Donnerstag, 28. Juli 2016

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Start-ups und Traditionsunternehmen Deutsche Konzerne brauchen eine neue Integrationskultur

Universitätsprofessorin und Mehrfach-Aufsichtsrätin Ann-Kristin Achleitner

Deutsche Konzerne investieren erschreckend selten in Start-ups. Das muss sich schleunigst ändern - unter anderem, damit die deutschen Traditionsunternehmen mit der Digitalisierung Schritt halten können.

Jüngst wurde er wieder gefordert - der "neue Neue Markt" als Mittel, damit es in Deutschland endlich mehr neugegründete, erfolgreich wachsende und arbeitsplatzschaffende Unternehmen gibt. Neue, junge, erfolgreiche Unternehmen, eine lebendige Gründerszene möchte dieses Land, darüber herrscht seltene Einigkeit. Für jene, die sich noch an den Neuen Markt der Jahrhundertwende erinnern können, ist es jedoch verwunderlich, warum die Wiedererschaffung einer Börsenplattform der Durchschlagung des Gordischen Knotens gleichen soll.

Richtig ist, dass die mangelnde Verfügbarkeit von Kapital gerade in der so wichtigen Wachstumsphase junger Unternehmen maßgeblich darauf zurückzuführen ist, dass es vergleichsweise weniger erfolgreiche so genannte Exits, das heißt Ausstiege aus Unternehmensbeteiligungen, gab. Wenn ein Investor daran zweifelt, durch den späteren Verkauf einer Beteiligung eine hinreichende Rendite erwirtschaften zu können, dann ist er zögerlich beim Einstieg. Dies ergibt sich schon zwangsläufig aus der limitierten Laufzeit der ihm zur Verfügung stehenden Fonds und den Renditeanforderungen seiner Anleger.

Erfolgreiche Ausstiege aus Unternehmen erfolgen weltweit nun tatsächlich häufig über Börsengänge - aber noch viel öfter auch auf anderen Wegen, allen voran über so genannte Trade Sales, das heißt Verkäufe von Unternehmensanteilen an eine andere Partei. Dabei handelt es sich manchmal um einen anderen Risikokapital-Fonds (Secondaries) oder Altgesellschafter (Buy-Back), in der Regel allerdings um einen industriellen Investor. Verkäufe neu gegründeter und weiterentwickelter Unternehmen an Industrieunternehmen sind damit ein wesentliches Treiber eines ausgebauten Venture-Capital-Markts. Dabei kann man natürlich, ebenso wie bei Börsengängen, an das Ausland denken. Dies ist jedoch grundsätzlich schwerer zu realisieren - weshalb ja auch im Börsenbereich die Frage einer nationalen oder europäischen Börse wichtig ist.

Trade Sales als Weg des Ausstiegs aus Investitionen sind nun aber hierzulande im Gegensatz zu anderen Märkten, auf die wir gerne schauen, wenn wir an eine lebendige Gründerszene denken, seltener anzutreffen. Über die Tatsache, dass genau hier eine ganz wesentliche Schwachstelle in der deutschen Venture-Capital-Finanzierung besteht, wird erstaunlicherweise kaum geredet. Die Debatte fokussiert sich hingegen fast völlig auf die vergleichsweise geringe Zahl von Börsengängen in Deutschland.

Nun ist es ein Manko, dass die Datenbasis im deutschen Venture-Capital-Bereich unbefriedigend ist. Aber empirisch gibt es klare Anzeichen, dass das Problem der Trade Sales erheblich ist. So zeigen Axelson und Martinovic von der London School of Economics (Axelson, Ulf/Martinovic, Milan: European Venture Capital: Myths and Facts, BVCA, London 2013), dass Europa und die USA für Unternehmen aus dem gleichen Investitionsjahr hinsichtlich der Zahl von Börsengängen nicht weit auseinanderliegen. Es ist vielmehr die Häufigkeit eines Ausstiegs über einen Trade Sale, die schon in Europa im Vergleich zu den USA niedriger ist. Das Schlusslicht innerhalb Europas bilden dann Deutschland und die Benelux-Länder.

Dieser empirische Befund deckt sich mit dem, was Gründer berichten: Deutsche Unternehmen tun sich im internationalen Vergleich schwerer damit, ein junges Unternehmen zu erwerben, um sich auf diese Weise die nötigen Innovationen zu sichern. Schon die Prozesse, in denen dies geschieht, sind schwerfälliger. Zudem besteht oft eine abwehrende Einstellung des "not invented here". Etablierte, insbesondere Großunternehmen sind skeptisch gegenüber externen Einkäufen, umso mehr, wenn sie noch wie bei jungen Unternehmen relativ risikobehaftet sind, und bevorzugen es, auf eine interne Entwicklung zu setzen.

Seit Jahren wird debattiert, wie der Technologietransfer in Deutschland besser gelingen kann, das heißt mehr wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem universitären und außeruniversitären Bereich in Innovationen zu verwandeln. So hat beispielsweise die Expertenkommission Forschung und Entwicklung (EFI) in ihrem Jahresgutachten 2010 angemahnt, dass viele Erfolg versprechende Forschungsergebnisse der öffentlich finanzierten Forschung in Deutschland nicht effektiv vermarktet würden.

Aus diesem Grund regte sie die Schaffung eines so genannten Kommerzialisierungsfonds an. Hierdurch sollten Mittel für einen verstärkten Transfer von Forschungsergebnissen in kommerzielle Anwendungen zur Verfügung gestellt werden. Einen ähnlichen Gedanken verfolgt die Helmholtz-Gemeinschaft mit ihrem Validierungsfonds. Entscheidend ist jedoch, dass die so entstandenen Unternehmen dann auch wachsen können respektive, dass die in ihnen eingebundenen Innovationen die nötigen Ressourcen erhalten. Und hierzu brauchen sie zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Börsengang, den Einstieg eines Industrieunternehmens oder die Übernahme durch ein solches.

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