Sonntag, 19. November 2017

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Der Fall Spacey hat große Bedeutung über Hollywood hinaus Sexflix, Outing und die Folgen für Manager

Kevin Spacey
Getty Images
Kevin Spacey

Der Fall Kevin Spacey ist mehr als eine Meldung im Ressort Vermischtes und seine Bedeutung geht weit über die Einstellung der TV-Serie "House of Cards" hinaus. Er wird den Umgang von Topmanagern mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dauerhaft verändern. #MeToo gilt jetzt auch für ganz oben.

Wer immer Kevin Spacey bei seiner Kommunikationsstrategie beraten haben mag - der Platz als abschreckendes Beispiel in den Lehrbüchern der Krisen-PR dürfte ihm auf Ewigkeit sicher sein. Spacey schaffte es sogar, Bill Clintons unvergesslich dämlichen Satz "Ich hatte keine sexuelle Beziehung zu dieser Frau" auf die hinteren Ränge zu verweisen. Wir leben im dritten Jahrtausend. Wen interessiert schon die sexuelle Ausrichtung eines Kevin Spacey?

Tom Buschardt
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    Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de

Seine Bisexualität war offenes Gesprächsthema in der Branche und in der Erfolgsserie "House of Cards" küsst er in einer Szene sowohl seine Frau, als auch seinen Leibwächter auf den Mund. Eine schöne, ironische Anspielung auf sein Privatleben. Spacey ist schwul. Ja und?

Spaceys kapitaler Fehler

Spacey und seine Berater machten den kapitalen Fehler, den Vorwurf der sexuellen Belästigung eines damals 14-jährigen Jugendlichen mit dem Outing von Spaceys sexueller Orientierung zu überzuckern. Es sind zwei Handlungsstränge, die nichts, absolut gar nichts miteinander zu tun haben. Bei der Belästigung eines Minderjährigen ist das Geschlecht zweitrangig. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass unter Umständen Rechtslage und Moralvorstellungen vor 31 Jahren anders waren. Wir schauen stets aus der eigenen, aktuellen moralischen Sichtweise auf das Verhalten in der Vergangenheit.

Richtig wäre gewesen, zunächst die Entschuldigung beim betroffenen Schauspielerkollegen zu erbitten und ein persönliches Treffen zu arrangieren, bei dem beide sich aussprechen. Vom Verlauf einer solchen Aussprache (unabhängig juristischer Vergleiche) muss dann abhängig gemacht werden, wie Spacey weiter zu diesem Vorwurf Stellung nimmt. Das Outing darf hierbei überhaupt keine Rolle spielen - zumal Spacey jeden Homosexuellen mit seinem Outing in die Nähe des Kinderschänders rückt.

Die Welt kann ziemlich klein werden für Kevin Spacey in den nächsten Jahren.

Bemerkenswert ist, wie schnell Arbeitgeber Netflix Börsen-Chart zeigen auf - den zunächst nur einen! - Vorwurf gegen Spacey reagierte und die Einstellung von "House Of Cards" verkündete. Kurz zuvor hatte Netflix bekannt gegeben, finanziell weiter aufzurüsten und am Kapitalmarkt 1,6 Milliarden US-Dollar zu besorgen. Spielte dort die Angst vor verunsicherten Kapitalgebern eine Rolle - oder wusste das Unternehmen bereits mehr?

Letzteres ist wahrscheinlicher, denn über sexuelle Übergriffe erfolgreicher Menschen legt sich schnell ein Kartell des Schweigens, Wegschauens und Ignorierens - aber nur bis zu dem Augenblick, in dem der erste Betroffene die Omerta, das Gesetz des Schweigens, bricht. Das ist bei Schauspielern nicht anders als bei Spitzenmanagern oder Politikern. Die Belästigung kann sich über Jahre und Jahrzehnte hinziehen - bis jemand den ersten Riss in die Eisdecke schlägt. Danach kann man im Prinzip abwarten und beobachten, wie der Täter einbricht und versinkt.

Die Stunde der Trittbrettfahrer

Auch der Fall Spacey zieht bereits seine Kreise: Es haben sich weitere Menschen gemeldet, die von Spacey belästigt worden sein sollen. Erfahrungsgemäß sind bei derartigen Krisen zahlreiche echte Fälle vertreten und solche, die nach Jahren unter einem anderen Licht neu und negativ bewertet werden. Leider befeuern dann auch Trittbrettfahrer, die auf schnelles Geld oder kurzen Ruhm aus sind, die Krise zusätzlich.

Diese Mechanismen kennt man aus der Industrie: Bei nahezu jeder Rückrufaktion eines Automobilherstellers gibt es Trittbrettfahrer, die ähnliche Mängel reklamieren - obwohl ihre Fahrzeuge aus anderen Produktionszyklen stammen und die betroffenen Bauteile in ihnen gar nicht verbaut wurden.

In Hollywood ist es nun Dustin Hoffman, der sich ähnlicher Vorwürfe erwehren muss. Dabei haben Stars noch ein zusätzliches Problem: Durch ihre Bekanntheit und Aura machen sie viele andere Menschen empfänglich für körperliche Nähe. Sex mit einem Promi wertet auf, bringt Publicity in den Klatschspalten und ist oft der Grundstein für eine eigene (Medien-)Karriere, wie etwa bei den Ex-Freundinnen von Dieter Bohlen. Da mag es nicht nur einem Dustin Hoffman oder Kevin Spacey schwerfallen, die Grenze zu erkennen, wenn sie selbst übergriffig werden. Wer ständig ein All-You-Can-Eat-Buffet vor der Nase hat, dem fällt es schwerer, sich im richtigen Moment zurückzuhalten und Verzicht zu üben.

Schauen Sie noch einen Film von Roman Polanski? Hätten wir Klaus Kinski angesichts seiner Dauerübergriffe nicht lebenslang verbannen müssen? In einem anderen Umfeld hätte vermutlich auch Kevin Spacey noch eine zweite Chance bekommen können. Im Augenblick sieht es nicht danach aus. Spacey hat sein Ground Zero selbst herbeigeführt.

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