Samstag, 25. Juni 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Hauptversammlung "Gigantische Rechtsabteilung mit angeschlossenem Bankgeschäft"

Deutsche-Bank-Chefs Fitschen, Jain: "Einige der Herausforderungen waren größer als wir erwartet hatten"

Trotz der Charme-Offensive der Deutsche-Bank-Chefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain verlieren Aktionäre die Geduld: Sie kritisieren die Kapitalerhöhung, die Anhebung der Gehälter für Investmentbanker sowie die mittlerweile 1000 Rechtsstreitigkeiten. "Wann findet dieser Albtraum ein Ende?" fragt ein Aktionär.

Frankfurt - - Auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank am Donnerstag in Frankfurt ließen viele Investoren ihrem Frust an der Führung freien Lauf. Sie müssen abermals Milliarden an frischem Kapital zuschießen und befürchten immer höhere Kosten der mittlerweile 1000 Rechtsstreitigkeiten.

"Wann findet dieser Albtraum endlich sein Ende?", schimpfte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment, einem der zehn größten Aktionäre von Deutschlands größtem Geldhaus. Die Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen warben um Geduld und Vertrauen: Die Bank sei zur Halbzeit ihrer "Strategie 2015+" auf Kurs und habe als einziges Geldhaus in Europa das Zeug, den US-Rivalen die Stirn zu bieten.

Jain, der schon nach dem ersten Satz seiner Rede in der Festhalle von Kapitalismus-Gegnern unterbrochen wurde, räumte Fehleinschätzungen ein. "Einige der Herausforderungen waren größer als wir erwartet hatten."

Der gebürtige Inder, der zusammen mit Fitschen seit Juni 2012 an der Konzernspitze steht, hielt seinen Vortrag auf Deutsch. Die 4800 Aktionäre spendeten dem langjährigen Top-Investmentbanker, der sich bei seinem Amtsantritt Kritik wegen mangelhafter Deutsch-Kenntnisse gefallen lassen musste, aber nur spärlichen Applaus. Denn seit dieser Woche ist klar, dass die Deutsche Bank ihre wichtigsten Rendite- und Sparziele erst frühestens 2016 erreichen wird, ein Jahr später als bislang angepeilt.

Die Aufpolsterung der im Branchenvergleich dünnen Kapitaldecke hat Priorität. Deshalb schieben Jain und Fitschen nun die dritte große Kapitalerhöhung in vier Jahren an und wollen insgesamt acht Milliarden Euro einsammeln. Ein Scheich von Katar steigt als Großinvestor ein.

Investmentbanker - Topverdiener mit mäßiger Leistung

Vor allem im risikoreichen Kerngeschäft Investmentbanking wollen die Frankfurter wieder angreifen, wie Fitschen klarmachte. "Wir wollen Ihre Deutsche Bank in einer sehr kleinen globalen Spitzengruppe etablieren, die eine neue Ära der Bankenbranche prägen wird", rief er den Eignern zu.

Fondsmanager Speich hält das für Wunschdenken. "Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine riesige Lücke", sagte er. "Gemessen an ihrem Börsenwert rangiert die Deutsche Bank weltweit nur auf Rang 44 im Bankensektor." Der Absturz der Aktie um drei Viertel seit der Finanzkrise sei enttäuschend. Jetzt müssen sich die Investoren eine weitere Verwässerung gefallen lassen. Am Donnerstag lag die Aktie kaum verändert bei 30,20 Euro.

Speich bezeichnete das Ausmaß und den Zeitpunkt der Kapitalerhöhung als überraschend. "Hätte das Top-Management eine bessere Reputation, wäre man vermutlich mit weniger ausgekommen. Wir vermissen beim Kapitalmanagement eine klare Linie und eine verlässliche Kommunikation."

Auch Klaus Nieding von der Aktionärsvereinigung DSW monierte, dass abermals die Eigner zur Kasse gebeten werden: "Aus eigener Kraft hätte es wohl mau ausgesehen." Es sei überraschend, dass Katar "trotz eines tiefen Blicks in die Bücher" in die Bank investiere. Jetzt könne man nur hoffen, dass sich die kühnen Pläne des Managements nicht als "Fata Morgana" entpuppten.

Auch mehrere Kleinaktionäre äußerten Unbehagen angesichts der starken Fokussierung auf das Kapitalmarktgeschäft. Die Bankmanager drehten ein großes Rad, während die Aktionäre darben müssten, sagte einer. Die Dividende stagniert seit Jahren bei 75 Cent je Aktie - "langfristig nicht zufriedenstellend", wie auch Fitschen zugab.

Kulturwandel ohne Abkürzungen

Bei den Boni dagegen will sich die Deutsche Bank größtmögliche Freiheit sichern und die neuen EU-Regeln ausreizen. So sollen die Prämien künftig doppelt so hoch ausfallen dürfen wie das in den vergangenen Jahren bereits angehobene Grundgehalt. Etliche Großinvestoren stehen dahinter, weil so immerhin die Fixkosten niedrig gehalten werden. Doch zum ausgerufenen "Kulturwandel" - windige Geschäfte und imageschädliches Verhalten soll es nicht mehr geben - passe das nicht so richtig, kritisierte Nieding. Es sei unverständlich, warum es "der ganz große Schluck aus der Pulle" sein müsse.

Mächtiger Wächter über den "Kulturwandel" ist Aufsichtsratschef Paul Achleitner, der auch die Hauptversammlung mit strenger Hand dirigierte. Der Österreicher betonte vor den Aktionären, er schaue sich nicht nur genau an, was für Fortschritte die Bank bei der Umsetzung ihrer Ziele mache, sondern auch, wie das geschehe. Der Kulturwandel brauche aber Zeit. "Dieser Weg kann nur Schritt für Schritt zurückgelegt werden. Abkürzungen kann und wird es nicht geben."

"Eine gigantische Rechtsabteilung mit angeschlossenem Bankgeschäft"

Bei der Aufarbeitung der unzähligen Altlasten aus der Finanzkrise tut sich die Bank schwer. Das Institut hat Milliarden zur Beilegung von Rechtsstreitigkeiten gezahlt oder zurückgelegt. Dabei geht es unter anderem um mutmaßliche Tricksereien an Referenzzinsen und Devisenkursen sowie fragwürdige Hypothekengeschäfte in den USA. Viele Aktionäre wünschen sich bei dem Thema Rechtsstreitigkeiten mehr Offenheit des Managements.

Finanzchef Stefan Krause erläuterte, die Bank sei insgesamt in etwa 1000 Rechtsstreitigkeiten mit einem Streitwert von jeweils mehr als 100.000 Euro verwickelt. Zudem liefen 180 Verfahren mit Aufsichtsbehörden. Ob und in welchem Umfang die Bank ihre zuletzt rund zwei Milliarden Euro schweren Rückstellungen hierfür hochschrauben muss, wollte er nicht sagen. Nieding zeigte sich ernüchtert: "Die Deutsche Bank ist heute eine gigantische Rechtsabteilung mit angeschlossenem Bankgeschäft."

von Kathrin Jones und Alexander Hübner, Reuters)

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH