Mittwoch, 28. September 2016

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Kursrutsch an der Börse Wer verkauft jetzt eigentlich noch?

Dax-Kurve: Charttechnik und "Value at Risk" Modelle haben den Abverkauf im Dax zuletzt verstärkt

Der Dax fällt und fällt - wer verkauft da eigentlich? Eine Umfrage zeigt: Es sind nicht nur entnervte Privatanleger. Auch viele Fondsmanager verkaufen - weil sie müssen.

Die Talfahrt am deutschen Aktienmarkt ist dramatisch: Nach dem langen Kursaufschwung hielten Börsianer eine Korrektur zwar für überfällig. Das Ausmaß der Verluste, die die Papiere im Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen seit Jahresbeginn zu verzeichnen hatten, erscheint jedoch überraschend groß - selbst angesichts verschiedener Widrigkeiten, denen sich hiesige Unternehmen gegenüber sehen.

Angesichts der düsteren Lage stellt sich die Frage: Wer ist für den Kursrutsch verantwortlich? Genauer: Welche Marktakteure sind es, die derzeit Papiere zu so niedrigen Kursen auf den Markt werfen und den Index damit weiter belasten?

Wer sich bei Banken, Investmenthäusern, Brokern oder Fondsgesellschaften umhört, erhält zum Teil überraschende Antworte. Von Mittelabflüssen will kaum jemand etwas wissen. Im Gegenteil: Die Kapitalbestände seien weitgehend stabil, heißt es vielfach. Mancher Akteur berichtet sogar von "verhalten guter Stimmung" und Zukäufen, die Investoren im aktuellen Umfeld angeblich tätigten.

Aus großen Dax-ETFs fließt Geld ab

Angesichts der Marktentwicklung klingt das verdächtig nach Zweckoptimismus. Der Blick auf die Zahlen jedenfalls bestätigt diese Darstellung bestenfalls zum Teil. Beispiel Indexfonds: Zahlen des Datenanbieters Bloomberg zufolge gibt es zwar nach wie vor ETFs auf deutsche Aktien, die seit Jahresanfang unterm Strich Mittelzuflüsse verzeichnen. Ihre Anzahl hält sich aber in engen Grenzen.

Das Börsenbeben 2016
Seit Anfang Januar rauschte der deutsche Aktienmarkt um rund 20 Prozent nach unten. Zusätzlichen Schub erhielt der Kursrutsch noch einmal im Februar, in dem alleine inzwischen in der Spitze ein Minus von mehr als 10 Prozent zu Buche steht. Gegenüber dem Höchststand im April vergangenen Jahres beträgt das Minus des Dax bereits etwa 30 Prozent. Kein Dax-Wert, der im laufenden Jahr noch im grünen Bereich notieren würde. Mit seinen Verlusten fällt der deutsche Aktienmarkt inzwischen sogar aus der Reihe anderer westlicher Börsen wie London oder New York heraus. Frankfurt, so berichtete manager-magazin.de in dieser Woche, spielt gemessen an den Kursverlusten in diesem Jahr vielmehr in einer Liga mit den Handelsplätzen in Nigeria oder der Ukraine.
Insgesamt musste das Segment vielmehr deutlich Federn lassen. Enorm beschleunigt hat sich der Exodus der Anleger demnach noch einmal seit Anfang Februar. Allein der große iShares MSCI Germany ETF, mit mehr als vier Milliarden Euro Volumen eines der Dickschiffe am Markt, musste seither Anteile im Umfang von mehr als 400 Millionen Euro zurücknehmen.

Das heißt nicht, dass es nicht gleichzeitig auch Investoren gibt, die im aktuellen Umfeld bereits wieder auf Schnäppchenjagd gehen. Schließlich muss jeder Verkäufer immer erst einmal einen Käufer finden, sonst kommt kein Aktiengeschäft zustande.

Staatsfonds ziehen Ölgeld ab, Computer verkaufen automatisch

Anlagepsychologe und Verhaltensökonom Joachim Goldberg von Goldberg & Goldberg etwa verweist in einer Kolumne für die Deutsche Börse in diesen Tagen darauf, grundsätzlich neutral eingestellte Marktteilnehmer hätten sich zuletzt erstmals seit vier Wochen wieder als Käufer in das Geschehen gewagt. Ein Stimmungsindex institutioneller Investoren liege anders als in der Vorwoche "weit im optimistischen Bereich", so Goldberg mit Verweis auf eine Befragung von Anlegern. Auch Privatleute seien plötzlich wieder zuversichtlicher.

Die Frage bleibt jedoch: Wer verramscht zurzeit seine Aktien, so dass Kursverluste in diesem Ausmaß entstehen? Markt-Akteure geben darauf verschiedene Antworten. Roger Peeters von der Oddo Seydler Bank etwa meint, dass Druck vom Terminmarkt kommt. Anlagepsychologe Goldberg vermutet zudem "Abflüsse langfristigen Kapitals, auch ins Ausland". Dem Markt könnte das nach Ansicht des Fachmanns eine zusätzliche Belastung bringen. Denn sollte der Dax nochmals unter seine bisherigen Tiefststände bei 8770 Zählern fallen, drohe eine erneute Verkaufswelle, so Goldberg.

Passend dazu berichtete das "Wall Street Journal" jüngst über den Zusammenhang der Börsenbaisse mit dem Verlauf des Ölpreises. Viele Staatsfonds aus Ölförderstaaten seien an der Börse engagiert. Ausfallende Einnahmen aufgrund des seit Monaten erodierenden Ölpreises zwängen die Manager solcher Fonds nun zumindest teilweise zum Rückzug.

Regelgebundene Investoren - und Regeln, die ins Kurstief führen

Ein weiterer Umstand, der die Abwärtsbewegung beschleunigen kann, ist die Tatsache, dass inzwischen vielfach automatisierte Investmentprogramme ablaufen oder zumindest Manager nach präzise vorgegebenen Regeln handeln. Werden bestimmte Marktstände unterschritten, so löst das in solchen Fällen oft zusätzliche Verkäufe aus - ganz gleich, ob sich das mit der Markteinschätzung des Managements oder fundamentalen Beurteilungskriterien deckt oder nicht.

"Ich kenne viele Institutionen, die ihre Aktienbestände reduzieren, sobald gewisse Verlustschwellen wie zum Beispiel 10 Prozent erreicht werden", bestätigt Christoph Bruns vom Investmenthaus Loys.

"Bei Vermögensverwaltern werden heute vielfach Multi-Asset-Konzepte verfolgt", sagt Thomas Meyer zu Drewer, Leiter von Comstage, der ETF-Marke der Commerzbank. Diese beruhen oft auf regelbasierten Anlagekonzepten und dürften zum Teil zu den aktuellen Verkäufen am Aktienmarkt beigetragen haben."

Wenn zittrige Hände regieren - Charttechnik gibt Verkaufsignale

Eine Grundlage, auf die sich derartige regelbasierte Strategien oft beziehen, ist die technische Analyse von Aktiencharts. Dabei suchen Experten in der grafischen Darstellung der Kursverläufe, den sogenannten Charts, nach Mustern oder Auffälligkeiten und versuchen daraus Schlussfolgerungen auf die künftige Entwicklung abzuleiten.

Und siehe da: Wer sich in Bezug auf den Dax Börsen-Chart zeigen an die Charttechnik hält, wird derzeit nicht eben ermuntert, in den Markt einzusteigen. Im Gegenteil: "Der Dax hat die Unterstützungslinie von 9300 Zählern durchbrochen", sagt Manfred Schlumberger, Chief Investment Officer bei der Berenberg Bank. "Es war klar, dass die Kurse da weiter fallen würden."

Loys-Manager Bruns vermutet unter den Verkäufern neben regelgebundenen Investoren ebenfalls auch "Spekulanten", die sich an der Charttechnik orientieren. Hinzu kommen aus seiner Sicht zwei weitere Parteien. Erstens: "Weltweite Asset Allokateure", vornehmlich "angelsächsischer Provenienz". "Wo die Aktienquote etwa zu Gunsten der Anleihequote abgebaut wird, da wird auch der Dax verkauft", so Bruns.

Zweitens: Die "Zittrigen". Damit zitiert Bruns ein Bonmot des einstigen Börsengurus André Kostolany. Der meinte jene Anleger, die kräftige Kurskorrekturen mental nicht aushalten und daher rasch nach dem Ausgang streben. Das Ausmaß des Börseneinbruchs 2016 legt die Vermutung nahe, dass dies ein großer Teil der Verkäufer sein könnte.

Fünf Theorien, die das Chaos an den Märkten erklären:

Das schnelle Geld ist schuld

"Das schnelle Geld ist Ende 2015 bei den Banken eingezogen, weil Zinserhöhungen erwartet wurden", zitiert das Wall Street Journal die Portfolio-Managerin Diane Jaffee. "Nun verabschiedet es sich wieder." Heißt: Kurzfristig denkende Investoren ("fast money") hätten in Aussicht auf die angekündigte Zinserhöhung der Fed auf steigende Bank-Gewinne gewettet: Die Schere zwischen den Einnahmen der Banken mit Darlehen und den Ausgaben für Spareinlagen gehe weiter auf, so die Annahme. Weil steigende Zinsen nun aber immer unwahrscheinlicher würden, stießen kurzfristig denkende Investoren ihre Bank-Aktien wieder ab.

China ist schuld

In Deutschland, das stark auf China als Exportmarkt baut, dürfte dieser Zusammenhang besonders stark ziehen. Viele Investoren glauben angesichts der relativen wirtschaftlichen Schwäche Chinas, dass Peking seine Währung Yuan langfristig abwerten müsse, was den internationalen Konkurrenzkampf beim Export noch einmal befeuere. Die Furcht vor einer Abwertung des Yuan ist auch deshalb hoch, weil eine erste Abwertung im August 2015 bereits einmal für einen globalen Ausverkauf gesorgt hat.

Die Öl-Staatsfonds sind schuld

In Zeiten hoher Ölpreise haben verschiedene Länder ihre Milliarden-Gewinne aus der Ölförderung in Staatsfonds gepumpt. "Nun liquidieren diese Fonds Aktien, die sie in glücklicheren Zeiten gekauft haben, und beschleunigen damit den Ausverkauf am US-Markt", schreiben die Journalisten des "WSJ", was viele Investoren beunruhige. JP Morgan gehe davon aus, dass Staatsfonds im laufenden Jahr bis zu 75 Milliarden Dollar an Aktien verkaufen würden. Der US-Markt selbst sei zuletzt etwa 20,95 Billionen Dollar schwer gewesen. Entsprechend seien die Auswirkungen dieses Ausverkaufs nicht furchtbar gravierend: Öl-Preise würden zwar dauerhaft unter Druck bleiben, zitiert das "WSJ" Ben Mandel von JP Morgan, "aber ich glaube nicht, dass öl-getriebene Staatsfonds-Abflüsse eine tödliche Gefahr für US-Aktien sind."

Die US-Wirtschaft ist schuld

Probleme ausländischer Märkte und ein starker Dollar könnten der US-Wirtschaft schaden, fürchten Investoren laut "WSJ". Indikatoren für die wirtschaftliche Stärke des Landes seien uneindeutig: Das produzierende Gewerbe schrumpfe seit vier Monaten, das Job-Wachstum habe sich verlangsamt. Gleichzeitig sinke jedoch die Arbeitslosigkeit, auch die Löhne stiegen. All dies, so das Fazit, "unterstreicht die Unsicherheit". "Das größte Risiko, das wirklich jeder im Kopf hat, ist eine abrupte Abschwächung in den Emerging Markets, der in die USA überschwappen wird", zitiert das Blatt den UBS-Analysten David Lefkowitz.

Das Wachstum ist schuld

Bislang sei der Ölpreis-Crash immer mit einem Überangebot erklärt worden, schreibt das Journal weiter; derzeit verfestige sich unter Investoren allerdings die Ansicht, dass auch die Nachfrage schwächele – und damit das Wachstum an sich. "Wenn Rohstoffpreise insgesamt generell schwach sind, sagt mir das allgemein gefasst, dass die globale Nachfrage schwach ist", sagt etwa Portfolio-Manager Paul Nolte.


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