Samstag, 23. Juli 2016

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Wenn Konzerne Start-up spielen Warum Siemens und Deutsche Bank beim Gründer-Pitch durchfallen würden

Kennen Sie die Höhle der Löwen? In dieser TV-Show bei Vox pitchen Unternehmensgründer um Startkapital von Investoren. Die drei Juroren Jochen Schweizer, Frank Thelen oder Lencke Steiner fühlen den Kandidaten auf den Zahn: Stimmt die Geschäftsidee? Überzeugt der Businessplan?

Sowohl die Deutsche Bank als auch Siemens Börsen-Chart zeigen haben kürzlich angekündigt, wieder mehr wie Start-ups agieren zu wollen: schneller, unbürokratischer, innovativer. Kann das funktionieren? Stellen wir uns dazu eine Sondersendung vor: die Vorstandschefs der beiden Dax-Konzerne in der Höhle der Löwen! Hochglanz-Intro, dramatische Musik. "Jürgen gegen Joe - wer überlebt die härteste Jury der Welt?"

Jürgen Fitschen und Joe Kaeser betreten das Set. Beide wirken etwas unsicher. Zähnefletschende Aufsichtsräte, nörgelnde Analysten, streitlustige Betriebsräte - das ist gewohntes Terrain. Aber das hier? "Fünf millionenschwere Investoren gehen gemeinsam auf die Suche nach den besten Geschäftsideen", verkündet der Trailer. Werden sie einen von ihnen überzeugen können? Oder werden die Juroren am Ende sagen: "Hört auf!"? Das Format ist heute anders als sonst: "Zwei Dinosaurier, ein Ziel!", verkündet eine Stimme aus dem Off: "Überleben."

Jens-Uwe Meyer
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    Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Ideeologen GmbH und der Innolytics GmbH. Mit acht Büchern (u.a. "Radikale Innovation", "Das Edison-Prinzip") und mehr als 50 Fachartikeln ist er einer der engagiertesten Innovationsvordenker im deutschsprachigen Raum. Er berät mittelständische Unternehmen und Konzerne.
  • www.jens-uwe-meyer.de
Für die TV-Macher ist das Thema der Sendung dramaturgisch gut gewählt. Beide Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand. Die Deutsche Bank hatte in den letzten Jahre so viele Skandale, dass es für gefühlte 23 Folgen "Tatort Frankfurt Taunusanlage" reichen würde: Peanuts, Kirch, Victory, Prozessbetrug - hinter jedes dieser Worte kann man den Begriff "Skandal" setzen - und schon ist die Assoziation "Deutsche Bank" da. Und jetzt auch noch die Fintechs.

Unzählige Internet-Start-ups haben einen Frontalangriff auf die Bankenwelt gestartet: Statt sich vom freundlichen Bankberater Anlagetipps geben zu lassen, abonniert der digital affine Kunde künftig bei Wikifolio die Anlagestrategien von Top Tradern. Kontoeröffnung und -verwaltung werden bei Number26 über das Smartphone abgewickelt, Ein- und Auszahlungen erfolgen über die Infrastruktur von barzahlen.de an der Supermarktkasse.

Schon bald wird Großmutter von den guten alten Zeiten erzählen, als Geld noch per IBAN und BIC überwiesen wurde, Geld wird dann längst über die Messaging Services von venmo verschickt. Und falls Cash einmal knapp wird, vergeben Crowdinvestoren Kredite über Online-Marktplätze wie Lendico. So könnte die schöne neue Finanzwelt aussehen, in der es an nichts fehlt, außer - den traditionellen Banken.

So weit will es die Deutsche Bank nicht kommen lassen. Co-Chef Jürgen Fitschen hat jüngst per Interview verkündet: "Wir werden den Fintechs jetzt verstärkt Konkurrenz machen!" Höchste Zeit wäre es.

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