Sonntag, 4. Dezember 2016

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So muss Deutschland den digitalen Wandel angehen Digitaler Wandel - wir können das!

Dieter Zetsche musste zugeben: "Apple und Google (in Bezug auf Autobau) können mehr, als Daimler dachte"

Mit der Digitalisierung ist es wie mit allen Veränderungen: Es gibt Gewinner und Verlierer. Alle Technologien, die schneller, besser und/oder günstiger waren, haben sich in Wirtschaft und Gesellschaft durchgesetzt und die bis dahin gültigen Regeln und Strukturen verändert: das Rad, die Dampfmaschine, das Radio, das Auto. Heute sind es das Internet und die damit verbundenen digitalen Technologien, die die bisher bestehende Ordnung umwälzen. Wir brauchen den Mut und die konsequente Haltung, diesen digitalen Wandel uns als wesentliche Veränderung zu akzeptieren - und sie endlich als zentrale gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Aufgabe zu sehen.

Das klare Ziel muss es sein, mit möglichst vielen Gewinnern ins digitale Zeitalter gehen. Brennende Reifen wie unlängst beim Protest der Taxifahrer gegen Uber in Paris bringen uns auf diesem Weg nicht weiter. Natürlich ist es menschlich nachvollziehbar, dass Menschen Angst um ihre Zukunft und vor dem Verlust des Arbeitsplatzes haben. Darin unterscheiden sie sich kaum von den Kutschenfahrern und Pferdehändlern gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als der Siegeszug des Automobils seinen Anfang nahm. Aufhalten konnten sie ihn bekanntermaßen nicht.

"Das neue Medium ist höchst gefährlich, weil es das Gedächtnis schwächt, Unbefugten den Zugang zu weitreichenden Informationen erlaubt, zu läppischen Spielchen verführt, die von der Realität ablenken und dazu verführt, Realität und ihr mediales Abbild zu verwechseln."

Tobias Kollmann
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    Tobias Kollmann ist Professor für BWL und Wirtschafts-Informatik an der Universität Duisburg-Essen. Seine Schwerpunkte sind E-Business und E-Entrepreneurship.
Nein, dieses Zitat ist keine Kritik am Internet oder an Uber, es verdammt auch nicht die Erfindung des Buchdrucks. Es stammt von Platon und bezieht sich auf die Erfindung der Schrift gesagt - etwa 390 vor Christus.

Zu lange Reaktionszeiten

Dies verdeutlicht: Keine Struktur und keine Branche wird sich Veränderungen aufgrund technologischer Innovationen auf Dauer verschließen können. Gerade die disruptiven Auswirkungen der digitalen Technologien brechen so unglaublich schnell über uns herein, dass die Reaktionszeiten gar nicht schnell genug sein können. Laut einer Studie von Capgemini beträgt die durchschnittliche Reaktionszeit klassischer Wirtschaftsbranchen auf disruptive Veränderungen allerdings zwei Jahre. Da kann einem um die Zukunft der deutschen Wirtschaft angst und bange werden.

Innerhalb dieser Reaktionszeit hat Airbnb in weltweit 34.000 Städten rund 30 Millionen Gäste an 2160 Unterkünfte vermittelt. Snapchat konnte in dieser Zeit circa 200 Millionen monatliche Nutzer gewinnen, die täglich bis zu 700 Millionen Fotos ins Netz stellen. Angesichts dieser Geschwindigkeiten kann man nur feststellen, dass die etablierten Unternehmen und Branchen noch auf dem Deck der Titanic feiern, während sie bereits auf den digitalen Eisberg zusteuert.

Vor diesem Hintergrund entzauberte sich auch Daimler-Chef und "Digital Immigrant" Dieter Zetsche vor kurzem selbst - stellvertretend für viele Unternehmenslenker in unseren klassischen Branchen. Vor einem Jahr hatte Zetsche noch "keine Angst vor dem Apple- oder Google-Car", denn "Daimler hat ja den Autobau erfunden". Heute räumt er in einem Interview ein, dass "Apple und Google (auch in Bezug auf den Autobau) mehr können, als Daimler dachte". Er hat erkannt, dass der "Elephant-Effekt" der digitalen Transformation auch vor seinem Unternehmen nicht halt macht. Bei diesem Effekt versuchen die bereits großen Unternehmen (Plattformen) im Internet mit ihren etablierten digitalen Geschäftsprozessen und -modellen in weitere große digitale oder reale Märkte einzudringen. Zusätzlich setzt ja schon der "Piranha-Effekt" den etablierten Playern in klassischen Märkten zu. Dabei Effekt versuchen neue und kleine Unternehmen (Startups) im Internet mit innovativen digitalen Geschäftsprozessen und -modellen ein Stück von den großen digitalen oder realen Märkten zu erobern.

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