Samstag, 16. Dezember 2017

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Elektromobilität und Ladeinfrastruktur Deutschland braucht die volle Ladung

Ölkonzern Shell verbündet sich mit BMW und Co.: Wer um die Vormacht bei ultraschnellen Elektroauto-Stromtankstellen kämpft
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Deutschlands Autohersteller sind für die digitale Zukunft nicht gut genug aufgestellt. Verglichen mit den neuen Wettbewerbern aus dem Silicon Valley und aus Fernost müssen Volkswagen, Daimler und BMW im digitalen Sektor jetzt Vollgas geben. Noch ist es möglich, auf den vier entscheidenden Gebieten aufzuholen. Doch viel Zeit bleibt nicht. Teil 4: Elektromobilität.


Alle Teile dieser Serie:
Teil 1: Mit Standgas in die Zukunft
Teil 2: Autonomes Fahren - Google auf Speed
Teil 3: So schaffen BMW, Daimler und VW den Anschluss
Teil 4: Deutschland braucht die volle Ladung

Die Antwort der deutschen Autobauer auf den neuen elektrischen und digitalen Wettbewerb war der Austausch von Verbrennungsmotor und Getriebe durch Elektromotor und Batterie. Natürlich kommt dem "E" in den vier ACES-Herausforderungen Autonomes Fahren (A), Connected Car (C), Elektromobilität (E) und Sharing (S) bei Autoherstellern besondere Bedeutung zu. Schließlich gehört die Herstellung des Antriebs zu den Kernkompetenzen eines Automobilherstellers. Doch das Verbleiben in der Komfortzone hat noch nie vor Wettbewerb geschützt. Und der kommt gerade frontal auf die Hersteller zu: durch Apps für das kurzfristige Mieten von Autos, On-demand-Fahrten mit Firmen wie Uber, autonom fahrende Taxiflotten oder flexible Leasingangebote. Wer glaubt, es reiche aus, Milliarden Euro in den Austausch des Verbrenners durch den Elektromotor zu investieren, um gegen diese Form von Wettbewerb gewappnet zu sein, springt zu kurz.

Patrick Setzer
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    Patrick Setzer
    Patrick Setzer ist seit 20 Jahren im digitalen Sektor tätig. Er hat selbst zwei Internet-Firmen gegründet, in Start-ups investiert und war in verschiedenen Dax- und TecDax- Unternehmen als Manager von Wachstumsfeldern tätig. Zuletzt leitete er zwei Mobilitätsdienstleistungs-Bereiche bei einem deutschen Autokonzern. www.setzer.net

Wenn es den amerikanischen und chinesischen Elektroauto-Start-ups wie Tesla oder BYD gelingt, ihren derzeitigen Wettbewerbsvorsprung zu halten, werden die etablierten Autobauer nur noch im achten Gang eine Chance haben, sie zu überholen. Dumm nur, dass Elektroautos kein Getriebe haben. Auch als "Fast follower" muss man die Rückleuchten wenigstens noch sehen können. Zwar haben inzwischen alle deutschen Hersteller einen Plan für die Elektrozukunft vorgelegt, doch wer weiß schon, ob 2021, wenn die neueste E-Modell-Generation auf den Markt kommt, wirklich ein Erfolgsjahr für die deutschen Hersteller wird. Die Version 1.0 ist meist nicht der erfolgreiche Durchstarter, sondern es braucht die Iterationen 2.0, 3.0 und weitere Versionen, um ein marktgerechtes Produkt zu platzieren.

Das Dilemma der Deutschen

BYD, Tesla und weitere, bisher unbekannte Startups werden bis dahin mit schnellen iterativen Prozessen aus einer Version 3.0 vielleicht schon eine Version 11.0 gemacht haben, während die deutschen Hersteller mit ihren Lern- und Innovationsprozessen dann noch am Anfang stehen. Hier prallen dann Hardware-Produktionszyklen von sechs Jahren gegen die Wände digitaler Player, die es gewohnt sind, selbst kleinste Verbesserungen täglich per automatischem Upload dem Kunden zugutekommen zu lassen - bis zu viermal täglich! Hier besteht neben der Kernherausforderung des Antriebswechsels also auch noch eine kulturell organisatorische.

Clayton Christensen hat dies bereits in den 1990er Jahren als Innovator's Dilemma beschrieben.Auf der Elektrifizierungsseite wirkt noch ein weiterer Faktor negativ auf die deutsche Autoindustrie: Die teilweise in Deutschland gefertigten 1500 Teile eines heutigen Diesel- und Benzinmotors stehen nur etwa 200 Teilen eines Elektromotors ohne Getriebe gegenüber, die in Asien mit einem Siebtel des Personals gefertigt werden. Elektroautos werfen unter anderem deshalb nur halb so viel Gewinn ab wie ein Wagen mit Verbrennungsmotor. Sollten in zehn Jahren weltweit rund 20 Prozent aller verkauften Autos Elektroautos sein - ein nicht unrealistisches Szenario -, würden also zusätzlich zu den Gewinneinbußen durch die zu erwartenden Absatzrückgänge weitere 4 Milliarden Euro Profit pro Jahr fehlen.

Tesla hat, ähnlich wie man es von Apple kennt, ein elektrifiziertes Lösungsangebot nach dem Prinzip des Design Thinking entworfen, das den Kunden rundum umsorgt und ein ganzheitliches Angebot liefert. Das Auto wird als vollständig integriertes Produkt ausgeliefert, inklusive einer weltweiten Infrastruktur von 10.000 Ladestationen. Reichweitenangst kam so bei Tesla-Fahrern nie auf, ein Problem, das in Deutschland und einigen Ländern Europas noch ein paar Jahre bestehen bleiben wird.

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