Montag, 21. August 2017

Digitalisierung "Das Internet verlagert sich in die anfassbare Welt"

Amazon Dash-Button: "Der umfunktionierte Dash-Button wird hier im Haus an ältere Menschen verteilt, die darüber Hilfe anfordern können."
SPIEGEL ONLINE
Amazon Dash-Button: "Der umfunktionierte Dash-Button wird hier im Haus an ältere Menschen verteilt, die darüber Hilfe anfordern können."

Die Digitalisierung krempelt die Arbeitswelt um - und auch die private Lebenswelt. Trendforscherin Lola Güldenberg erklärt, warum das "Internet der Dinge" älteren Menschen Autonomie verleiht - und wie Beschäftigte durch Digitalisierung ihre Fähigkeiten erweitern.

mm: Frau Güldenberg, wann haben Sie zuletzt einen Einkaufszettel geschrieben?

Lola Güldenberg: (lacht) Das war gestern. Auf einem Post-it-Zettel. Mit Bleistift.

mm: Von einer Trendforscherin hätten wir erwartet, dass das längst Ihr Kühlschrank erledigt.

Güldenberg: Ich habe mir gerade einen Labortisch für die kleine Elektronikwerkstatt in meinem Wohnzimmer gekauft. Fast hätte ich auch noch einen Inkubator mitgenommen, in dem man Bakterien züchten kann, aber der war mir zu teuer. Vielleicht sollte ich mir einen Kühlschrank kaufen, der einkaufen und Bakterien züchten kann. Sowas fehlt mir in der Tat noch.

mm: Entschuldigung, wofür züchten Trendforscher Bakterien?

Güldenberg: Um Biokunststoffe herzustellen. Wenn man Trends erkennen will, ist es gut, selbst ein wenig Materialforschung zu betreiben und sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen. In meiner Elektronikwerkstatt tüftele ich gerade daran, den Dash-Button von Amazon zu hacken, um daraus ein Gerät für Nachbarschaftshilfe zu machen.

mm: Der Dash-Button ist ein Klingelknopf, mit dem man ohne Computer oder Smartphone bei Amazon bestellen kann. Was hat das mit Nachbarschaft zu tun?

Güldenberg: Der umfunktionierte Dash-Button wird hier im Haus an ältere Menschen verteilt, die darüber Hilfe anfordern können. Dieser Hilfswunsch landet dann per App bei den anderen Hausbewohnern. Wir haben uns in unserer Hausgemeinschaft vier verschiedene Stufen ausgedacht: Das fängt beim Öffnen eines Marmeladenglases an und geht bis zur Begleitung zu einem Arzttermin.

mm: Sie spüren Trends also nicht nur nach, Sie erschaffen sie auch selbst?

Güldenberg: Ich muss die Dinge immer selber ausprobieren, dann kann ich sie besser einschätzen. Im Internet kursieren Anleitungen, wie man seine eigene DNA selbst extrahieren kann, das muss ich unbedingt mal versuchen. Mikroelektronik, Robotik, egal, um was es geht, ich versuche immer, mich in Zukunftsthemen wenigstens ein bisschen hineinzuarbeiten.

mm: Dann erzählen Sie mal, wie wir in zehn Jahren leben und welche Technologien wir nutzen werden.

Güldenberg: Ich bin ganz, ganz sicher, dass die Sensorik in unserem Wohnumfeld stark zunehmen wird. Der Dash-Button zeigt sehr schön, wie das Internet der Dinge wirklich funktioniert: Ich brauche keinen Computer und keinen Browser mehr, um online etwas zu bestellen. Ich mache das mit einem Klingelknopf. Das Internet verlagert sich hinein in die anfassbare Welt: in den Fußboden, in die Wände, in die Türklinke, in die Kaffeemaschine.

Die Zahl der digitalen und mechanischen Assistenten wird zunehmen, wir werden einen Automatisierungsgrad erleben, wie wir ihn bisher nur aus der Industrie kannten. Das eröffnet völlig neue Perspektiven, insbesondere für das Wohnen im Alter. Senioren werden viel länger als bisher in der Lage sein, ein autonomes Leben zu führen. Aber natürlich bringt die neue Technik nicht nur Vorteile.

mm: Welche Nachteile sehen Sie?

Güldenberg: Der Stromverbrauch wird dramatisch ansteigen. Wenn ich mit dem Smartphone meine Kaffeemaschine oder meine Heizung steuern will, müssen sämtliche Geräte ständig in Bereitschaft sein. Wenn permanent Daten von einem Ort zum anderen gesendet werden, kostet das Energie. Was wir bei den Handys schon lange kennen, überträgt sich auf das Internet der Dinge: Alles ist "always on". Das wirft natürlich auch Fragen nach der Datensicherheit auf, die dringend gelöst werden müssen.

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