Dienstag, 12. Dezember 2017

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Geldentwertung Ein Horrorjahr für Sparer - und für Anleger?

Rekordkurse an der Wall Street: Die Not der Sparer hat Aktienkurse beflügelt - bis jetzt

Steigende Geldentwertung und null Zinsen: Sparer erwartet 2017 ein Schreckensszenario. Doch auch Aktionäre müssen zittern - die Flucht vom Sparbuch in Aktien wird immer riskanter.

Ein Warnsignal für Anleger und Sparer: Um 1,7 Prozent sind die Verbraucherpreise in Deutschland zuletzt im Jahresvergleich gestiegen. Die EZB und das deutsche Ifo-Institut rechnen mit einer deutlich anziehenden Teuerung im Jahr 2017. Volkswirte rechnen - vor allem wegen der zuletzt stark gestiegenen Ölpreise - mit Teuerungsraten in Deutschland von knapp 2 Prozent in Januar und Februar. Zwar dürften die Inflationsraten im weiteren Jahresverlauf dann wieder etwas nachgeben, doch das Signal ist klar: Die Zeiten, in denen Sparer auf Grund der Mini-Inflation (2016 waren es 0,5 Prozent) die Mini-Zinsen noch aushalten konnten, sind vorbei.

Ab 2017 tut es richtig weh. Die Teuerung (das Ifo-Institut erwartet 1,5 Prozent im Gesamtjahr) wird das auf Spar- und Festgeldkonten geparkte Vermögen real mindern. Denn steigende Zinsen wie in den USA sind in Euroland trotz steigender Inflation nicht zu erwarten. Die EZB hat im Gegenteil beschlossen, ihr Anleihe-Kaufprogramm bis Ende 2017 fortzuführen, und will bis dahin Anleihen und Wertpapiere im Gesamtwert von 2,3 Billionen Euro aufkaufen. Ein Ausstieg aus der "expansiven Geldpolitik" ist laut EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny nicht abzusehen.

Die EZB sitzt in der Falle. Sie kann die Geldflut nicht so einfach eindämmen. Zwar bewegt sich die Inflationsrate in Deutschland in diesem Jahr wohl zügig auf die von der Zentralbank definierte Zielmarke von 2 Prozent zu, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest. Doch nicht nur die italienischen Banken sind auf Nullzinsen dringend angewiesen, sondern auch viele südeuropäische Volkswirtschaft von Portugal über Spanien bis Italien. Kauft die EZB nicht wie ein großer Staubsauger ihre Anleihen auf und flutet sie die Finanzmärkte nicht mit billigem Geld, bekommen diese Länder ernste Probleme.

Die Folge: In Deutschland bleibt der Zins weiterhin weit unter dem Niveau, der für die deutsche Volkswirtschaft eigentlich angemessen wäre. Um südeuropäische Banken zu schützen, nimmt die EZB das Leiden der deutschen Sparer in Kauf - es ist für sie das kleinere Übel.

Flucht in Aktien wegen Nullzins: Ddieses Manöver wird gefährlich

Was also tun? Der deutsche Sparer kann sich bei Wolfgang Schäuble ein bisschen Hoffnung holen. Der Bundesfinanzminister empfiehlt der EZB für dieses Wahljahr den "Einstieg in den Ausstieg" aus der Geldflut. Doch damit dürfte Sparmeister Schäuble ähnlich viel Gehör finden, wie Bundebank-Chef Jens Weidmann innerhalb des EZB-Rates - nämlich gar nicht. Schäuble hat sich daher von einer realen Verzinsung des deutschen Sparvermögens längst verabschiedet: "Wir müssen uns damit abfinden, dass es für risikofreie Anlagen keine Realzinsen mehr gibt", sagte Schäuble diese Woche in einem SZ-Interview.

Rendite gibt es nur noch gegen Risiko: Von dieser Einsicht haben Aktien bereits in den vergangenen Jahren stark profitiert. Aktien wurden nicht wegen attraktiver Bewertungen gekauft, sondern weil viele Anleger aus purer Not in diese Anlageklasse wechselten. Sie wollten dem Schmelzen ihres Sparvermögens nicht mehr tatenlos zusehen und wechselten ins Risiko - und diese Rechnung ist in den vergangenen zwei Jahren für sie auch aufgegangen.

Inzwischen hat der Ansturm der Nullzins-Gepeinigten die Aktienpreise aber kräftig in die Höhe getrieben. Je mehr Aktienkäufer ihr Heil an den Finanzmärkten suchen, desto stärker steigen die Kurse: Die Notenbanken haben viele Sparer ins Risiko getrieben und damit die Aktienpreise aufgepumpt.

Aktienpreise weit über historischem Durchschnitt

Inzwischen liegen die Bewertungen am US-Aktienmarkt um mehr als 20 Prozent über dem langjährigen Durchschnitt, sagt Analyst Jochen Stanzl von CMC Markets. Die Frage sei, ob die Unternehmen die hoch gesteckten Erwartungen noch erfüllen können - zumal steigende Zinsen in den USA in diesem Jahr auch Anleihen, den traditionellen Gegenspieler von Aktien, schrittweise wieder attraktiver machen. Viele institutionelle Anleger dürften bald wieder mehr Geld in festverzinsliche Anlagen umschichten - zumal es reizvoll ist, nach der jüngsten Rally an den Börsen Gewinne mitzunehmen. Ein Konzern wie Procter & Gamble Börsen-Chart zeigen zum Beispiel wird an der Wall Street inzwischen mit dem 26fachen des Jahresgewinns bewertet - dabei handelt es sich um einen soliden Konsumgüterkonzern, nicht um einen Tech-Highflyer mit zweistelligem Gewinnwachstum.

Hinzu kommt das Risiko Trump. Der jüngste Kursaufschwung basiert auf den turmhohen Erwartungen, die der künftige US-Präsident geschürt hat. Trump will der "größte Jobbeschaffer aller Zeiten", der größte Deregulierer der Finanzbranche und überhaupt der stärkste Konjunkturmotor sein, den die USA je erlebt haben. In Ankündigungen ist Trump kaum zu toppen - und die Börsen nehmen Trumps vollmundige Versprechen nach dem Motto "buy the rumour, sell the fact" dankbar auf. Ob Trump als Präsident die Erwartungen erfüllen wird, daran wachsen nicht erst seit der chaotischen Pressekonferenz Trumps in dieser Woche die Zweifel.

Noch sind die Börsen in Partylaune, und viele Sparer suchen ihre Rettung in Aktien. Die pure Not der Sparer ist jedoch keine Garantie dafür, dass die Party an den Börsen bis Ende 2017 weitergeht. Mancher Sparer wird wohl lieber noch einige Monate mit Nullzinsen, steigender Inflation und realen Minuszinsen leben, als jetzt zu Rekordkursen zu kaufen und in wenigen Wochen die überfällige Kurskorrektur an der Börse zu erleben.

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