsweise geringe Zahl von sogenannten "inaktiven Mitgliedern". Bei einer repräsentativen YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2014 unter Fitnessstudio-Mitgliedern hätte lediglich 3 Prozent der Befragten angegeben, "nie" im Studio zu trainieren, argumentierte DSSV-Sprecher Dustin Tusch.

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