Samstag, 23. September 2017

Straffere Geldpolitik Ende der Geldschwemme in Sicht - Draghi lässt Euro springen

Mario Draghi: Allein dass der EZB-Chef die Worte "Inflation" und "Normalisierung" in den Mund nimmt, reicht aus, um den Euro in die Höhe zu treiben und Dax-Anleger zittern zu lassen.

Sind die Tage der extrem lockeren Geldpolitik gezählt? Die Märkte interpretieren Aussagen von EZB-Chef Mario Draghi genau in diese Richtung. Die EZB fühlt sich missverstanden - doch der Euro legt seit Draghis Äußerungen rasant zu.

Das billige Geld der Notenbanken hat die Preise von Aktien und Immobilien in den vergangenen Monaten zu immer neuen Rekorden getrieben. In dieser Situation genügt bereits eine leise Andeutung zu einem möglichen Ende des Geld-Dopings, um an den Finanzmärkten einen Schwächeanfall auszulösen. Dies haben Mario Draghi und Janet Yellen am Dienstag getan. Der Euro ist seitdem auf Klettertour, und der Dax ist deutlich unter Druck geraten.

Dabei waren die Äußerungen der beiden Notenbankchefs zunächst gar nicht spektakulär. Yellen bekräftigte lediglich, dass die US-Notenbank Federal Reserve wie erwartet an ihrem Kurs der behutsamen, schrittweisen Zinserhöhungen in diesem Jahr festhalten werden. Zuvor hatte sich EZB-Chef Mario Draghi optimistisch geäußert, dass sich der Aufschwung in der Euro-Zone fortsetzen werde.

Draghi spricht von "Inflation" und "Normalisierung"

Doch dabei nahm Draghi - für viele überraschend - auch das Wort "Inflation" in den Mund und deutete an, dass sich die Inflation in der Euro-Zone bald wieder in Richtung der Inflationsziele der EZB bewegen könnte. Faktoren, die die Inflation drückten, seien vor allem vorübergehend, sagte Draghi.

Für Marktbeobachter bedeutet das: Die EZB denkt über eine Straffung der extrem lockeren Geldpolitik nach. Das muss noch keine Zinserhöhung (in Draghis Worten: "Normalisierung" der Geldpolitik) bedeuteten, aber die Notenbank könnte schon bald das Volumen ihrer Anleihekäufe herunterfahren und damit den "Einstieg in den Ausstieg" wagen.

Das heißt: Die Zeit des billigen Geldes könnte schon bald vorbei sein.

Die Reaktion der Märkte war deutlich. Der Euro in Dollar Börsen-Chart zeigen sprang nach den Äußerungen Draghis gegenüber dem Dollar auf den höchsten Stand seit zehn Monaten. Bankenwerte wie Commerzbank Börsen-Chart zeigen und Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen, die von steigenden Zinsen profitieren, legten zu. Der Dax Börsen-Chart zeigen dagegen gab deutlich nach. Am Donnerstag erreichte der Euro Börsen-Chart zeigen sogar mit mehr als 1,14 US-Dollar das höchste Niveau seit 12 Monaten.

EZB könnte Geldpolitik bald straffen

Draghis Äußerungen seien "ein klares Indiz, dass die EZB bereit ist, ihre geldpolitischen Konjunkturhilfen früher herunterzuschrauben als erwartet", sagte Marktanalyst Fawad Razaqzada vom Online-Broker Forex.com. Derzeit pumpt die Notenbank durch Anleihekäufe monatlich noch 60 Milliarden Euro in die Finanzmärkte.

Jochen Stanzl, Analyst bei CMC Markets, zeigte sich überzeugt, die EZB werden noch weiter auf dem geldpolitischen Gaspedal bleiben. "Aber Draghi machte auch klar, dass die lockere Geldpolitik keine Einbahnstraße ist", so Stanzl. Der Dax habe mit seinem Rutsch um rund 100 Punkte das Signal für eine Korrektur gegeben, die noch einige hundert Punkte tief reichen könne.

Alles nur ein Missverständnis?

Am frühen Mittwoch Nachmittag wiederum hieß es aus Kreisen der Notenbank, die EZB sähe sich bei den jüngsten Äußerungen ihres Präsidenten missverstanden. Seine Aussagen seien als ausgewogenes Statement gedacht gewesen, das einerseits das solide Wachstum im Euroraum und andererseits die Notwendigkeit einer weiteren geldpolitischen Unterstützung herausheben sollte, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf vertraute Personen.

Auf den Bloomberg-Bericht reagierte der Euro nur kurzzeitig mit Verlusten - zeitweilig fiel er unter die Marke von 1,13 US-Dollar, nahm dann aber seine Klettertour wieder auf. Inzwischen ist der Euro über die Marke von 1,14 US-Dollar und damit auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahr gestiegen.

Auslöser der zunächst deutlichen Gewinne beim Euro waren die Äußerungen Draghis auf der alljährlichen Notenbankkonferenz im portugiesischen Sintra. Verglichen mit früheren Aussagen war er auch optimistischer, dass die Notenbank ihr Inflationsziel von knapp 2 Prozent wieder erreichen könne. Die lange Zeit schwache Inflation war ein Hauptgrund für die extrem lockere Geldpolitik der EZB.

Einstieg in den Ausstieg?

Draghi habe einen ersten Schritt in Richtung einer weniger lockeren Geldpolitik getan, kommentierte dann auch Marco Valli, Chefvolkswirt für Europa bei der Großbank Unicredit. Bankökonomen rechnen damit, dass die EZB im Spätsommer die Weichen für einen geldpolitischen Kurswechsel stellen wird.

Es wird erwartet, dass sie dann den "Einstieg in den Ausstieg" aus ihren billionenschweren Wertpapierkäufen ankündigen und die Käufe im Laufe des kommenden Jahres schrittweise auslaufen lassen wird. Mit einer ersten Anhebung des Leitzinses, der seit längerem an der Nulllinie klebt, dürfte sich die Notenbank aber noch Zeit lassen.

Draghi selbst betonte, eine "Normalisierung der Leitzinsen" würde nur "sehr langsam vonstatten gehen". Doch allein die Tatsache, dass der EZB-Chef von einer "Normalisierung der Leitzinsen" und damit von einem möglichen Ende der Geldschwemme spricht, sorgte für deutliche Bewegung an den Märkten.

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la/mmo

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