Samstag, 23. Februar 2019

"System steht kurz vor dem Kollaps" Politik fordert Radikalumbau der Deutschen Bahn

Wo geht's lang? Das Management der Bahn braucht ganz offensichtlich Orientierung, dringend verbindliche Vorgaben und klarere Strukturen und Zuständigkeiten

Deutsche Bahn und die Gewerkschaft EVG haben sich im Tarifstreit geeinigt, ein Streik scheint abgewendet. Jetzt erhöht die Bundesregierung den Druck auf den finanziell klammen Konzern. Sie verlangt einen umfassenden Umbau der Bahn. Fehler sieht sie vor allem beim Management des Konzerns. Mit der Forderung weiß sie die Parteien auf ihrer Seite.

Die Bundesregierung erwartet angesichts der anhaltenden Probleme bei der Deutschen Bahn eine grundlegende Reform des Staatsunternehmens. "Wir sind besorgt darüber, wie der DB-Vorstand das System Bahn fährt. Mit der Leistung kann man nicht zufrieden sein", sagte der Beauftragte der Bundesregierung für den Schienenverkehr, Enak Ferlemann (CDU), der "Welt am Sonntag".

Die Bahn brauche eine Neustrukturierung. "Wir erwarten, dass der Vorstand der Bundesregierung bis März ein entsprechendes Konzept vorlegt", sagte Ferlemann, der Staatssekretär im Bundesverkehrsministeriums ist. Erste Ergebnisse wolle man von bereits im Januar hören.

Wirtschaftlich ist das Unternehmen in Staatsbesitz nicht gut aufgestellt. Bis zum Jahr 2022 klafft eine Finanzierungslücke von fast fünf Milliarden Euro, hatte Konzernchef Richard Lutz Mitte der Woche erklärt. Allein im kommenden Jahr fehlen laut Aufsichtsrat 2,2 Milliarden Euro für dringend benötigte Investitionen.

500 Millionen für Berater, doch lähmende Strukturen bremsen Fortschritte

Dabei gibt die Bahn enorme Summen für Berater aus, die den desolaten Zustand helfen sollen zu verbessern: In den vergangenen Jahren waren es unter dem Strich rund 500 Millionen Euro, hatte die "Bild" berichtet. Geholfen hat dies bislang wenig. Ein Grund dafür könnte auch die Struktur des Unternehmens, wo sich Unternehmensteile schlimmstenfalls sogar gegenseitig behindern.


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Es gebe unterhalb der Holding Aktiengesellschaften mit Vorständen und Aufsichtsräten, "die aneinander vorbei und zum Teil auch gegen die Interessen der anderen DB-Gesellschaften entscheiden". Die Managementebene unterhalb des Vorstands blockiere effiziente Führungsstrukturen, kritisierte Staatssekretär Ferlemann. "Beschlüsse des Vorstands bleiben dort hängen und dringen nicht zu den Mitarbeitern durch, die sie umsetzen sollen. Und Kritik und Anregungen der Belegschaft schaffen es durch die Lehmschicht des mittleren Managements nicht bis an die Konzernspitze."

Grüne fordern Fusion der Transportsparten und Neustart bei Infrastruktur

Parteiübergreifend forderten am Wochenende auch Politiker einen Umbau des Unternehmens: Carsten Schneider, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, forderte: "Das Denken in Kästchen und Vorgärten muss aufhören. Hier müssen Strukturen innerhalb des integrierten Unternehmens neu gedacht werden".

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter forderte, die Transportsparten zu bündeln, um Synergieeffekte zu erzielen: "Alles was rollt, gehört unter ein Dach." Nötig sei ein Neustart, auch im Bereich Infrastruktur: "Das zersplitterte Zuständigkeitschaos von Tochtergesellschaften wie DB Netz, DB Station und Service, DB Energie und DB Immobilien muss ein Ende haben."

Der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Oliver Luksic, warnte: "Das System Deutsche Bahn steht kurz vor dem Kollaps." Ohne radikale Maßnahmen werde Sie im kommenden Jahr die 20 Milliarden Schuldengrenze durchbrechen.

rei mit Nachrichtenagenturen

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