Freitag, 31. März 2017

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So führen uns Politiker und Lobbyisten in die Irre Das Märchen vom Fachkräftemangel

"Wir finden keine Fachkräfte mehr." Ich höre diesen Satz täglich mindestens drei oder vier Mal von Unternehmen und Personalern aus ganz Deutschland. Dabei unterscheidet sich die Interpretation von "Fachkräften" teilweise erheblich. Die wunderbare Geschichte vom Fachkräftemangel wird allerdings nicht in den Betrieben geschrieben. Politiker und Lobbyisten haben sich diese Märchengeschichte ausgedacht.

Und das Beste: Jeder macht mit, denn unter den beschriebenen Symptomen leiden tatsächlich viele Betriebe. Die Grunderkrankung ist nur eben eine ganz andere.

Jakob Osman
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    Anja Nier/Agentur Junges Herz
    Jakob Osman ist Experte für Employer Branding. Seine Agentur Junges Herz berät Kunden aus allen Branchen im Bereich Personal- und Ausbildungsmarketing.

Um es vorweg zu nehmen: Der Fachkräftemangel ist real. Nur nicht so, wie er gern dargestellt wird. Im Dezember erschien die so genannte Fachkräfteengpassanalyse der Agentur für Arbeit. Gleich auf Seite 4 findet der Leser eine erstaunliche Information, die vielen in Politik und Lobbyverbänden nicht wirklich schmecken dürfte: "Aktuell zeigt sich nach der Analyse der Bundesagentur für Arbeit kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland."

Festgestellt wird lediglich, dass es in manchen Regionen und Branchen schwieriger ist gute Arbeitskräfte zu finden als in anderen. Das liegt in der Natur der Sache: Ein IT-Dienstleister im tiefsten Allgäu wird mehr Probleme haben, als sein Konkurrent in München, Köln oder Hamburg. Das aber ist nichts Neues. Bereits vor Jahrzehnten war die Fachkräfteversorgung in bevölkerungsärmeren Regionen schwieriger.

Falsche Prognosen

Immer öfter hört man von verschiedenen Verbänden, Vereinen und aus der Wirtschaft die Klagerufe. Es fehlen Fachkräfte an jeder Ecke. Ein beliebtes Thema sind die Ingenieure. Schenkt man den Äußerungen einiger Verbände Glauben, dann steht Deutschland kurz vor dem Kollaps, da niemand mehr unsere Maschinen und Autos entwickelt und plant.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) und der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) haben sich 2015 intensiv mit dem Thema beschäftigt und kommen in einer Studie zu dem Schluss, dass bis 2029 bis zu 390.000 Ingenieure in Deutschland fehlen würden. Sollte dies zutreffen, wäre Deutschland spätestens 2025 ökonomisch nicht mehr voll handlungsfähig. Dass sich dasselbe Institut in seiner Prognose von 2009 um 140.000 fehlende Fachkräfte verrechnet hat, wird gern ignoriert.

Der Fachkräftemangel bei Ingenieuren existiert so nicht. Festhalten darf man, dass die Vakanzen von Unternehmen deutlich länger offen sind - im Schnitt 110 bis 125 Tage. Doch selbst die Agentur für Arbeit sagt, dass auf 100 gemeldete offene Stellen rechnerisch 174 arbeitslose Experten der Maschinen- und Fahrzeugtechnik kommen. Warum also wird sich so viel Mühe gegeben einen Fachkräftemangel zu prognostizieren?

Schauen wir uns die Verbände und Lobbyvereine an. Besonders lohnt sich der Blick auf die Automobilindustrie. Daimler, VW, Audi, Opel - fast alle machen mit. Sie organisieren sich und nehmen direkt oder indirekt Einfluss auf die Politik. Das ist grundsätzlich auch nichts Schlimmes, im Gegenteil: Von einem Austausch profitieren beide Seiten und die Bürger, da wichtiges Wissen und aktuelle Trends aus der Wirtschaft schnell und unkompliziert mit der Politik verzahnt werden können. Wenn aber ein Industriezweig ganz bewusst Studien, Expertengremien und Cheflobbyisten auf ein Thema ansetzt und dieses werblich instrumentalisiert, sollte man hellhörig werden. Gerade beim Thema Ingenieure ist dies oft der Fall. Doch warum eigentlich?

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