Dienstag, 12. Dezember 2017

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Nach dem Rücktritt von Deutsche-Börse-CEO Kengeter Schuld am Börsen-Desaster ist der Aufsichtsratschef

Zu lange gezögert: Joachim Faber, Aufsichtsratschef der Deutschen Börse, mit seinem Bald-Ex-CEO Carsten Kengeter.

Jetzt ist es also so weit. Carsten Kengeter, der Chef der Deutschen Börse, quittiert seinen Dienst. Am Donnerstagnachmittag haben er und sein Aufsichtsrat sich zu dem Entschluss durchgerungen. Der Schritt war lange überfällig, zu schwer lasteten die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen Insiderhandels auf dem Konzernchef, zu vermessen wirkte die Nibelungentreue seines Aufsichtsratschefs Joachim Faber. Längst ging es nicht mehr darum, ob der einstige Star-Investmentbanker (Goldman Sachs, UBS) gehen muss, es ging nur noch darum, wann der Abschied kommt.

Kengeter ist auch als Börsenchef der Außenseiter geblieben, der er für die Deutschland AG zu seinem Amtsantritt im Sommer 2015 war. Er, der den Großteil seiner Karriere in London und Asien verbracht hatte, wollte sich den Erfordernissen nicht fügen, die es zur Führung einer Institution braucht, die zwar privatrechtlich verfasst ist, gleichzeitig aber einen öffentlich-rechtlichen Infrastrukturauftrag erfüllt. Manchmal hinterließ er den Eindruck, dass er gar nicht verstanden hat, was von ihm erwartet wurde.

Dass er mit seinen Arbeitnehmervertretern nicht klarkam - okay. Dass er die manchmal arg kapriziösen Vertreter des Finanzplatz Frankfurt links liegen ließ - auch gut. Er wollte den Firmensitz ohnehin nach London verlagern. Dass er aber seinen Lizenzgeber, den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) und den für die Finanzmarktaufsicht zuständigen Wirtschaftsminister Tarek Al Wazir (Grüne) nicht für voll nahm, war schlicht unprofessionell.

Die Arroganz, seine Vorbildfunktion als Gesicht der deutschen Wertpapierhandelsplattform zugunsten seiner Boni zu ignorieren und darüber hinaus noch die Insiderregeln des deutschen Wertpapierhandelsgesetzes lax zu interpretieren, hat ihn für sein Amt schlicht disqualifiziert.

Am Ende aber hat Kengeter nicht nur Kengeter demontiert, sondern seinen Mentor und Aufsichtsratschef Joachim Faber gleich mit. Nur, dass der Fall bei Faber ganz anders liegt.

Die langjährige Nummer eins des Asset-Managements der Allianz war mittendrin im Netzwerk der Deutschland AG. Er wusste um all die Gepflogenheiten und Fallstricke, die Kengeter nie interessierten. Es war sein Job, den Alien aus London auf Linie zu bringen, im Interesse des Unternehmens Deutsche Börse und im Interesse des deutschen Kapitalmarktes. Diesen Job hat Faber, man kann es leider nicht anders sagen, im großen Stil versemmelt.

Faber hat Kengeter entdeckt und geholt. Faber wollte, dass Kengeter Frankfurter und Londoner Börse zusammenbringt. Faber konstruierte Kengeters Vergütungspaket, das am Ende die Ermittlungen der Staatsanwälte provozierte. Faber hielt bis zuletzt an Kengeter fest und unterband im Personalausschuss des Aufsichtsrats eine rechtzeitige und geregelte Nachfolgesuche. Faber ignorierte und blendete aus, versprach im kleinen Kreis immer wieder, dass sich nach der Bundestagswahl das Problem schon in Luft auflösen werde. Schließlich überzeugte Faber das Kontrollgremium, eine Geldbuße über 10,5 Millionen Euro zu akzeptieren, um endlich Ruhe zu haben. Dass er sein Schicksal damit an das von Kengeter band, hat er entweder bewusst in Kauf genommen oder schlicht ignoriert. Beides disqualifiziert ihn für sein Amt.

Als das Amtsgericht den von der Staatsanwaltschaft angebotenen Deal platzen ließ, haben ihm die Richter de facto auch den Kündigungsbrief geschrieben.

Die Ermittler ermitteln nun weiter und die Verlängerung von Kengeters Ende März 2018 auslaufendem Vertrag wurde endgültig zum Ding der Unmöglichkeit. Aufsichtsrat und Konzernspitze stehen völlig blamiert da. Faber konnte den Fall seines Konzernchefs aus nächster Nähe verfolgen, war aber viel zu lange weder willens noch in der Lage, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Und deswegen ist aus dem Fall Kengeter längst der Fall Faber geworden. Und auch bei ihm geht es längst nicht mehr darum ob er geht, sondern nur noch darum, wann der Abschied kommt.

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