Montag, 16. Juli 2018

Allwissenheit hat ausgedient Warum ein Handkreisel Manager Demut lehrt

Der Siegeszug des Trendspielzeugs Fidget Spinner sollte Manager vor allem eines lehren: Demut

Wir leben in einer Zeit, in der Entwicklungen kaum vorhersehbar sind. Zu unübersichtlich, zu komplex gestaltet sich die Umwelt. Damit gewinnt eine Tugend an Bedeutung, die vor allem Manager gern belächeln: Demut. Dabei würde sie vor allem Führungskräften ganz besonders gut zu Gesicht stehen.

Wenn es um irrwitzige Entwicklungen in der vernetzten Welt geht, reicht es bereits, auf das Spielzeug der eigenen Kinder zu schauen. Engagierte Eltern kommen nämlich in diesen Tagen an einem Gadget nicht vorbei: dem Fidget Spinner.

Matthias Meifert
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    Matthias Meifert ist Unternehmensberater, Publizist und geschäftsführender Gesellschafter der HRpepper Management Consultants, ein auf Fragen des Peoplemanagements spezialisiertes Beratungsunternehmen. Er lehrt an diversen Universitäten und wird seit 2013 vom Personalmagazin als einer der "40 führenden Köpfe im Personalwesen" geführt. Von 2010 bis 2014 beriet er als Mitglied des Beirats für Fragen der Inneren Führung den Bundesminister der Verteidigung.

Spätestens seitdem die Stars der YouTube-Szene medial vormachen, was und wie diese Handkreisel einzusetzen sind, ist ihr Siegeszug nicht aufzuhalten. Angeblich entwickelt, um hyperaktive Kinder und Erwachsene zu beruhigen, dreht sich das in vielfältigen Formen erhältliche Spielzeug um das in der Mitte liegende Kugellager. So schnell wie sich das Gerät dreht, gehen die Absatzzahlen in die Höhe. Der Seismograf für Interessen, Google Trends, zeigt Erstaunliches: Erst seit Ende Januar 2017 sind überhaupt Suchanfragen zu verzeichnen. Mitte Mai erreichten sie schon ihren Höhepunkt. Mittlerweile ist das Suchvolumen schon wieder deutlich am Abebben. Der Einzelhandel berichtet allerdings nach wie vor von Lieferengpässen und Amazon freut sich über ordentliche Umsätze.

Der Siegeszug des Spielzeuges lässt mehrere Schlussfolgerungen zu:

1. Nachfrage-Hypes sind in einer medial vernetzten Welt ziemlich schnelllebig. Viel schneller als es bei Rubik's Cube, Tamagotchi, JoJo & Co der Fall gewesen ist, kommen und gehen sie. 2. Wirklich vorhersehbar sind die Entwicklungen nicht. Während der Fidget Spinner für Furore sorgt, dümpeln andere Toys vor sich hin. 3. Agile Reaktionen auf die Nachfrage sind nötig, sind angesichts der extremen Kurzfristigkeit in vielen Produktionsunternehmen aber kaum realisierbar. Das Sortiment lässt sich nur langsam ändern. 4. Bei aller Hoffnung auf neue Organisationsmodelle: Auch sie ermöglichen nicht diese extreme Flexibilität, die notwendig wäre, um in diesem Hype zu bestehen. Zu volatil sind dazu die Anforderungen und zu unberechenbar das Konsumentenverhalten.

Welche Erkenntnis lässt sich daraus ziehen? Was bleibt ist vor allem Demut. Demut vor den Geschwindigkeiten der Veränderungen. Demut vor der Unstetigkeit. Aber auch die Einsicht, dass die Notwendigkeit, schneller und agiler zu werden, ungebrochen gilt, jedoch nicht immer ausreicht.

Der Handkreisel ist lediglich ein Beispiel für die Unvorhersehbarkeit von Entwicklungen, insbesondere wenn es um sogenannte Hypes geht, die durch die sozialen Netzwerke beschleunigt werden, das gegenseitige Aufschaukeln in kurzer Zeit und mit gewaltiger Kraft. Daneben sind wir immer häufiger plötzlichen Ereignissen, politischer oder wirtschaftlicher Art, ausgeliefert. Auch hier ist in der Regel Demut angebracht.

Die dienende Führungskraft setzt alles daran, dass Mitarbeiter bestmöglich arbeiten können

Die heutige Zeit lehrt uns, dass Allmachtsfantasien im Managementhandeln ausgedient haben. Der Chef als vermeintlich Allwissender, der keine Zweifel kennt und stur seinen Weg geht, der seinen Leuten sagt, wo es langgeht und alles unter Kontrolle hat, dieses Bild wirkt zunehmend unangebracht, ja falsch. Ein Anfang wäre schon einmal, zu akzeptieren, dass "Mann" das alles nicht ist und auch nicht kann. Demütig sein, heißt loslassen zu können.

Doch es geht nicht darum, handlungsunfähig zu sein und nichts zu tun. Nokia und seine Führungskräfte sind nicht an zu viel Demut gescheitert, sondern an fehlendem Mut und Experimentierfreude.

In einer komplexer werdenden Welt müssen Organisationen für Vernetzung und einer bestmöglichen Nutzung der kollektiven Intelligenz sorgen. Und hierfür braucht es eine demütige Führungskraft. Demut hat ebenfalls mit Dienen zu tun. Die dienende Führungskraft setzt alles daran, dass die Mitarbeiter und Teams alles haben, um sich bestmöglich zu vernetzen und arbeiten zu können.

Was als Kinderspielzeug begann, kann also mehr für besseres Management beitragen als viele gut gemeinte Ratgeber. Herzlichen Dank an den Fidget Spinner. Du kleiner Handkreisel lehrst Demut.

Matthias Meifert ist Unternehmensberater und schreibt als Gastkommentator für manager-magazin.de - trotzdem gibt seine Meinung nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider.

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