Samstag, 16. Dezember 2017

Entrepreneur des Jahres - Pilz Sicherheitstechnik Hausfrau, Mutter, Witwe = Unternehmerin des Jahres

Entrepreneure des Jahres 2017: Ausgewählte Finalisten
Fotos
Thomas Pirot für manager magazin

Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes übernahm Renate Pilz die Führung seines Unternehmens. Heute ist es Weltmarktführer in der Sicherheits- und Steuerungstechnik.

Der 1. September 1975 war für Renate Pilz (77) ein brutaler Tag. Einer, der ihr Leben von heute auf morgen total veränderte. Beim Landeanflug auf den Leipziger Flughafen stürzte die Interflug 1107 - aus Stuttgart kommend - im Nebel ab. Unter den toten Passagieren war auch ihr Mann Peter, er wollte zur Leipziger Herbstmesse.

Renate Pilz war damals Hausfrau, zog ihre beiden Kinder groß - vier und sieben Jahre alt. Sie stammt aus einer Handwerkerfamilie, hat Abitur, aber ihr wirtschaftliches und technologisches Wissen war eher rudimentär ausgeprägt. Vom Unternehmen ihres Mannes verstand sie wenig. "Mein Mann wollte mir einmal das elektronische Zeitrelais erklären. Ich entgegnete ihm: Gib dir keine Mühe."

Forsche Frau
Der Entrepreneur
Renate Pilz (77) übernahm 1975 nach dem Tod ihres Mannes bei einem Flugzeugabsturz die Leitung des Unternehmensbeirats. 1994 wechselte sie dann in die Geschäftsführung, bis Ende des Jahres ist sie dort noch die Vorsitzende.
Das Unternehmen
Die Pilz GmbH & Co. KG mit Sitz in Nellingen bei Stuttgart gilt als innovativer Player in der Automatisierungstechnik. Rund 20 Prozent des Umsatzes (2016: 306 Millionen Euro) fließen in Forschung und Entwicklung, dort arbeiten 550 der mehr als 2200 Beschäftigten.

Viele, auch enge Freunde, rieten ihr, die Firma zu verkaufen. Sie tat es nicht. Warum? "Es war mir wichtig, die Vision meines Mannes weiterzutragen."

Heute kann sie relativ entspannt über diese schweren Stunden reden: "Ich hatte einen großen Willen." Es seien ihr in dieser Zeit Kräfte zugewachsen, mit denen sie nicht gerechnet hatte.

Neben dem Willen halfen ihr zwei weitere glückliche Fügungen. Zum einen stand ihr die damals 250 Mann starke Belegschaft zur Seite, obwohl die sie ja gar nicht kannte. Zum anderen war ihr Mann ein sehr sorgfältiger Mensch. Ob Produkte oder Strategie - er hatte alles schriftlich dokumentiert, fein säuberlich auf Papier. "Ich konnte mich gut einlesen", erinnert sich Pilz.

Sie ging zunächst einmal in den Beirat des Unternehmens, zog ihre beiden Kinder groß und lernte den Betrieb durch Gespräche, Sitzungen und das Studium vieler Akten besser kennen. 1994 dann übernahm sie als geschäftsführende Gesellschafterin die Leitung der Pilz GmbH & Co. KG.

Heute ist das Unternehmen mit 306 Millionen Euro Umsatz Weltmarktführer in der Sicherheits- und Steuerungstechnik für industrielle Prozesse. Kaum eine Branche, in der man Pilz nicht kennt. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann lobt die Firma als einen seiner "Vorzeigemittelständler".

Sitz des schwäbischen Familienunternehmens ist Nellingen, in der Einflugschneise des Stuttgarter Flughafens gelegen. Von dort kommt man auch schnell weg: 40 Töchter und Niederlassungen auf allen Kontinenten hat Pilz inzwischen, der Exportanteil liegt bei knapp über 71 Prozent.

Ob die Seilbahn zum Zuckerhut in Rio de Janeiro, das Riesenrad des London Eye, die Gepäckbänder an den Flughäfen oder die automatisierten Fertigungsstraßen großer Konzerne - sie werden alle von Pilz-Produkten gesteuert und im Notfall angehalten.

Das bekannteste ist der "Not-Aus"-Schalter: Ein roter Sicherheitsknopf, mit dem Maschinen kontrolliert zum Stillstand gebracht werden können. 1987 kam er auf den Markt.

Später kamen weitere Innovationen dazu. Neuartige Lichtgitter etwa, die die Zusammenarbeit von Robotern und Menschen ohne Schutzzäune erlauben. Oder SafetyEYE - das weltweit erste Kamerasystem, das eine dreidimensionale Raumüberwachung ermöglicht.

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