Dienstag, 20. November 2018

Boom-Markt medizinisches Cannabis Wie der Staat das Hanf-Geschäft in die Hand nimmt

2. Teil: Deutschland will seinen Eigenbedarf selbst decken

Wo kommt nun das Cannabis zur Behandlung der Patienten her? Derzeit importiert der Bund laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) den Stoff vor allem aus den Niederlanden und Kanada. Dort wird es für medizinische Behandlungen unter staatlicher Kontrolle angebaut. Im vergangenen Jahr wurden 170 Kilogramm sogenannter Medizinalhanf nach Deutschland eingeführt. Das ist gut drei Mal so viel wie noch 2014.

Künftig soll es nicht beim Import bleiben. Deutschland will seinen "Eigenbedarf" selbst decken - und hat dazu Anfang März eine staatliche Cannabis-Agentur unter dem Dach des BfArM gegründet. Sie werde die Versorgung von Patienten mit Cannabis "in pharmazeutischer Qualität" sicherstellen, erklärt BfArM-Präsident Karl Broich.

Die Agentur soll den Hanf aber auch nicht selbst anbauen. Sie will Aufträge EU-weit an Unternehmen ausschreiben, die sich um die Plantagen in Deutschland kümmern. Das Verfahren soll in wenigen Wochen starten, sagt ein Sprecher. Bei der Behörde ist man bemüht um Distanz zur Droge: "Die Ernte wird nicht ins BfArM transportiert, nicht dort gelagert und auch nicht von dort aus weiterverteilt." Das würden die Anbaubetriebe und weitere Firmen übernehmen.

Für die Krankenkassen wird es teuer

Wer dafür in Frage kommen könnte und welche Vorschriften für den Anbau gelten sollen, will der Sprecher aus vergaberechtlichen Gründen nicht näher eingrenzen. Die Agentur wiederum soll die Ernte erwerben und sie an Hersteller von Arzneimitteln, Großhändler oder Apotheken weiterverkaufen. Gewinne dürfen Agentur und BfArM dabei nicht erzielen - wohl aber "Personal- und Sachkosten" berücksichtigen.

Wie viel Cannabis hierzulande benötigt wird, ist unklar. Das BfArM multipliziert die 1000 Patienten, die derzeit Ausnahmegenehmigungen haben, mit einem Tagesbedarf von einem Gramm - und kalkuliert so allein für sie mit 365 Kilogramm pro Jahr. Mit der ersten Ernte unter Staatsaufsicht rechnet das BfArM im Jahr 2019. Bis dahin kontrolliert wie bisher die Bundesopiumstelle den Cannabis-Import. Sie soll zudem in den nächsten fünf Jahren die Wirkung von Cannabis weiter erforschen - denn bisher ist die noch nicht komplett geklärt.

Das lässt etwa die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) an Behandlungen mit Cannabis zweifeln. "Für den dauer- und regelhaften Leistungsanspruch in der gesetzlichen Krankenversicherung fehlt der Nachweis der Wirksamkeit", erklärte der GKV-Spitzenverband. Mit der neuen Studie der Bundesopiumstelle müsse sich zeigen, ob "die Cannabis-Therapie dauerhaft zum Leistungsspektrum der gesetzlichen Krankenversicherung gehört". Für die Kassen bedeutet die Freigabe hohe Kosten: Eine Therapie mit Cannabis kostet im Monat durchschnittlich 540 Euro, so wird es im neuen Gesetz veranschlagt.

Den Deutschen Hanfverband ficht das nicht an. Er erwartet einen "massiven Anstieg" der Therapie-Zahlen. "Einige hunderttausend Menschen könnten hierzulande von Cannabis-Behandlungen profitieren", sagt Geschäftsführer Wurth. Für Firmen sei das ein gutes Geschäft. "In Colorado mit seinen sechs Millionen Einwohnern wurden vergangenes Jahr 400 Millionen Dollar mit Cannabis-Therapien umgesetzt", berichtet er. Und in den Bundesstaaten New Mexiko oder Hawaii würden etwa ein Prozent der Bevölkerung mit Cannabis behandelt - das entspreche in Deutschland gut 800.000 Menschen.

Alexander Sturm und Christine Schultze, dpa

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