Samstag, 23. März 2019

Geschichte, Technik, Bedienlogik Was Sie über die 737 Max wissen sollten

Boeings Crash-Modell: Diese Airlines setzen die 737 Max ein
REUTERS

Die Nachricht über den tragischen Absturz von Ethiopian Flug 302 war erst wenige Minuten in der Welt, schon brach der Aktienkurs von Boeing, dem weltgrößten Produzenten ziviler Flugzeuge, um etwa 12 Prozent ein. Einen Kursverlust in dieser Größenordnung verzeichnete der Hersteller das letzte Mal kurz nach dem 11. September, welcher die komplette Luftfahrtindustrie in einen Schockzustand versetzte.

Diesmal begründet sich der Vertrauensverlust in das Boeing-Papier vor allem mit der unklaren Zukunft der Boeing 737 Max, Boeings neuem Flaggschiff für die Kurz- und Mittelstrecke. Im Folgenden sollen die aufgetretenen Probleme genauer analysiert werden und ebenso die möglichen Folgen für Ethiopian und Boeing Börsen-Chart zeigen.

Geschichte und Technik der Boeing 737

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    Alexander Koenig ist Gründer von First Class & More (www.first-class-and-more.de), dem größten deutschsprachigen Beratungsportal für günstige Business und First Class Flüge sowie die optimale Nutzung von Vielflieger- und Hotelprogrammen. Zuvor war er viele Jahre als Unternehmensberater bei McKinsey und BCG tätig. In seiner neuen Kolumne "Koenigs Klasse" greift er regelmäßig Themen auf, die für Vielflieger und -reisende interessant sind.

Die Boeing 737, welche in einer Vielzahl an Versionen seit 1968 im Einsatz ist, ist Boeings Brot- und Butter-Produkt und mit über 10.000 gebauten Flugzeugen ein wichtiges Rückgrat des globalen Luftverkehrs. Die verunglückte Maschine der Ethiopian Airlines war eine vier Monate alte Boeing vom Typ 737 Max 8, der neuesten Version der beliebten Flugzeugreihe, welche 2016 ihren Erstflug feierte. Im Vergleich zu ihren Vorgängern zeichnet sich die Max-Serie durch effizientere Triebwerke und eine erhöhte Startmasse und Reichweite aus.

"Identisches" Cockpit und Bedienlogik

Während sich die grundlegende Technik zwischen der neuen 737 Max-Serie und der nun älteren 737 NG Serie deutlich unterscheidet, wurde großer Wert darauf gelegt, dass das Cockpit und die Bedienlogik möglichst identisch bleiben. Dies resultiert aus der Bestrebung, die Umschulungszeiten und Trainingskosten für Piloten zwischen beiden Modellen möglichst gering zu halten. Ein Pilot, welcher eine Zertifizierung für die ältere Boeing 737 NG Serie besitzt, kann somit innerhalb weniger Tage auf den neuen Flugzeugtyp umgeschult werden.

Video: Boeing will 737 Max-Flugzeuge am Boden halten

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Bild: REUTERS

Dies ist für die Fluggesellschaften sehr vorteilhalft, könnte aber auch eine Rolle bei dem ersten Crash einer Boeing 737 Max der indonesischen Lion Air im Oktober letzten Jahres gespielt haben, welche kurz nach dem Start in Jakarta verunglückte. Ersten Erkenntnissen zufolge führte hier ein fehlerhafter Geschwindigkeitssensor zu einer fälschlichen Aktivierung des MCAS-Systems, welches bei einem zu hohen Anstellwinkel des Flugzeuges aktiv wird und die Nase automatisch nach unten drückt.

In einer regulären Flugsituation würde dies die Fluggeschwindigkeit erhöhen und so einem potenziell tödlichen Strömungsabriss vorbeugen. Problem bei dem Lion-Air-Flug war allerdings, dass der kritische Anstellwinkel nur von einem fehlerhaften Sensor vorgegaukelt wurde und somit das Flugzeug in einen kontinuierlichen Sturzflug geschickt wurde.

Da das System erstmals in der Boeing 737 Max eingesetzt wurde und dies von Boeing so nicht gesondert kommuniziert wurde, war den Piloten wahrscheinlich nicht sofort klar, wie sie das System in dieser Situation hätten deaktivieren können. Die mangelnde Kommunikation von Seiten Boeings über den Einbau dieses neuen Systems kann unter Umständen eine wichtige Rolle bei dem Lion Air Absturz gespielt haben. In Reaktion auf den Absturz wurden neue Anweisungen über den Umgang mit dem MCAS System publiziert.

Der Ethiopian-Unfall weist ähnliche Charakteristika auf

Nun ein weiterer Unfall mit der Boeing 737 Max, welcher auf den ersten Blick ähnliche Charakteristika aufweist; die genaue Unfallursache wird in den nächsten Wochen und Monaten von den ermittelnden Behörden untersucht werden. Die Sicherheitsstatistik für die Boeing 737 Max ist damit für einen modernen Flugzeugtyp katastrophal. Zwei Abstürze innerhalb weniger Monate - für ein Flugzeug, welches seit weniger als einem Jahr im Betrieb war, ist das in den letzten Jahrzehnten beispiellos. Zusätzlich geschahen beide Unfälle mitten am Tag bei ansonsten perfekten Wetterbedingungen, was äußere Einflüsse unwahrscheinlich macht. Weiterhin ist nicht klar, ob sich die Probleme auf das neue MCAS-System beschränken oder ob noch weitere unbekannte Faktoren im Spiel sind.

Aus diesem Grunde wurde die Boeing 737 Max nun weltweit gegrounded. Da bisher schon mehr als 350 Boeing 737 Max ausgeliefert wurden und diese in vielen Fällen nicht ohne weiteres ersetzt werden können, stellt dies viele Fluggesellschaften vor größere operative Probleme. Diese führen zu Flugstreichungen oder machen eine kostspielige Anmietung von Flugzeugen anderer Airlines erforderlich. Norwegian Airlines beispielsweise hat schon erste Flugstreichungen für ihre Flüge ab Irland in die USA bekannt gegeben, da es hier kein passendes Alternativflugzeug in der Flotte gibt.

Imageschaden für Ethiopian

Neben den operativen Problemen wird gerade Ethiopian Airlines durch diesen Unfall hart getroffen. Im Gegensatz zu vielen anderen Fluggesellschaften in Afrika verfügte die Airline nämlich bis jetzt über eine ausgezeichnete Sicherheitsbilanz. Dies liegt unter anderem an einer sehr modernen und jungen Flotte sowie strengen Sicherheitsstandards, zu denen sich die Airline als Teil der weltumspannenden Star Alliance verpflichtet hat.

Während die Airline bisher aufgrund der Assoziation mit anderen unsicheren afrikanischen Airlines bei manchen Fluggästen nicht die erste Wahl war, dürfte sich dieser Effekt nun eventuell zu Unrecht noch weiter verstärken. Sollte sich herausstellen, dass der Ethiopian-Airlines-Crash auf einen Konstruktionsfehler der Boeing 737 Max zurückgeführt werden kann, dürften hier hohe Schadensersatzforderungen fällig werden.

Vertrauensverlust bei Boeing

Noch schwerer als diese dürfte aber der Vertrauensverlust der Airlines in Boeing Flugzeuge wiegen. Die Boeing 737 Max ist nicht das erste Produkt von Boeing, welches mit massiven Startschwierigkeiten zu kämpfen hat, schon bei der Boeing 787 gab es große Probleme mit den verbauten Batterien. Mehrere Flugzeuge, unter anderem auch eine brandneue Ethiopian Airlines Boeing 787, fingen am Boden Feuer, was durch überhitzte Batterien verursacht wurde. Dies führte zu einem weltweiten vier Monate andauernden Grounding, welches durch die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA angeordnet wurde.

Die indonesische Airline Lion Air, welche bei dem ersten 787 Max-Crash betroffen war, überlegt öffentlich, von nun an auf eine komplette Airbus-Flotte umzustellen. Wenn andere Airlines ähnliche Schlüsse aus diesen Vorkommnissen ziehen, dürfte dies Boeing wertvolle Aufträge kosten.

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