Mittwoch, 14. November 2018

Entrepreneure des Jahres (1) - FlixMobility Grüne Busse auf der Überholspur

Gründerteam und Geschäftsführer von FlixMobility: Daniel Krauss, Jochen Engert, André Schwämmlein (v.l.n.r.)
Flixmobility
Gründerteam und Geschäftsführer von FlixMobility: Daniel Krauss, Jochen Engert, André Schwämmlein (v.l.n.r.)

Mit seinen grünen Bussen hat das Gründertrio Jochen Engert, André Schwämmlein und Daniel Krauss den Fernverkehrsmarkt revolutioniert. Auch Asien und Lateinamerika nehmen sie jetzt in den Blick. Flixmobility ist Entrepreneur des Jahres 2018 in der Kategorie "Junge Unternehmen".

Seit 22 Jahren wird von der Beratungsgesellschaft EY (früher Ernst & Young) der Wettbewerb "Entrepreneur des Jahres"veranstaltet. manager magazin ist Partner des Wettbewerbs, bei dem wachstumsstarke und innovative Unternehmen in folgenden fünf Kategorien gekürt werden: Industrie, Konsumgüter/Handel, Dienstleistung, Digitale Transformation und Junge Unternehmen.

Die fünf Sieger werden von einer renommierten Jury (darunter Unternehmer Patrick Adenauer und Bertelsmann-Gesellschafterin Brigitte Mohn) ausgewählt. Außerdem bestimmt die Jury zwei Ehrenpreisträger. Zum einen wird ein erfolgreiches Familienunternehmen geehrt, zum anderen ein Unternehmen für außergewöhnliches soziales Engagement. Die Preise wurden bei einer Gala im Deutschen Historischen Museum in Berlin überreicht. Aus den fünf Kategoriesiegern wird ein Primus inter pares ausgewählt, der Deutschland bei der Wahl zum "World Entrepreneur of the Year" vertritt. Dieses Event, bei dem sich über 50 Landessieger präsentieren, findet im Frühjahr in Monte Carlo statt. Mehr Infos zum Wettbewerb finden Sie hier.

Vor ein paar Wochen war Jochen Engert (36) in Biarritz im Urlaub. Da rauschte ein grüner FlixBus vorbei, und es huschte ein Lächeln über sein Gesicht. "Ich freue mich jedes Mal, wenn ich einen unserer Busse sehe", verrät Engert.

Auch André Schwämmlein (37) überkommen Glücksgefühle beim Anblick eines FlixBusses. Gerade war er in Stockholm und ging schnurstracks zum Busbahnhof. Sind die Autos sauber? Machen die Fahrer einen guten Eindruck? "Das sind so Momente, wo ich realisiere, was wir schon erreicht haben", sagt Schwämmlein.

Drei Mann in einem Bus
Die Entrepreneure
Jochen Engert (36) studierte an der Universität Stuttgart technische Betriebswirtschaft, André Schwämmlein (37) an der Uni Erlangen-Nürnberg Wirtschaftsingenieurwesen. Die beiden lernten sich als Berater bei der Boston Consulting Group (BCG) in München kennen. Der dritte Gründer, Daniel Krauss (35), ist Wirtschaftsinformatiker und arbeitete vorher bei ­Microsoft und Siemens.
Das Unternehmen
FlixBus wurde 2011 in München gegründet. ­Anfang 2013 fuhren die ersten Busse im Linienverkehr. Nach zahlreichen Übernahmen ist FlixBus unangefochtener Marktführer in Deutschland und in 28 europäischen Ländern sowie in den USA vertreten. In Deutschland stieg FlixMobility - so heißt das Unternehmen seit 2016 - zuletzt auch ins Bahn­geschäft ein. FlixMobility machte 2017 einen Umsatz von rund 500 Millionen Euro. ­Finanziert wird das Unternehmen von Wagniskapital, ein Börsengang wird mittelfristig erwartet.

Meist allerdings sitzen die beiden Gründer in einem kastenförmigen Büroneubau unweit des Münchener Hirschgartens. Dort hat FlixMobility - wie das junge Unternehmen seit 2016 heißt - seine Zentrale.

Fünfte Etage. Viel Grün, ein wenig Orange. Junge Leute wuseln über den grauen Teppich, reden in ihre Headsets, meist auf Englisch. Gleich neben dem Empfang stehen für die Wartenden zwei Bussitze. Ein paar Schritte weiter das Eckzimmer, wo Engert und Schwämmlein arbeiten.

Die beiden haben sich bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in München kennengelernt. "Uns war klar, dass wir was Unternehmerisches machen wollen", erzählt Engert. Nur was? Sie verwarfen viele Ideen. Bis Schwämmlein 2009 einen Artikel über die bevorstehende Liberalisierung des Fernbusmarktes in Deutschland las.

Die Organisation eines bundesweiten Linienbusverkehrs passte zu ihnen. Sie suchten ein Produkt, verknüpft mit der digitalen Welt. Für die IT engagierten sie den Wirtschaftsinformatiker Daniel Krauss (35), den Schwämmlein schon seit fränkischen Schulzeiten kennt.

Das simple Modell des Gründertrios: Wir stellen euch - den Busunternehmen - die Plattform zur Verfügung, ihr uns die Busse. Im Anzug und mit Präsentationen bewaffnet tauchten sie bei den Busunternehmern auf, einer eher hemdsärmeligen Branche. Skepsis schlug den Gründern entgegen. "Es war frustrierend", blickt Schwämmlein zurück, "aber wir haben uns immer gegenseitig gepusht."

Dazu kamen noch die kritischen Einwände ihrer Eltern - die Väter von Engert und Schwämmlein sind Telekom-Beamte. Engert: "Meine Eltern fragten mich fast 20 Mal: ,Bist du dir sicher?'"

Nun ja. Sie konnten sich nicht einmal sicher sein, dass die schwarz-gelbe Koalition die angekündigte Liberalisierung wirklich durchziehen würde. Schwämmlein: "Es war eine völlige Blackbox. Wir hatten keinerlei Infos."

So stellten sie sich auf der Internationalen Tourismus-Messe in Berlin (ITB) dem damaligen Verkehrsminister Peter Ramsauer in den Weg, der sie freilich mit einem nichtssagenden Satz abspeiste. Den heutigen Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter, damals Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag, trafen sie in einem Nürnberger Café. Der zeigte sich aufgeschlossen und kompetent, konnte aber den Möchtegernunternehmern auch keinen Zeitplan nennen. Doch dann Ende August 2012 die Nachricht: Zum Jahresbeginn 2013 wird der Fernbusmarkt liberalisiert.

Kurzer Jubel, dann lange Gesichter: "Wir hatten noch kein IT-System, gerade mal vier Praktikanten und fünf Busunternehmen", erinnert sich Engert an die Gründerzeit. Trotzdem rollten Anfang 2013 die ersten Busse über die Straßen.

Ein früher Geldgeber war Heinz Raufer, Gründer von Hotel.de. Später kamen die beiden US-Investoren General Atlantic und Silver Lake sowie HV Holtzbrinck Ventures und die Daimler AG hinzu.

So nahm der FlixBus Fahrt auf. Rasch folgten Übernahmen der verschlafenen Wettbewerber (MeinFernbus und Postbus) und die Expansion ins europäische Ausland. Heute ist FlixBus in Deutschland fast Monopolist (Marktanteil über 90 Prozent) und in 28 europäischen Ländern vertreten.

Ihre Konkurrenten sind das Auto, die Billigflieger und die Deutsche Bahn - die zuletzt mit selbstmörderisch wirkenden Sparpreisen dagegenhält. Seit diesem Jahr pendelt zweimal täglich auch ein FlixTrain von Berlin nach Stuttgart und von Hamburg nach Köln. Weitere Strecken sollen folgen. Schwämmlein sagt: "Wir glauben daran und werden das ausbauen." Die Bahn soll aber nur eine Ergänzung zum Bus sein.

Die Dieselkutsche fährt auch vornweg bei der Expansion ins Ausland. Seit dem Frühsommer 2018 rollt FlixBus auch in den USA an (siehe manager magazin 9/2018), wo die legendären Greyhound-Busse dominieren. Mit 50 Bussen an der Westküste fingen sie an. Bei Erfolg (und daran zweifelt die FlixBus-Führung nicht) soll die Ostküste folgen - und dann das ganze Land.

Junge Unternehmen: Ausgewählte Finalisten
Max Laarmann
Der Handel mit Ma­tratzen war lange Zeit eine verschnarchte Branche. Bis sie von Max Laarmann (25) aufgeweckt wurde. Er entwickelte eine neue Matratze und verkauft sie seit Ende 2015 ­online. Über 120.000 Stück hat die Emma Matratzen GmbH ­Kunden in 14 Ländern inzwischen untergeschoben. Da legte sich sogar Sängerin Lena Meyer-Landrut nieder und posierte in einer Werbekampagne für das Jungunternehmen.
Joachim von Bonin, Robin von Hein
Früher kam der Herr Kaiser, oder wie auch immer die Versicherungsvertreter hießen, ins Haus. Heute schließt man Versicherungen per Klick ab – zumindest die Kunden von Simplesurance. Das 2012 von Robin von Hein (35) und Joachim von Bonin (41) gegründete Unternehmen ­bietet diesen simplen Service inzwischen in 28 Ländern Europas an - und demnächst auch in Asien. Allianz und Rakuten finanzieren die Expansion mit.
Mark Baukmann, Andreas Korsus, Jens Schütte
Ob Dönergrill, Pizzaofen oder Kochtopf - GastroHero (Umsatz über 40 Millionen Euro) hat diese und noch weitere 35.000 Produkte im Angebot. Die drei Jungs aus dem Sauerland starteten ihren Onlinemarktplatz für professionellen Gastronomiebedarf 2013. Bei der Expansion lassen sie nichts anbrennen: Zwei Konkurrenten haben sie in den vergangenen ­Jahren übernommen, und an einem haben sie sich beteiligt.

Sie denken - und träumen - ganz groß. "Wir haben die seltene Chance, eine große Marke aufzubauen", schwärmt Engert, der im Gründertrio für die Strategie zuständig ist. Schwämmlein hingegen ist der Mann fürs Operative.

Engert: "Es gibt keinen Grund, warum dieses Modell nicht auch woanders funktionieren sollte, ob in Asien oder Lateinamerika." Auf beiden Kontinenten ist der Bus das dominierende Verkehrsmittel.

Kapital sei nicht der limitierende Faktor, stellt Engert angesichts seiner potenten Geldgeber fest. Eher das Personal. Oft fehlen geeignete Programmierer, aber auch Busfahrer.

Und da ist noch das Problem, vor dem alle schnell wachsenden Jungunternehmen - FlixMobility hat bereits 1500 Mitarbeiter - stehen: Wie bewahre ich mir die spontane, innovative Start-up-Kultur?

"Diese Frage", weiß Engert, "entscheidet, ob wir weiterhin erfolgreich sein werden oder nicht."

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