Samstag, 15. Dezember 2018

Die Tyrannei von Integrität und Compliance Warum allzu moralische Unternehmen ein Albtraum sind

Taugen Banditen als Vorbilder? Markus Pohlmann meint, eine vollkommen moralische Welt wäre schrecklich.
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Taugen Banditen als Vorbilder? Markus Pohlmann meint, eine vollkommen moralische Welt wäre schrecklich.

Mutmaßliche Industriespionage bei Lanxess, Abgasmanipulation bei Volkswagen, Preisabsprachen bei Wurstherstellern: Immer wieder machen Unternehmen oder deren Mitarbeiter durch gesetzeswidriges und unmoralisches Verhalten von sich reden. Und immer wieder folgen anschließend Appelle, dass wir dringend mehr Integrität, Moral und Tugend in der Wirtschaft und den Köpfen der handelnden Personen brauchen. Besonders Unternehmen scheinen derzeit sehr eingenommen von der Idee einer moralischen Vervollkommnung ihrer Mitarbeiter zu sein.

Aber mal ehrlich: Gäbe es in dieser Welt der Heiligen tatsächlich keine Kriminalität mehr und keinen Machtmissbrauch? Wäre sie wirklich eine bessere Welt?

Markus Pohlmann
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    Universität Heidelberg
    Markus Pohlmann ist Professor an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Analyse von Management und Arbeitsorganisation in Industrieunternehmen. Aktuelle Texte zu diesen und anderen Themen veröffentlicht er auf seinem Blog Corporate Crime Stories.

Freizügigkeit weicht der Tyrannei

Der Soziologe Emile Durkheim hat bereits vor vielen Jahrzehnten Antworten auf diese Frage gegeben: Da es auch unter Heiligen keine vollkommene Gleichschaltung der Personen geben kann, käme es aufgrund der Individualität von Personen immer wieder zu Abweichungen. Gleichzeitig würden aber in einer Welt voller Heiliger auch kleine Abweichungen zu großen Verbrechen und würden entsprechend geahndet. Moral ist nach Niklas Luhmann immer ein zweischneidiges Schwert: die Kommunikation von Achtung und Missachtung. Und Missachtung gäbe es genug. Die Wahrheit ist: Eine vollkommen moralische Welt, wäre eine schreckliche Welt.

Nicht nur, weil die Exekution von Moral mit der Exekution der Andersdenkenden einherginge. Sondern grundsätzlich, weil - ähnlich wie unter dem Reformator Johannes Calvin in Genf - jede Freizügigkeit für uns verloren ginge. Das Freiraum schaffende Legalitätsprinzip, das erlaubt, was nicht verboten ist, würde durch die Tyrannei der Moral ersetzt. Ganz davon abgesehen, dass Unternehmen in dieser moralischen Welt schnell Bankrott gehen würden. Moral fordert unbedingte Geltung - egal wie hoch die Kosten und ökonomischen Verluste sein mögen. Wer kann dies wollen? Was also soll die neue Betonung von Moral und Integrität in der Unternehmenswelt?

Das wahre Ziel von Compliance

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns die Funktion von Compliance vor Augen führen. Compliance-Abteilungen versuchen sicherzustellen, dass die Unternehmen sich formal den wandelnden Rechtsvorschriften anpassen - dort, wo es notwendig ist. Deswegen sind diese Abteilungen in der Regel mit Juristen besetzt. Diese versuchen, die Unternehmenshaftung zu beschränken und mögliche Strafen sowie unnötige Risiken zu erkennen und zu vermeiden. Dies geschieht unter anderem dadurch, dass formal der Nachweis erbracht wird, dass das Unternehmen die notwendigen formalen Maßnahmen und Schritte ergriffen hat, um Rechtsbrüche zu vermeiden und allen Mitarbeitern klar zu machen, dass damit nicht zu spaßen ist. Das ist Legitimation durch Verfahren.

Die zweite Funktion ist es, im Falle von aufgedeckten Vergehen Zurechenbarkeit, Haftbarkeit oder Strafbarkeit zu organisieren. Hier kommt das Thema Integrität ins Spiel. Denn für diese Aufgabe ist das Konzept der "moral self-governance" gut geeignet. Man kann dann sagen: Wir haben die Mitarbeiter nicht nur trainiert und einen moralischen Kodex formuliert, sondern auch die individuelle moralische Selbststeuerung befördert. Wer dann noch die Regeln verletzt, ist nicht nur haftbar und strafbar, sondern auch moralisch diskreditiert. Eine Entscheidung gegen die Befolgung von formalen Regeln wird zu einer Entscheidung gegen das Unternehmen und - vermeintlich - gegen die Gesellschaft. Damit sind die schwarzen Schafe schnell ausgemacht und das Unternehmen ist "clean", sobald diese entlassen und gegebenenfalls der Justiz übereignet worden sind. Dies ist eine sehr alte Übung, um Systemvergehen in Individualvergehen zu transformieren - siehe Volkswagen.

Aber die Profis in den Compliance Abteilungen sind in der Regel nicht zynisch, sondern gehen davon aus, dass schon die Rede von Moral und Integrität Wirkung entfaltet. Die Frage ist nur welche.

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