Mittwoch, 19. September 2018

Brandbrief an Manager Chaos bei der Bahn - Vorstandschef zieht Notbremse

"In einer schwierigen Situation": Bahn-Chef Richard Lutz

Die Schulden steigen rasant, die Züge fahren unpünktlicher und die nächste Gewinnwarnung steht vor der Tür. Bahn-Chef Lutz hat jetzt genug. Der Vorstandschef warnt in einem Brandbrief die Führungskräfte des Konzerns und zieht die Notbremse - ein sofortiger Ausgabenstopp etwa soll ein noch tieferes Abrutschen in das Schuldenloch verhindern.

Deutsche-Bahn-Chef Richard Lutz hat mit seinen Vorstandskollegen einen Brandbrief an die Führungskräfte des Konzerns verschickt. Der Konzern befinde sich "in einer schwierigen Situation", die sich in den vergangenen Monaten nicht verbessert, sondern verschlechtert habe, heißt es in dem Schreiben, das der Nachrichtenagentur Reuters am Sonntagabend vorlag.

"Da gibt es leider nichts zu beschönigen." Das operative Ergebnis liege auch per Juli "deutlich unter Vorjahr und weit weg von unserer Zielsetzung". Das auf 2,1 Milliarden Euro reduzierte Ergebnisziel für 2018 sei in Gefahr.

Die dritte Gewinnwarnung innerhalb von wenigen Monaten könne jedoch nicht die Antwort auf die aktuelle Situation sein. "Es würde unsere finanzielle Lage weiter destabilisieren und Vertrauen und Goodwill, die wir bei Eigentümer und Öffentlichkeit noch haben, zusätzlich beschädigen", schreibt Lutz.

Zuvor hatten das "Handelsblatt" und "Der Spiegel" über den Brief berichtet. Ein Bahn-Sprecher sagte am Sonntagabend: "Wir äußern uns nicht zu internen Schreiben."

Vor allem im Nah- und Güterverkehr spitzt sich die Lage zu

Mehrere Konzernmanager hatten am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters gesagt, dass der Staatskonzern mit einem Ausgabenstopp ein weiteres Abrutschen verhindern wolle. Demnach dürfen Bestellungen ab einer bestimmten Summe nur noch mit Sondergenehmigung in Auftrag gegeben werden. Hintergrund sei, dass sich im Nahverkehr und vor allem bei der seit Jahren kriselnden Güterbahn die Lage zuspitze.

Zugleich wolle der Konzern unbedingt den Anstieg der Schulden begrenzen, der dieses Jahr die 20-Milliarden-Euro-Grenze erreichen könnte. Interne Berechnungen hätten ergeben, dass die Schulden bis 2023 ohne massives Gegensteuern auf den Rekordwert von 25 Milliarden Euro klettern würden.

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Eine Bahn-Sprecherin hatte am Freitag gesagt, dass bereits zur Halbjahres-Bilanz auf die wirtschaftlichen Herausforderungen hingewiesen worden sei. Es sei ein "normaler unternehmerischer Vorgang hier gegenzusteuern. Ausdrücklich klar ist aber auch, dass an Maßnahmen für Qualität und Kundenzufriedenheit nicht gespart wird."

Wenn in dem Brief von einer sich zuspitzenden Krise im Nahverkehr die Rede ist, fragt sich jeder Gast der Deutschen Bahn, wie das Bahn-Management dann die Lage im Fernverkehr beschreiben würde. Schließlich ist Pünktlichkeit zweifelsohne ein Qualitätskriterium bei einem Personenbeförderungsunternehmen.

Bahn-Chef Lutz hatte bei den viel genutzten Fernzügen schon im Juli das Pünktlichkeitsziel mit einer Quote von 82 Prozent auf 80 Prozent heruntergeschraubt. Tatsächlich aber war die ICE und IC der Deutschen Bahn in den heißen Sommermonaten selbst von diesem herabgesetzten Ziel weiter entfernt denn je: Die Pünktlichkeitsquote lag im August mit 69,8 Prozent so tief wie schon seit Jahren nicht mehr - nach 72,1 Prozent im Juli und 74,7 Prozent im Juni.

rei mit Reuters

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