Dienstag, 26. März 2019

Erfolgreiche Frauen der Wirtschaftsgeschichte Madame Tussaud: Von der Guillotine an die Baker Street

Erfolgreiche Frauen der Wirtschaftsgeschichte: Ihre Wachsfiguren machen Madame Tussaud selbst zum Star
AFP

Deutschland versucht, mit der Quote Frauen in Top-Jobs der Wirtschaft zu bringen. In einer losen Reihe stellen wir Frauen vor, die sich mit ganz besonderen Fähigkeiten nach oben gekämpft haben - im Falle von Marie Tussaud ihr Händchen für Wachs.

Marie Grosholtz muss hart gesotten sein. Die junge Frau nimmt einen Kopf nach dem nächsten aus den Sägespänen unter der Guillotine. Vor Blut tropfend, noch warm vom vorigen Besitzer. Ob Adeliger oder Revolutionär - egal, sie formt das Abbild der Toten in Wachs. Später werden die künstlichen Köpfe auf Spießen durch die Straßen getragen - zur Begeisterung und zum Spott der Massen.

Würde Marie sich weigern, würden die Revolutionäre sie selbst auf das Schaffott schicken - zu gut ist sie mit dem Königshaus, aber auch mit einigen der in Ungnade gefallenen Revolutionären bekannt. Also fügt sie sich. Und wird für viele zu der Person, die der Französischen Revolution ein (Wachs-)Bild gibt.

Sensationslust über Jahrhunderte gleich

Dass ausgerechnet Marie mit dieser Aufgabe betraut wird und dass sie die Köpfe ausgerechnet in Wachs formt, ist kein Zufall. Marie, 1761 in Straßburg geboren, wächst bei Philippe Curtius, einem Betreiber von Wachsfigurenkabinetten, auf. Ihre Mutter führt ihm den Haushalt und folgt ihm mit ihrer Tochter nach Paris, wo die Menschen begeistert die Nachbildungen der Königsfamilie und berühmter Philosophen anschauen. Schließlich gibt es zu der Zeit weder Zeitungen noch Fernsehen oder Internet - die Möglichkeiten, Promis tatsächlich zu Gesicht zu bekommen, sind sehr eingeschränkt.

Dabei sind die Menschen genauso sensationslüstern wie im 21. Jahrhundert: Noch mehr als vor den Regenten und Gelehrten drängen sich die Massen vor den Verbrecherfiguren, effektvoll in düster-blaues Licht getaucht. Curtius befeuert das Interesse durch das Gerücht, die Puppen seien direkt nach der Hinrichtung ihrer Vorbilder modelliert worden. Und - wen wundert es? - für Extra-Zahler gibt es noch ein Hinterzimmer mit kleinen Figuren in erotischen Posen. Angeblich verdient Curtius mit dem Verkauf dieser Puppen am meisten Geld.

Curtius Erbe: Figuren und ein Berg von Schulden

Marie lernt von ihrem Mentor das Vermarkten und Modellieren der Figuren und zeigt großes Talent darin, sie so lebensnah wie möglich darzustellen - mit Gesichtsfarbe, echten Haaren, Glasaugen und historischen Kostümen. Angeblich ist Ludwig XVI. so begeistert von ihrer Arbeit, dass er sie für acht Jahre an den Hof holt, als Kunstlehrerin für seine Schwester.

1794 erbt Marie Curtius' Figurensammlung - und einen Berg Schulden obendrein. Der wird nicht kleiner, als sie ein Jahr später François Tussaud heiratet, einen spielsüchtigen Ingenieur. Da Wachsfigurenkabinette in Paris nicht mehr en vogue sind, entschließt sie sich, nach England zu ziehen. Denn dort, so hört sie, sind die Puppen total in Mode. 1803 schifft sie mit dem älteren ihrer beiden Söhne - Joseph ist vier Jahre alt - nach London über, im Gepäck mehrere Dutzend sorgfältig verpackter lebensgroßer Figuren. Ihrem Mann überlässt sie die Leitung der Pariser Kabinette.

François ruiniert das Pariser Geschäft

Und tatsächlich: Die Londoner reagieren begeistert auf ihre Show. Die Nachbildungen von Napoleon, Benjamin Franklin, Robespierre und anderen stoßen auf großes Interesse. Da ihr Mann in ihrer Abwesenheit das Geschäft in Paris komplett vor die Wand fährt, entschließt sich Marie Tussaud, ihr Glück ohne Mann vollständig auf der Insel zu suchen.

Mehr als 30 Jahre reist sie durch England, Irland und Schottland und baut ihre Ausstellungen in großen Veranstaltungshallen auf. Immer mit einer Mischung aus historischen Figuren, aktuellen Promis und schauderhaften Verbrechern. Ein mühsames Unterfangen, müssen doch die Figuren vor jeder Reise aufwendig verpackt werden. Aber der Profit gibt ihr Recht.

Mit Spitzenhäubchen an der Kasse

1835 schließlich, Marie ist über 70 Jahre alt, entschließt sie sich, sesshaft zu werden. In der Londoner Baker Street eröffnet sie das erste der Kabinette, für die Madame Tussaud heute weltberühmt ist. Bis zu ihrem Tod 15 Jahre später sitzt sie an der Kasse, mit Spitzenhäubchen auf dem Kopf - selbst schon ein Star in der britischen Gesellschaft.

Dabei ist sie nicht die einzige, die Wachsfiguren zeigt. Aber offensichtlich sind ihre Figuren die besten. Und vielleicht hat sie auch einfach die besten Requisiten. Für den Napoleon-Raum zum Beispiel kauft Marie extra die Kutsche, mit der er in die Schlacht von Waterloo gefahren ist. Für sich selbst investiert sie angeblich nur in Kleinigkeiten wie Schnupftabak.

Ihren beiden Söhnen - der zweite ist inzwischen ebenfalls nach England gezogen - hinterlässt sie ein sehr gut aufgestelltes Familienunternehmen. Das Katastophen wie Brände und Kriege übersteht und heute in vielen Ländern der Welt vertreten ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf BizzMiss - dem Business-Magazin für Frauen mit den Schwerpunkten Karriere und Work-Life-Balance. Einmal wöchentlich erscheint der Newsletter mit den interessantesten Lesetipps der Woche.

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