Montag, 11. Dezember 2017

Kein Verkauf der Lebensversicherungen Ergo will 6 Millionen Policen jetzt doch selbst abwickeln

Ergo-Zentrale Düsseldorf: Der geplante Verkauf von Millionen Lebensversicherungen sorgte auch für heftige Kritik aus den eigenen Reihen

Mit Entrüstung und Kritik reagierten Beschäftigte und Experten auf den geplanten Verkauf von Millionen Lebensversicherungen der Ergo. Jetzt will der Konzern die Policen doch selbst abwickeln - weil er kein adäquates Angebot bekommen habe. Aus der Not könnte sich eine Tugend entwickeln und Ergo könnte Policen künftig auch für andere Lebensversicherer abwickeln.

Es waren nur ein paar karge Zeilen, die Deutschlands zweitgrößter Versicherer gestern Abend verbreitete, aber sie sprechen Bände. Ergo wird seine sechs Millionen Lebensversicherungsverträge nun doch nicht verkaufen, sondern selbst abwickeln.

"Nach Auffassung von Ergo spiegelt sich der derzeitige Wert des Bestandes … in den Angeboten nicht angemessen wider. Daher werden wir unsere klassischen Lebensversicherungsbestände weiterhin unter eigener Regie verwalten," ließ Vorstandschef Markus Rieß mitteilen.

Über die Höhe der Angebote machte das Unternehmen keine Angaben. Doch klar ist, dass der Markt für einen zu verkaufenden Bestand in dieser noch nie angebotenen Höhe einen erheblichen Abschlag verlangt.

Ergo-Chef Markus Rieß

Ausschlaggebend für diese Entscheidung dürfte auch die Welle der Empörung und Kritik gewesen sein, die die Tochter der Münchener Rück Ende September mit ihrer Ankündigung ausgelöst hatte. Ergo stehle sich mit dem geplanten externen Run-off aus der Verantwortung Millionen Kunden gegenüber, kritisierten der Bund der Versicherten und einzelne Branchenexperten.

Wahrscheinlich ist daher, dass die Ergo mit dem Rückzieher auch den Reputationsschaden so gering wie möglich halten will. Schließlich beabsichtigt der Konzern, weiterhin neuartige Lebensversicherung zu verkaufen - von anderen Policen ganz zu schweigen.

Erheblicher Widerspruch auch aus den eigenen Reihen

Erheblichen Widerspruch hatte Vorstandschef Markus Rieß auch aus den eigenen Reihen geerntet: 5000 Konzern-Mitarbeiter hatten sich in einer Petition gegen den Verkauf ausgesprochen, nachdem die Neue Assekuranz Gewerkschaft (NAG) auf die Barrikaden gegangen war - ein vergleichbarer Vorgang aus einem Versicherungskonzern ist bislang nicht bekannt.

Nicht zuletzt soll die Finanzaufsicht Bafin, die den Verkauf hätte prüfen müssen, sich kritisch dazu geäußert haben, heißt es bei Reuters unter Berufung auf Insider.

Die Ergo hatte schon vor längerer Zeit das Neugeschäft mit klassischen Policen eingestellt, weil hohe Zinsversprechen aus der Vergangenheit nur noch schwer am Kapitalmarkt zu erwirtschaften sind und notwendige Rückstellungen dafür die Bilanz belasten. Im September dann beschloss der Vorstand, die Bestände der Ergo Leben und Victoria Leben an einen Investor oder eine Abwicklungsplattform zu verkaufen. Die Ergo ist damit nicht allein: Die Veräußerung ihres Geschäfts mit klassischen Lebenpolicen hatte auch die Generali angekündigt, die Axa erwägt diesen Schritt.

Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" will sich die Ergo angesichts ihrer veralteten IT nun für die weitere Verwaltung der rund sechs Millionen Policen die Experten von IBM ins Haus holen. Angedacht sei, ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen und eine Plattform für die Abwicklung von Lebensversicherungsbeständen anderer Unternehmen anzubieten. Eine Bestätigung gibt es dafür bislang nicht. Käme es so, würde der Ergo-Vorstand damit allerdings alte Pläne wieder aufgreifen.

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