Sonntag, 19. August 2018

Aktionärstreffen nach Horrorjahr Deutsche-Börse-Chefaufseher Faber erwägt vorzeitigen Rückzug

Joachim Faber: Der Aufsichtsratschef der Deutschen Börse steht in der Kritik

Deutsche-Börse-Aufsichtsratschef Joachim Faber erwägt im Falle seiner Wiederwahl einen vorzeitigen Rückzug. Er behalte sich vor, "einen Übergang im Vorsitz des Aufsichtsrates im Laufe der neuen Wahlperiode vorzubereiten", sagte Faber bei der Hauptversammlung des Dax -Konzerns am Mittwoch in Frankfurt. "Ein Zeitpunkt hierfür ist heute noch nicht absehbar."

Die Aktionäre sind aufgerufen, den seit Mitte 2012 amtierenden Chefkontrolleur für eine dritte Amtszeit zu wählen.

Das Krisenjahr 2017 hatte Faber in die Kritik gebracht. Der geplante Zusammenschluss mit der Londoner Börse LSE scheiterte auch deshalb, weil den Verantwortlichen der Deutschen Börse ein Plan B für den Fall des Brexits zu fehlen schien. Zudem brachte der Aufsichtsrat unter Fabers Vorsitz ein auf den inzwischen zurückgetretenen Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter zugeschnittenes Vergütungsprogramm auf den Weg, das bis heute die Staatsanwaltschaft Frankfurt beschäftigt.

Einsparungen im Management

Die angekündigten Einsparungen bei der Deutschen Börse treffen auch die Führungsriege. "Wir werden auch auf der Management-Ebene bis zu 50 Stellen abbauen, um die Organisation effizienter und agiler zu machen", sagte der seit Januar amtierende Konzernchef Theodor Weimer bei der Hauptversammlung des Dax-Konzerns am Mittwoch in Frankfurt.

Die Deutsche Börse hatte Ende April das Ziel ausgegeben, die jährlichen Fixkosten bis Ende 2020 um rund 100 Millionen Euro zu senken. Die Neuaufstellung schlägt einmalig mit rund 200 Millionen Euro zu Buche, die hauptsächlich noch im laufenden Jahr anfallen sollen. Ziel der Maßnahmen ist, Freiraum für Investitionen zu schaffen.

"Wenn wir unsere Wachstumsziele wie geplant erfüllen, werden wir trotz des geplanten Personalabbaus über die nächsten Jahre eine dreistellige Zahl neuer Stellen schaffen", erklärte Weimer. "Wir brauchen Mitarbeiter, die sich mit den neuen Technologien auskennen." Wo die neuen Mitarbeiter sitzen werden, sagt das Unternehmen bislang nicht. Neben der Zentrale in Eschborn bei Frankfurt unterhält die Deutsche Börse unter anderem Standorte im irischen Cork und in Prag.

Weimer will Horrorjahr 2017 rasch abhaken

Der neue Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer will schnell einen Haken an das Horrorjahr 2017 machen. Doch bei der Hauptversammlung an diesem Mittwoch in Frankfurt dürften sich die Anteilseigner zunächst an der jüngeren Vergangenheit des Dax -Konzerns abarbeiten.

Im Frühjahr platzte die angestrebte Fusion mit der Londoner Börse LSE, über Monate sorgten Vorwürfe gegen den damaligen Konzernchef Carsten Kengeter wegen angeblicher Insidergeschäfte für Unruhe, zum Jahresende trat Kengeter zurück. Auch die Geschäfte des Unternehmens liefen 2017 nicht wie erhofft.

Im Auge des Sturms: Aufsichtsratschef Joachim Faber. Faber hatte den ehemaligen Investmentbanker Kengeter 2015 zur Deutschen Börse gelotst und als Nachfolger des zuletzt wenig agilen Reto Francioni installiert. Faber brachte das auf Kengeter zugeschnittene Vergütungsprogramm auf den Weg, das bis heute die Staatsanwaltschaft Frankfurt beschäftigt.

Kengeter hatte Mitte Dezember 2015 für 4,5 Millionen Euro 60 000 Deutsche-Börse-Aktien gekauft, die er nicht vor Ende 2019 veräußern darf. Der Konzern packte weitere 69 000 Anteilsscheine drauf. Gut zwei Monate nach dem Aktiendeal machten die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) ihre - inzwischen gescheiterten - Fusionspläne öffentlich, was die Kurse trieb

Faber: "Vieles richtig gemacht, aber auch etliches falsch"

Die Ermittler werfen Kengeter vor, schon im Sommer 2015 mit der LSE-Führung Gespräche über einen Zusammenschluss geführt und das lukrative Aktiengeschäft in diesem Wissen getätigt zu haben. Aufsichtsrat, Vorstand und Kengeter persönlich wiesen die Vorwürfe wiederholt zurück.

"Wir haben vieles richtig gemacht, aber auch etliches falsch", räumte Faber zu Beginn dieses Jahres ein. "Nun treten wir in eine neue Phase der Deutschen Börse ein."

In der Tat treibt der seit Januar amtierende Konzernchef Weimer die Neuausrichtung des Unternehmens mit Volldampf voran: Gleich drei neue Vorstände ziehen in den nächsten Monaten die Führungsetage ein, darunter der ehemalige Deutsche-Bank-Personalchef Stephan Leithner.

Neuer Job für Stephan Leithner

Und auch bei der Strategie hat Weimer erste Pflöcke eingeschlagen: Die jährlichen Kosten sollen bis 2020 deutlich sinken, gleichzeitig soll aber in neue Technologien investiert werden. Unter dem Strich rechnet das Unternehmen mit einem Zuwachs an Mitarbeitern - allerdings könnten neue Stellen an Niedriglohnstandorten wie dem tschechischen Prag und dem irischen Cork entstehen.

Die Erlöse will Weimer bis einschließlich 2020 um mindestens 5 Prozent pro Jahr steigern, den Gewinn um rund 10 bis 15 Prozent. Sondereffekte werden dabei ausgeklammert. Details zur Strategie hat Weimer für einen Investorentag am 30. Mai angekündigt.

Faber selbst, der den Aufsichtsrat seit Mitte Mai 2012 führt, strebt trotz Kritik an seiner Amtsführung eine weitere Periode als Chefkontrolleur an und stellt sich bei der Hauptversammlung zur Wiederwahl. Neu in das Kontrollgremium einziehen soll der ehemalige Bundesbank-Vorstand und jetzige KfW-Vorstand Joachim Nagel.

Die Zahl der Aufsichtsratsmitglieder soll von 12 auf 16 steigen. Zudem ist vorgesehen, das Gremium künftig je zur Hälfte mit Vertretern der Anteilseigner und der Arbeitnehmer zu besetzen.

la/dpa

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